Analyse27. Juni 2026ca. 8 Min. Lesezeit
1933 – Siemensstadt: „Wurzellose internationale Clique" – Das Kernnarrativ
Die Rede, die das Muster benannte. Berlin, 10. November 1933.

Am 10. November 1933, zehn Monate nach der Machtergreifung, spricht Hitler vor Arbeitern eines der größten Industriewerke Deutschlands in Berlin-Siemensstadt. Die Rede ist ein Meilenstein der NS-Propaganda, nicht weil sie neu ist, sondern weil sie das Kernnarrativ in seiner reinsten Form formuliert.
01 / 06
Das vollständige Zitat

„Es ist eine kleine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinander hetzt, die nicht will, daß sie zur Ruhe kommen. Es sind das die Menschen, die überall und nirgends zuhause sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien oder London, und die sich überall zu Hause fühlen." „Juden!") „Es sind die einzigen, die wirklich als internationale Elemente anzusprechen sind, weil sie überall ihre Geschäfte betätigen können, aber das Volk kann ihnen gar nicht nachfolgen, das Volk ist ja gekettet an seinen Boden, ist gekettet an seine Heimat, ist gebunden an die Lebensmöglichkeiten seines Staates, der Nation."
Und später in derselben Rede:
„Wir beurteilen auch nicht die anderen Völker nach denen, die bei uns über ihren Staat schimpfen. Wir beleidigen nicht Engländer und Franzosen nach irgendeinem Hergelaufenen, der hier genau so wenig zu Hause ist, wie vorher in Paris und morgen in London. Das sind nicht die wertvollen Elemente einer Nation. Wertvoll sind die, die da sind, die arbeiten und schaffen – und nicht die internationalen Zigeuner."
02 / 06
Die rhetorische Architektur
Die Clique ohne Namen
Hitler nennt keine Namen und keine Gruppe. Er spricht von einer „Clique", klein, international, wurzellos. Das Publikum ruft „Juden!" Hitler muss es nicht sagen. Die Verschleierung ist die Mechanik: Wer nichts Konkretes sagt, kann nicht widerlegt werden, und wer nur ein Muster beschreibt, liefert keine Angriffsfläche. Das Narrativ funktioniert ohne Namensnennung, weil das Publikum die Lücke selbst füllt. Der Sprecher bleibt unangreifbar, während die Denunziation trotzdem ankommt.
Wurzellosigkeit als Krankheit
„Wurzellos" ist der zentrale Begriff. Er verbindet biologische Metaphorik, Wurzeln als Lebensprinzip, mit politischer Kritik, international als heimatlos. Wer wurzellos ist, hat keinen Boden, keine Heimat, keine Bindung. Im Blut-und-Boden-Kontext bedeutet wurzellos: nicht lebensfähig, nicht echt, nicht deutsch. Der Begriff verschiebt die politische Kritik in den biologischen Bereich, wo sie nicht mehr diskutierbar ist, denn über Biologie wird nicht verhandelt, sie wird nur festgestellt.
Überall und nirgends
Die Clique lebt „heute in Berlin, morgen in Brüssel, übermorgen in Paris." Diese Ortsungebundenheit wird zum Beweis für die Feindschaft: Wer überall sein kann, ist an nirgendwo loyal. Das Volk ist „gekettet an seinen Boden", die Clique nicht. Die Kette wird positiv umgedeutet: Bindung als Stärke, Mobilität als Verrat. Wer 1933 vor Industriearbeitern steht, die selbst nicht mobil sind, trifft damit einen Nerv. Die Neidgefühle und die Unsicherheit werden in Wut umgeleitet, und die Wurg richtet sich gegen diejenigen, die angeblich frei sind, weil sie nicht gebunden sind.
„Internationale Zigeuner"
Hitler verwendet den Begriff „internationale Zigeuner" als Synonym für die wurzellose Clique. Die doppelte Ausgrenzung, Juden und Roma, wird in einem Begriff zusammengeführt. Wer nicht an Boden gebunden ist, ist ein „Zigeuner" und damit rechtlos. Die rassistische Hierarchie wird hier explizit: Am Boden kleben die Völker, darüber schwebt die Clique, und beides wird als naturgegebene Ordnung dargestellt, nicht als politische Konstruktion.
03 / 06
Historischer Kontext
Im November 1933, zehn Monate nach der Machtergreifung, ist das Ermächtigungsgesetz in Kraft, die Opposition ist zerschlagen, die Gewerkschaften sind verboten. Die ersten Konzentrationslager sind errichtet, der Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 hat stattgefunden, und das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" hat Juden aus dem öffentlichen Dienst entfernt. Das Regime hat die Grundstrukturen der Diktatur etabliert und sucht nun nach Wegen, die Bevölkerung, insbesondere die Arbeiterschaft, auf seine Seite zu ziehen.
Die Siemensstadt-Rede ist Teil einer Kampagne, um die Arbeiterschaft, die sich mehrheitlich gegen Hitler gestellt hat, zu gewinnen. Hitler spricht vor Arbeitern, nicht vor Parteikadern. Er wählt die Sprache des „kleinen Mannes": Wir gegen die Clique, Schaffende gegen Parasiten, Boden gegen Wurzellosigkeit. Die Wahl des Ortes ist strategisch, denn Siemens steht für deutsche Industrie, für Arbeit, für Bodenständigkeit. Wer hier vor Arbeitern spricht und die Sprache des Handwerks benutzt, signalisiert: Ich gehöre zu euch, die Clique nicht.
Siemens selbst ist zu diesem Zeitpunkt ein Konzern mit über 120.000 Beschäftigten und einer der größten Arbeitgeber Deutschlands. Die Belegschaft ist traditionell sozialdemokratisch und gewerkschaftlich organisiert, was genau die Klientel ist, die Hitler am dringendsten braucht. Bei den Wahlen im März 1933 hatte die SPD in Arbeiterbezirken wie Siemensstadt noch deutlich zugelegt, und die KPD war trotz Verfolgung nicht vollständig verschwunden. Die „Deutsche Arbeitsfront" unter Robert Ley war im Mai 1933 gegründet worden, um die verbotenen Gewerkschaften zu ersetzen, doch sie war bei den Arbeitern kaum verankert. Die Rede in Siemensstadt ist deshalb auch ein Testlauf: Funktioniert die nationalistische Rhetorik bei einer Belegschaft, die jahrzehntelang sozialdemokratisch geprägt war? Die Antwort des Regimes lautet: Sie funktioniert, wenn sie den Klassenkonflikt durch einen äußeren Feind ersetzt. Anstatt über Löhne und Arbeitsbedingungen zu sprechen, wird über die „wurzellose Clique" gesprochen, die angeblich den Arbeitern ihren gerechten Lohn vorenthält. Die soziale Frage wird zur rassistischen Frage umfunktioniert, und das ist der Kern der Strategie, die in Siemensstadt erstmals vor großem Industriepublikum erprobt wird.
04 / 06
Verbindung zu heutigen Mustern
| Element 1933 | Heutiges Äquivalent | Dieselben Akteure/Strukturen |
|---|---|---|
| „wurzellose internationale Clique" | „globalistische Elite", „Davos-Clique", „WEF" | Internationale Finanzkreise, Think Tanks |
| „Völker gegeneinander hetzen" | „Regime Change", „Farbrevolutionen", „Proxy-Kriege" | Dieselben geopolitischen Akteure |
| „überall und nirgends zuhause" | „Bürger der Welt", „Weltbürger" als Schimpfwort | Mobilität als Verrat |
| „gekettet an Boden und Heimat" | „Heimatliebe", „Bodenständigkeit" als politische Tugend | Blut-und-Boden-Renaissance |
| „internationale Zigeuner" | „Nomaden", „Globetrotter" als abwertende Begriffe | Ausgrenzung von Mobilen |
| Publikum ruft „Juden!" ohne Namensnennung | „Rothschild!", „Soros!", „Schwab!" als automatische Rufe | Codewörter funktionieren ohne Explizitheit |
| „Geschäfte betätigen überall" | „BlackRock überall", „Vanguard überall" | Finanzkonzerne als moderne Clique |
Die Siemensstadt-Rede ist das Template. Jedes moderne Narrativ, das eine „wurzellose internationale Elite" beschwört, ohne Namen zu nennen, folgt diesem Muster. Die Verschleierung ist nicht Schwäche, sondern Stärke: Sie macht das Narrativ unwiderlegbar. Wer keine Namen nennt, kann nicht widerlegt werden, und wer nur ein Muster beschreibt, liefert keine Angriffsfläche. Genau diese Mechanik macht das Narrativ so widerstandsfähig gegen Fakten, weil Fakten etwas Konkretes brauchen, das sie widerlegen können.

05 / 06
Die Rothschild-Frage
Hitler nennt Rothschild in keiner seiner öffentlichen Reden namentlich. Die Verbindung entsteht durch Assoziation: „internationale Clique" plus „Finanz" plus „überall Geschäfte" ergibt Rothschild. Das Publikum vollzieht die Verbindung selbst, und genau darin liegt die Mechanik des Codeworts: Der Sprecher sagt es nicht, der Hörer denkt es.
Dieses Muster funktioniert heute identisch. „BlackRock", „Vanguard", „WEF", „Davos" sind die modernen Codewörter für dieselbe Assoziation. Die Struktur ist unverändert: Eine kleine, internationale, finanzielle Gruppe kontrolliert alles, ohne dass es jemals explizit gesagt werden muss. Der Sprecher nennt ein Synonym, der Hörer ergänzt den Namen. Die Denunziation funktioniert ohne Beweis, weil sie keine Behauptung ist, sondern eine Assoziation. Darin liegt ihre Perfektion, denn sie entzieht sich der Widerlegung, weil sie nie explizit ausgesprochen wurde.
06 / 06
Quellen
Die Quellen für diese Analyse umfassen Metapedia mit der Rede vom 10. November 1933 in Siemensstadt, einen Bericht des Tagesspiegels über die Siemensstadt-Rede, die Sammlung antisemitischer Hitler-Zitate auf sgipt.org sowie die Dokumentation früher Hitler-Reden des Instituts für Zeitgeschichte München.
Dieser Artikel ist Teil der Serie *Hitler-Rhetorik-Chronologie*. ← Vorheriger: Zirkus Krone 1923 | Übersicht | Nächster: Reichstag 1937 →
Die Leseprobe zeigt dir den Ton. Der Vergleich zeigt dir die Tiefe.
Sigma
Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.
Über den AutorRedaktionsrichtlinienAls Nächstes lesen
1920 – 25-Punkte-Programm: Die institutionelle Verankerung des Ausschlusses
Am 24. Februar 1920 verkündet Hitler im Hofbräuhaus das 25-Punkte-Programm der NSDAP. Fünf Punkte sind explizit antisemitisch: Juden werden aus der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen, Pressezensur eingeführt, jüdische Beteiligung an Verlagen verboten. Der Ausschluss wird institutionell.
WeiterVerwandte und ähnliche Artikel
Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.

1920 – 25-Punkte-Programm: Die institutionelle Verankerung des Ausschlusses
Fünf Punkte. Ein Programm. Der Ausschluss wird Gesetz.
Lesen
1920 – „Warum sind wir Antisemiten": Hitlers grundlegende Rede im Hofbräuhaus
Die Geburtsstunde des narrativen Gerüsts. Hofbräuhaus, 13. August 1920.
Lesen
1923 – Zirkus Krone: „Rassentuberkulose der Völker" – Die Radikalisierung
Vom Programm zur Dehumanisierung. München, 1. Mai 1923.
Lesen
1937 – Reichstag: „Maske des Weltbürgers" – Die Verschwörung wird Außenpolitik
Der Weltbürger als Feind. Berlin, 30. Januar 1937.
LesenZum Weiterdenken
Was bleibt offen?
Wenn ein Redner eine "Clique" benennt, ohne Namen zu nennen, und das Publikum "Juden!" ruft – wer trägt die Verantwortung für das, was danach geschieht?
Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.
Diskussion
0 Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste.
Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.
Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.
Login Kit · user.info.basic