Chronik28. Juli 2026ca. 9 Min. Lesezeit
Die Chronik der Auslöschung – Teil 5: Infiltratoren und Vampire (2010–2020)
2010–2020: Die Sprache der Auslöschung wird Alltag

Die Periode von 2010 bis 2020 zeigt, wie die Rhetorik der Auslöschung vom Rand in den Mainstream wandert und dabei neue Zielgruppen findet: afrikanische Asylsuchende, israelisch-palästinensische Bürger, internationale Kritiker. Die Dehumanisierung, die sich in den Jahrzehnten zuvor gegen Palästinenser richtete, dehnt sich aus und wird zu einem Werkzeug, das sich gegen jeden richten lässt, der als Bedrohung definiert wird. Die Logik ist immer dieselbe: Auf die Sprache folgt die Politik, auf die Politik folgt die Tat.
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Netanyahu: '60.000 Infiltratoren, die Lösung ist Ausweisung' (2012)

Benjamin Netanyahu sagte 2012 über afrikanische Asylsuchende in Israel:
"60.000 Infiltratoren, die Lösung ist Ausweisung."
'Infiltratoren' bedeutet nicht Flüchtlinge, nicht Asylsuchende, nicht Menschen, sondern Infiltratoren. Das Wort impliziert militärische Feinde, die eindringen, um zu zerstören, und es ist dieselbe Sprache, die 1948 für palästinensische Flüchtlinge verwendet wurde. Wer ein Wort aus der Kriegssprache auf Zivilisten anwendet, macht Zivilisten zu Kombattanten, und wer Zivilisten zu Kombattanten macht, kann militärische Mittel gegen sie rechtfertigen. Die Wortwahl ist nicht zufällig, sondern die Vorbereitung auf die Politik, die folgt. Netanyahu wählte den Begriff bewusst, um den Rahmen zu setzen: Wer infiltriert, hat kein Asylrecht, sondern muss abgewehrt werden.
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Eli Yishai: 'Krebs, der weiße Mann, Deportation' (2012)
Eli Yishai, Innenminister, sagte 2012 über afrikanische Asylsuchende:
„Die Infiltratoren sind ein Krebs, der weiße Mann, Deportation."
'Krebs' ist wieder die Krankheitsmetapher, die in dieser Chronik immer wieder auftaucht. 'Der weiße Mann' ist Yishais Framing der Asylsuchenden als Bedrohung für die weiße Identität Israels. 'Deportation' ist das Wort, das nicht verschleiert. Wer Krebs im Körper hat, lässt ihn entfernen, und wer Infiltratoren im Land hat, lässt sie deportieren. Die Metapher schließt die Logik ab, von der Diagnose über die Therapie bis zur Heilung, und die Heilung besteht in der Entfernung der Menschen.
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Danny Danon: 'Nationale Plage, Deportation jetzt' (2012)
Danny Danon, Likud-MK und späterer UN-Botschafter Israels, sagte:
„Eine nationale Plage, Deportation jetzt."
Danon vertritt Israel bei den Vereinten Nationen, der Organisation, die nach dem Holocaust gegründet wurde, um Genozid zu verhindern, und Israels Repräsentant dort nannte Asylsuchende eine nationale Plage. Die Ironie ist nicht subtil, aber sie wird nicht wahrgenommen: Wer eine Plage bekämpft, handelt im Rahmen der UN-Prävention, wer aber Menschen als Plage definiert, pervertiert sie. Danon macht beides gleichzeitig und scheint keinen Widerspruch zu sehen.
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May Golan: 'Stolzer Rassist' (2013)
May Golan, die heutige Ministerin, sagte 2013 bei einer Demonstration in Süd-Tel Aviv:
„Wenn ich rassistisch bin, weil ich mein Land verteidigen will und meine Grundrechte und Sicherheit schützen will, dann bin ich ein stolzer Rassist."
Golan baute ihre gesamte politische Karriere auf Hetze gegen afrikanische Flüchtlinge auf und ist heute Ministerin im Kabinett Netanyahu. Das ist kein Karriereunfall, sondern ein Karrieremodell: Wer Rassismus als Tugend darstellt und dafür belohnt wird, beweist, dass die Gesellschaft, die belohnt, den Rassismus nicht mehr als Problem sieht. Golan ist nicht die Ausnahme, sondern das Symptom, und die Frage ist nicht, wie sie in die Regierung kam, sondern warum niemand sie dort hinderte. Ihre Beförderung zur Ministerin sendet ein Signal an alle, die ähnliche Positionen vertreten: Rassismus ist kein Hindernis, sondern ein Sprungbrett.
05 / 10
Miri Regev: 'Krebs in unserem Körper' (2012)
Miri Regev, Ministerin, sagte über afrikanische Asylsuchende und Palästinenser:
„Sie sind ein Krebs in unserem Körper."
Wieder ist es die Krebsmetapher, wieder der Körper, wieder die Logik einer Krankheit, die behandelt werden muss. Regev ist keine Randstimme, sie ist Ministerin, und wenn eine Ministerin von Krebs im Körper spricht, ist das eine Regierungsposition. Die Metapher des Körpers mit Krebs ist deshalb so gefährlich, weil sie die Behandlung vorschreibt: Man verhandelt nicht mit Krebs, man operiert, man bestrahlt, man entfernt. Wer Menschen zum Krebs erklärt, erklärt, dass man mit ihnen nicht verhandelt.
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Benzi Gopstein: 'Vampire, Al-Aqsa ist ein Krebstumor' (2023)
Benzi Gopstein, Gründer der extremistischen Lehava-Organisation, sagte:
„Vampire, Al-Aqsa ist ein Krebstumor."
Gopstein vergleicht Palästinenser mit Vampiren, also Unwesen, die das Licht scheuen und vernichtet werden müssen. Und er nennt den Al-Aqsa-Komplex, den drittheiligsten Ort im Islam, einen Krebstumor. Die Mischung aus Vampir- und Krebsmetapher ist bezeichnend. Vampire sind mythische Feinde, die das Blut der Lebenden saugen. Krebs ist eine Krankheit, die den Körper von innen zerstört. Beide Metaphern haben gemeinsam, dass sie das Gegenüber als existenzielle Bedrohung darstellen, die nur durch Vernichtung gelöst werden kann. Gopstein ist Extremist, aber er spricht in einer Sprache, die der Mainstream vorbereitet hat.
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Tzipi Hotovely: 'Kein palästinensischer Staat' (2013)
Tzipi Hotovely, stellvertretende Außenministerin und spätere Botschafterin in Großbritannien, sagte:
„Ich erkenne die nationalen Rechte der Palästinenser im Land Israel nicht an. Ich erkenne ihre Menschenrechte und individuellen Rechte an, aber zwischen dem Meer und dem Jordan gibt es Platz für nur einen Staat, einen jüdischen Staat."
Hotovely sagte dies nicht als Randpolitikerin, sondern als stellvertretende Außenministerin, und sie formulierte die Logik der Auslöschung mit juristischer Präzision: Individuelle Rechte ja, kollektive Rechte nein. Das bedeutet, dass Palästinenser leben dürfen, aber nicht als Volk, nicht mit Selbstbestimmung, nicht mit einem Staat. Sie dürfen existieren, aber nicht sein. Das ist die feinste und gefährlichste Form der Auslöschung, weil sie ohne Gewalt auskommt. Sie braucht keine Kakerlaken, keine Krebsmetapher, keine Vampire, sondern nur Juristen, die den Unterschied zwischen individuellem und kollektivem Dasein so definieren, dass das eine erlaubt und das andere verboten ist.
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Naftali Bennett: 'Ich habe viele Araber getötet' (2013)
Naftali Bennett, Premier 2021 bis 2022, sagte 2013 in einer Kabinettdebatte:
„Ich habe viele Araber in meinem Leben getötet, und es gibt kein Problem damit."
Bennett bestritt später den Wortlaut und behauptete, er habe 'Terroristen' gesagt. Der nationale Sicherheitsberater Yaakov Amidror soll geantwortet haben: „Das ist nicht legal." Die Differenz zwischen Araber und Terrorist ist in dieser Sprache nicht vorhanden, denn wer von Arabern spricht und Terroristen meint, macht alle Araber zu Terroristen. Wer das Töten als problemlos darstellt, normalisiert es, und wer später Premier wird, beweist, dass diese Normalisierung keine Karrierehindernisse schafft, sondern Karrierevorteile.

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Die Kontinuität: Erweiterung der Ziele
Die Periode von 2010 bis 2020 zeigt eine Erweiterung, denn die Rhetorik richtet sich nicht mehr nur gegen Palästinenser, sondern gegen alle 'Anderen': afrikanische Asylsuchende, arabische Bürger, internationale Kritiker. Die Logik der Auslöschung dehnt sich aus. 2012 nannte Netanyahu Asylsuchende Infiltratoren, im selben Jahr sprach Yishai von Krebs und Deportation, und Danon nannte sie eine nationale Plage, Regev einen Krebs im Körper. 2013 bekannte sich Golan als stolze Rassistin, Hotovely verneinte die nationalen Rechte der Palästinenser, und Bennett sagte, er habe viele Araber getötet, und es sei kein Problem.
Auffällig ist, dass die Dehumanisierung in dieser Periode nicht mehr ausschließlich über Krankheitsmetaphern funktioniert. Hotovely nutzt juristische Sprache, Bennett nutzt militärische Normalisierung, Golan nutzt identitäre Selbstaufwertung. Die Bandbreite der rhetorischen Werkzeuge wächst, aber das Ziel bleibt dasselbe: die Definition des Anderen als existenzielle Bedrohung, die Rechtfertigung seiner Entfernung und die Normalisierung dieser Position innerhalb der politischen Mitte. Was in den 1930er Jahren Jabotinsky noch als umstrittene Randposition formulierte, ist in dieser Periode Regierungsprogramm.
Die Sprache ist nicht mehr die des Randes, sondern die der Regierung, und wenn die Regierung so spricht, ist der Rand nicht mehr der Rand, sondern die Mitte. Wer das erkennt, erkennt die Gefahr. Wer es nicht erkennt, wird sie erst sehen, wenn es zu spät ist.
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Weiterführung
Teil 6 behandelt die Periode 2023 bis 2025: Gallant, Smotrich, Ben-Gvir, Vaturi, Katz, „Menschliche Tiere", „Amalek", „Atombombe als Option".
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Was bleibt offen?
Netanyahu nannte afrikanische Asylsuchende 'Infiltratoren' und sprach von 'Ausweisung als Lösung'. Wie unterscheidet sich das von der Rhetorik der 1930er Jahre?
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