Chronik28. Juli 2026ca. 8 Min. Lesezeit
Die Chronik der Auslöschung – Teil 2: Kein palästinensisches Volk (1948–1967)
1948–1967: Die Nakba und die Leugnung

1948 wurde der Transfer, der 1895 erfunden wurde, zur Realität. 750.000 Palästinenser wurden vertrieben, Dörfer zerstört, die Namen gelöscht, und dann begann die zweite Phase: die Leugnung. Was als militärische Notwendigkeit bezeichnet wurde, war die Umsetzung eines Plans, der Jahrzehnte vorher formuliert worden war. Die Vertreibung war kein Einzelfall, kein Kollateralschaden, kein tragisches Missverständnis, sondern das erklärte Ziel.
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Die Nakba: Rabin befiehlt 'Treibt sie aus!'

Yitzhak Rabin, der spätere Premier und Friedensnobelpreisträger, befahl 1948 während der Operation Dani:
„Treibt sie aus!"
Dies bezog sich auf die Vertreibung von 50.000 bis 70.000 Palästinensern aus Lydda und Ramle. Rabin selbst schrieb dies in seinen Memoiren, aber die Passage wurde von der israelischen Zensur gestrichen und erst nach seinem Tod veröffentlicht. Die Zensur einer solchen Passage zeigt, dass der Staat wusste, was diese Worte bedeuteten. Sie waren nicht für die Nachwelt bestimmt, weil sie das Bild des defensiven Krieges zerstörten. Was in Lydda geschah, war kein Gefecht, sondern ein Massaker: Israelische Truppen beschossen die Stadt, eine Moschee, in der sich Zivilisten geflüchtet hatten, wurde mit Maschinengewehren unter Feuer genommen. Wer überlebte, wurde auf einen Marsch in die Wüste geschickt, in der Julihitze, ohne Wasser, ohne Schatten. Wer stehen blieb, wurde erschossen oder starb an Erschöpfung. Die Zahl der Toten auf diesem Marsch wurde nie offiziell erfasst.
Die Vertreibung war kein Kollateralschaden des Krieges, sondern das Ziel. Operation Dani war nicht darauf angelegt, Zivilisten zu schützen, sondern sie zu entfernen. Wer die Befehlsstruktur versteht, versteht, dass die Nakba nicht aus dem Nichts kam, sondern aus einer Entscheidung, die von militärischer Führung getroffen und politisch gedeckt wurde. Lydda und Ramle waren keine Ausnahme, sondern ein Muster. Was hier geschah, geschah in Dutzenden anderen Orten mit derselben Logik: militärische Übermacht, Zivilistenflucht, Zerstörung der Infrastruktur, Verhinderung der Rückkehr.
Der Friedensnobelpreis, den Rabin Jahrzehnte später erhielt, steht in einem seltsamen Verhältnis zu dieser Passage. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Politiker im Lauf ihres Lebens unterschiedliche Rollen einnehmen. Aber die Zensur der eigenen Memoiren zeigt, dass Rabin selbst wusste, dass diese Worte sein späteres Image belasten würden. Die Geschichte wurde nicht falsifiziert, sie wurde nur unsichtbar gemacht, solange der Akteur lebte.
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Dayan: 'Sie sind wie Hunde'
Moshe Dayan, Israels berühmtester General, sagte 1967 über palästinensische Flüchtlinge:
„Sie sind wie Hunde, lasst sie in 48 Stunden gehen."
Dayan war keine Randfigur, sondern Verteidigungsminister, Stabschef, der Architekt von Israels Militärstrategie. Seine Sprache zeigt, was die militärische Führung wirklich dachte, nicht das, was für die internationale Bühne formuliert wurde. Wer solche Worte in offizieller Funktion spricht, gibt eine Richtung vor und schafft einen Raum, in dem das, was früher undenkbar war, plötzlich legitim klingt. Die Dehumanisierung ist dabei nicht nur Sprache, sondern Vorbereitung: Wenn Menschen als Hunde bezeichnet werden, sinkt die Schwelle für das, was man ihnen antun darf. Das ist keine rhetorische Spitzfindigkeit, sondern eine historische Mechanik, die sich in vielen Konflikten wiederholt hat. Dayans Worte sind kein Ausrutscher, sondern ein Einblick in das Denken der Führungsebene, das hinter der öffentlichen Rhetorik verborgen lag.
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Eshkol: 'Dreh das Wasser ab'
Levi Eshkol, Premier während des Sechstagekriegs, sagte 1967:
„Leise, geheim, dreh das Wasser ab."
Dies war keine Metapher, sondern eine operative Anweisung zur Vertreibung durch Ressourcenentzug, eine Form der kollektiven Bestrafung, die 56 Jahre später von Yoav Gallant in „Kein Strom, kein Essen, kein Treibstoff" wiederholt werden würde. Die Kontinuität der Methode ist frappierend: Wasser abdrehen, Strom kappen, Nahrung blockieren, immer geht es um denselben Mechanismus, Lebensgrundlagen zu entziehen, bis die Menschen gehen. Wer Eshkols Anweisung liest, versteht, dass die Vertreibung nicht nur mit Waffen funktioniert, sondern auch mit Entzug. Entzug ist leiser als Bomben, produziert weniger Bilder, weniger Schlagzeilen, weniger internationale Reaktion, und genau deshalb ist er so wirksam: Er entzieht Menschen die Lebensgrundlage, ohne dass die Welt es bemerkt, und treibt sie zur Flucht, ohne dass ein Schuss fallen muss.
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Allon: 'Entarabisiere die Galiläa'
Yigal Allon, Minister und Militärführer, formulierte 1967:
„Wir müssen die Galiläa entarabisieren."
Dearabization, die systematische Demographie-Veränderung einer Region, ist keine Rhetorik, sondern ethnische Säuberung als Regierungsprogramm. Wer eine Region entarabisieren will, sagt nicht, dass er Menschen umsiedelt, weil es sicherer ist, sondern dass er eine Region von einer Bevölkerungsgruppe befreien will, weil sie dort nicht sein soll.
Allons Formulierung ist besonders aufschlussreich, weil sie den administrativen Charakter der Vertreibung zeigt. Schlachtfelder spielen hier keine Rolle, Landkarten sind das Medium. Nicht Feinde stehen im Zentrum, sondern Demographie. Und Sicherheit ist vorgeschoben, tatsächlich geht es um Kontrolle darüber, wer wo lebt. Die Sprache der Demographie-Planung klingt technisch, neutral, fast wissenschaftlich, und genau deshalb ist sie so gefährlich. Wer von Entarabisierung spricht, klingt wie ein Verwaltungsbeamter, nicht wie ein Vertreiber, aber das Ergebnis ist dasselbe.
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Golda Meir: 'Es gibt kein palästinensisches Volk'
Und dann kam der Satz, der die Leugnung auf den Punkt brachte. Golda Meir, Israels vierte Premierministerin, sagte 1969 in einem Interview mit The Sunday Times:
„Es gibt so etwas wie ein palästinensisches Volk nicht."
Dieser Satz ist nicht nur eine Leugnung von Identität, sondern die Leugnung der Voraussetzung für Rechte. Wenn es kein palästinensisches Volk gibt, dann gibt es keine Rechte, die verletzt werden können, keinen Besatzungsstatus, kein Selbstbestimmungsrecht, keine Resolution der UNO, die Bedeutung hat. Die Leugnung ist nicht nur Sprache, sie ist juristische Strategie.
Die Leugnung ist die Vollendung der Vertreibung: Zuerst vertreibst du die Menschen, dann leugnest du, dass sie existierten. Was physisch nicht mehr gelöscht werden konnte, sollte begrifflich verschwinden. Die Dörfer waren zerstört, die Namen getilgt, und nun sollte auch noch das Volk, das dort lebte, zur Fiktion erklärt werden.
Diese Strategie hat eine juristische Dimension, die bis heute wirkt. Wenn es kein palästinensisches Volk gab, dann gab es auch keinen Landraub im juristischen Sinn, sondern nur herrenloses Land, das in Besitz genommen wurde. Die Leugnung ist nicht nur ein verbaler Akt, sondern die Grundlage für die gesamte spätere Siedlungspolitik. Wer das Volk leugnet, leugnet auch den Anspruch auf das Land, und wer den Anspruch leugnet, kann jedes Stück Land als verfügbar erklären. Die Siedlungen, die ab 1967 auf den Trümmern palästinensischer Dörfer errichtet wurden, bauen auf dieser Leugnung auf. Ohne die Leugnung gäbe es keine Siedlungen, denn Siedlungen brauchen den Glauben, dass das Land leer war, als man es nahm.
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Ben-Gurion: 'Wir haben ihr Land genommen'
Und Ben-Gurion selbst, 1955, im Gespräch mit Nahum Goldmann:
„Warum sollten die Araber Frieden schließen? Wenn ich ein arabischer Führer wäre, würde ich niemals mit Israel verhandeln. Das ist natürlich: Wir haben ihr Land genommen."
Ben-Gurion sagte es noch direkter als Golda Meir. Er leugnete nicht die Existenz der Palästinenser, sondern gab zu, dass das Land genommen wurde, aber er sagte es als Feststellung, nicht als Reue, als Naturgesetz, nicht als Unrecht. Die Ehrlichkeit ist verstörend, weil sie zeigt, dass die Führungsebene sehr genau wusste, was geschah, und keinen Grund sah, es zu verbergen, solange das Gespräch nicht öffentlich war. Golda Meir leugnete das Volk, Ben-Gurion leugnete das Unrecht, und beide Strategien ergänzen sich: Leugnest du das Volk, brauchst du das Unrecht nicht zuzugeben. Gibt du das Unrecht zu, kannst du es als Naturgesetz umdeuten, gegen das man sich nicht wehrt.

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Die Kontinuität: 1895 bis 1967
Die Linie ist klar und sie führt über mehrere Stationen, die alle dieselbe Logik erkennen lassen. Herzl formulierte 1895 den Transfer als Konzept, Ben-Gurion befahl 1937 die Vertreibung als strategische Notwendigkeit, und Rabin führte sie 1948 aus, mit direkten Befehlen und operativer Härte. Dayan, Eshkol und Allon setzten sie 1967 fort, mit neuen Methoden und derselben Zielsetzung, bevor Golda Meir 1969 das Volk leugnete, das vertrieben worden war.
Transfer, dann Vertreibung, dann Leugnung: drei Schritte, ein Prinzip. Wer den Anfang nicht kennt, hält die Nakba für einen Ausbruch von Gewalt. Wer die Linie kennt, erkennt sie als Umsetzung eines Plans, der über Jahrzehnte gereift war. Die Kontinuität ist das Entscheidende, nicht der Einzelfall. Und die Leugnung, die Golda Meir formulierte, ist nicht verschwunden. Sie wandelte sich, passte sich an, wurde subtiler, aber sie blieb. Noch Jahrzehnte später wurde in israelischen Schulbüchern die Nakba nicht erwähnt oder als freiwillige Flucht umgedeutet. Die Leugnung musste nicht mehr laut ausgesprochen werden, weil sie bereits in die Institutionen eingegangen war.
Teil 3 behandelt die Periode 1967 bis 1995: Kahane, Rabbi Hess, Eitans „Kakerlaken", die Rabin-Ermordung.
Sigma
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Was bleibt offen?
Golda Meir sagte 1969: 'Es gibt kein palästinensisches Volk.' Was bedeutet es, wenn die Leugnung der Existenz eines Volkes zur Staatsdoktrin wird?
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