Geschichte03. August 2026ca. 10 Min. Lesezeit
Schade, hätten in Belgrad bleiben können
Am 29. Juli 2026 werden die Großeltern des Zionismus-Begründers in Zemun ausgegraben. Ihr letztes Ziel: der Herzlberg in Jerusalem.

Am 29. Juli 2026 graben Arbeiter auf dem jüdischen Friedhof von Zemun, einem Stadtteil im Westen Belgrads, zwei Särge aus. Die sterblichen Überreste darin gehören Shimon Leib (Simon Loeb) Herzl und seiner Frau Rivka. Sie sind die väterlichen Großeltern von Theodor Herzl, dem Begründer des modernen politischen Zionismus, dem Mann, der 1896 in seiner Schrift „Der Judenstaat" die Gründung eines jüdischen Staates forderte und damit eine Bewegung auslöste, die das 20. Jahrhundert prägen sollte. Jahrzehntelang lagen diese beiden Menschen in serbischer Erde, auf einem Friedhof, der wenige Kilometer vom Stadtzentrum Belgrads entfernt liegt, umgeben von den Gräbern anderer jüdischer Familien, die einst in Zemun lebten, beteten und starben. Nun werden sie ausgegraben, in speziell angefertigte Särge gebettet und nach Jerusalem geflogen, um auf dem Herzlberg neben ihrem berühmten Enkel beigesetzt zu werden.
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Wie ein Facebook-Kommentar eine Geschichte öffnete
Die aktuelle Geschichte begann für viele Leser nicht mit einer Pressemitteilung, sondern mit einem kurzen Facebook-Kommentar, der im Sommer 2026 die Runde machte:
„Schade, hätten in Belgrad bleiben können."
Darunter stand ein Zitat aus Ernst Pawels Biografie *The Labyrinth of Exile* (1989), einem Buch, das bis heute als eine der gründlichsten Studien über Herzls Leben gilt. Pawel schrieb darin, dass zwei Brüder des väterlichen Großvaters Theodor Herzls als Erwachsene zum serbisch-orthodoxen Glauben konvertiert seien, sich umbenannt hätten und aus der Familienchronik verschwunden wären. Die Namen: Mosche Herzl, der zu Lafero Spasoević wurde, und Herschel Herzl, der sich Costa Petrović nannte. Zwei jüdische Männer aus Zemun, die ihren Glauben, ihre Namen und ihre Identität wechselten, um in der serbischen Gesellschaft aufzugehen.
Der Kommentar klang ironisch, fast verächtlich. Aber er traf einen historischen Kern, der tiefer reicht, als es das Format eines Facebook-Kommentars zulässt. Die Familie Herzl war nicht nur Wiener oder Budapester Bürgertum, wie es die gängige Erzählung will. Sie hatte tiefere Wurzeln im Balkan, und diese Wurzeln waren kompliziert. Fromme Juden, konvertierte Christen, frühe Zionisten, Ökonomen, Offiziere, alles in derselben Familie, alles innerhalb von zwei Generationen. Wer das versteht, versteht, dass der Zionismus nicht aus dem Nichts kam. Er kam aus einer Welt, in der jüdische Identität brüchig wurde und Menschen nach Auswegen suchten.
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Der KOSMO-Artikel: Vom Kommentar zur diplomatischen Nachricht
Der KOSMO-Artikel „Von Belgrad nach Jerusalem: Sterbliche Überreste des Zionismus-Begründers überführt" vom 30. Juli 2026 machte aus dieser Familiengeschichte eine diplomatische Nachricht. Plötzlich ging es nicht mehr um konvertierte Brüder im 19. Jahrhundert, sondern um Geopolitik im 21. Jahrhundert. Die Initiative zur Überführung ging auf die World Zionist Organization (WZO) unter ihrem Vorsitzenden Yaakov Hagoel zurück. Mehrjährige Verhandlungen mit serbischen Behörden und der lokalen jüdischen Gemeinde in Belgrad gingen der Exhumierung voraus. Die serbische Seite stimmte zu, was angesichts der historischen Bedeutung Herzls für den Zionismus und der politischen Sensibilität des Themas keine Selbstverständlichkeit war.
Vor Ort waren Vertreter des israelischen Außenministeriums, der WZO und der Hilfsorganisation ZAKA, die auf die Bergung und Identifizierung von Toten nach Katastrophen und Unfällen spezialisiert ist. ZAKA ist eine ultraorthodoxe Organisation, die dafür sorgt, dass tote Juden nach den Vorschriften der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes, bestattet werden. Dass sie bei der Exhumierung der Herzl-Großeltern anwesend war, zeigt, dass es hier nicht nur um Staatssymbolik ging, sondern um religiöse Pflicht.
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Wer waren Shimon Leib und Rivka Herzl?
Shimon Leib Herzl war ein frommer Jude und eine respektierte Figur der jüdischen Gemeinde in Zemun. Er lebte in einer Stadt, die damals in der Habsburgischen Militärgrenze lag, einem Puffergebiet zwischen dem österreichischen und dem osmanischen Reich, in dem Serben, Deutsche, Kroaten, Juden und andere zusammenlebten. Er pflegte enge Verbindungen zu Rabbi Yehuda Alkalai, einem sephardischen Rabbiner, der 1798 in Sarajevo geboren war, in Jerusalem aufgewachsen war und ab 1825 in Zemun predigte. Alkalai gilt heute als einer der wichtigsten Vorläufer des politischen Zionismus, ein Mann, der Jahrzehnte vor Herzl forderte, dass die Juden nicht auf den Messias warten, sondern selbst nach Palästina zurückkehren sollten.
Die Verbindung zwischen Alkalai und der Familie Herzl ist kein Zufall. Zemun war eine kleine Stadt, die jüdische Gemeinde war überschaubar, und Alkalai war ihre geistliche Autorität. Wer in Zemun fromm war, kam an ihm nicht vorbei. Laut der World Zionist Organization übten Shimon Leib und Rivka „maßgeblichen Einfluss" auf die Erziehung und die politische Gedankenwelt Theodor Herzls aus. Das ist eine starke Formulierung, und sie bedeutet, dass die WZO die balkanischen Wurzeln Herzls nicht als Nebensache betrachtet, sondern als wesentlichen Teil seiner intellektuellen Biografie.
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Der Herzlberg: Ein Familienfriedhof der besonderen Art
Auf dem Herzlberg in Jerusalem, dem nationalen Friedhof Israels, ruhen bereits Theodor Herzl selbst, seine Eltern Jakob und Jeanette, seine Schwester Pauline, zwei seiner Kinder und sein einziger Enkel Stephen Theodore Norman. Mit der Überführung von Shimon Leib und Rivka wird die Familie weiter vereint, aber es fehlt jemand. Herzls Tochter Trude, die 1943 im Ghetto Theresienstadt starb, hat kein bekanntes Grab. Ihr genauer Grabort ist bis heute unbekannt. Die Familie Herzl, die so viel über Rückkehr und Heimat nachdachte, ist selbst eine Familie von Exil, Tod und ungeklärten Ruhestätten.
Herzl selbst starb 1904 im Alter von 44 Jahren in Badl bei Meran, an einem Herzleiden, das ihn seit Jahren quälte. Er wurde in Wien begraben, wo er gelebt und gearbeitet hatte. 1949, ein Jahr nach der Gründung des Staates Israel, wurden seine Überreste nach Jerusalem überführt, auf einen Hügel, der nach ihm benannt wurde: Har Herzl, der Herzlberg. Es war ein Akt der Staatsgründung, der aus einem privaten Grab eine nationale Pilgerstätte machte. Jetzt, 77 Jahre später, holt man seine Großeltern nach.
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Was bedeutet die Überführung politisch?
Symbolisch ist der Akt einfach zu lesen. Die Familie des Zionismus-Begründers wird vereint, die balkanischen Wurzeln werden nach Israel geholt, der Kreis schließt sich. Realpolitisch ist die Sache komplexer. Serbien, das erste Land nach Großbritannien, das 1917 die Balfour-Deklaration unterstützte und damit als erstes Land der Welt den jüdischen Staat anerkannte, erlaubt die Exhumierung in einer Zeit, in der die israelisch-serbischen Beziehungen von Geschichtsrevisionismus, dem Kosovo-Konflikt und der Erinnerungspolitik geprägt sind.
Serbien und Israel pflegen seit Jahren eine enge Verbindung, die auf gemeinsamen Narrativen beruht: beide sehen sich als verfolgte Völker, beide führen Konflikte mit muslimischen Nachbarn, beide nutzen die Geschichte zur Legitimation aktueller Politik. Die Überführung der Herzl-Großeltern ist auch ein diplomatisches Signal: Serbien zeigt, dass es die zionistische Geschichte respektiert, Israel zeigt, dass es Serbien als Partner schätzt. Ob das gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage. Fakt ist, dass eine Exhumierung nie nur eine Exhumierung ist, wenn sie im Namen des Zionismus erfolgt.
Der Transport selbst folgt strengen jüdischen Bestattungsregeln und serbischen Rechtsvorschriften. Die Särge werden speziell angefertigt, die Überreste werden nach halachischen Vorschriften behandelt, ZAKA überwacht den Prozess. Das Ganze ist nicht nur Familie, sondern Staatsakt, und wer einen Staatsakt durchführt, verfolgt auch staatliche Interessen.
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Warum die balkanischen Wurzeln so lange im Schatten blieben
Die Geschichte der Herzl-Familie in Belgrad und Zemun ist nicht bloß eine Fußnote der Zionismus-Geschichte. Sie ist ein verdrängtes Kapitel, und die Frage, warum es so lange verdrängt wurde, führt an den Kern der zionistischen Erzählung. Die offizielle Geschichte lautet: Herzl war ein Wiener Journalist, der angesichts des Antisemitismus in Europa die Idee des Judenstaates hatte. Das ist nicht falsch, aber es ist unvollständig.
Herzl kam nicht aus einem luftleeren Raum. Sein Großvater hörte Alkalai in Zemun predigen. Seine Familie hatte konvertierte Brüder, die zum serbisch-orthodoxen Christentum übertraten. Sein Großonkel Samuel Biliz war ein früher Zionist, der nach Jerusalem auswanderte. Die Ideen, die Herzl politisch formulierte, waren in seiner Familie vorhanden, lange bevor er sie aufschrieb.
Dass diese balkanischen Wurzeln im Schatten der Wiener Legende blieben, hat Gründe. Die zionistische Historiographie brauchte einen Helden, und Helden haben keine komplizierten Familiengeschichten. Sie haben eine Berufung. Herzl als Wiener Visionär war einfacher zu erzählen als Herzl als Enkel eines frommen Juden aus Zemun, der von einem sarajewischen Rabbiner beeinflusst wurde. Mit der Überführung 2026 wird dieses Kapitel öffentlich. Die balkanischen Wurzeln des Zionismus lassen sich nicht mehr ignorieren.
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Fazit
Der Facebook-Satz „Schade, hätten in Belgrad bleiben können" trifft mehr, als er vielleicht meint. Er spricht eine Frage aus, die über die Familie Herzl hinausgeht: Wer bestimmt, wo die Ahnen eines Staatsgründers ihre letzte Ruhe finden? Die World Zionist Organization hat diese Frage für sich beantwortet, und die Antwort lautet: Jerusalem. Aber die Frage bleibt. Denn die Geschichte, die in Zemun begraben lag, ist nicht verschwunden, nur weil die Särge ausgegraben wurden. Sie ist da, auf dem jüdischen Friedhof von Zemun, in den Akten der serbischen Behörden, in den Büchern von Ernst Pawel, und in den Erinnerungen derer, die wussten, dass der Zionismus nicht in Wien begann, sondern im Balkan.
Diese Reihe wird in den folgenden Teilen zeigen, wie tief diese Wurzeln gehen. Von Rabbi Alkalai in Sarajevo über die konvertierten Brüder in Zemun bis zu David Albala, der Serbien 1917 zur Unterstützung der Balfour-Deklaration bewog, und weiter über den Holocaust in Serbien bis zu den Verflechtungen von Mossad, serbischem Nationalismus und den Jugoslawienkriegen. Die balkanischen Wurzeln des Zionismus sind real. Man muss sie nur zu Ende erzählen.
Quellen: Die Informationen in diesem Artikel stützen sich auf mehrere Quellen. KOSMO.at berichtete am 30. Juli 2026 unter dem Titel „Von Belgrad nach Jerusalem" über die Überführung. The Jerusalem Post veröffentlichte am 27. Juli 2026 den Artikel „Herzl's grandparents to be reburied in Jerusalem". Ernst Pawels Biografie *The Labyrinth of Exile – A Life of Theodor Herzl* (Farrar, Straus & Giroux, 1989) bleibt eine der gründlichsten Studien über Herzls Leben. Die World Zionist Organization (WZO) veröffentlichte Pressemitteilungen zur Exhumierung im Juli 2026. Ergänzende Informationen stammen aus Wikipedia-Artikeln zu „Theodor Herzl", „Herzlberg" und „ZAKA".
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