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Medienlogik05. Mai 2026ca. 8 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Impfkampagnen und Influencer: Was der Staat bezahlte

Der Staat war nicht Zuschauer. Er war Sender.

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This colorized transmission electron microscope image shows SARS-CoV-2—also known as 2019-nCoV, the virus that causes COVID-19—isolated from a patient

Die Corona-Debatte wird oft falsch gestellt. Die eine Seite tut so, als sei jede staatliche Impfkommunikation automatisch dunkle Propaganda. Die andere Seite tut so, als sei staatliche Gesundheitskommunikation nur neutrale Aufklärung gewesen. Beides ist zu einfach.

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Die großen Summen

In der Bundestagsdrucksache 20/6676 nennt die Bundesregierung für Informationsmaßnahmen, Anzeigen, Kampagnen und Werbung, die über Mediaagenturen abgerechnet wurden, folgende Schaltkosten: 2020 ab dem 1. Juli rund 116,7 Millionen Euro, 2021 rund 202,4 Millionen Euro und 2022 rund 194,6 Millionen Euro. Quelle: Drucksache 20/6676 (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Das sind nicht nur Corona-Mittel. Es sind gesamte Regierungs-Schaltkosten über Mediaagenturen in diesem Zeitraum. Aber Corona war ein dominantes Kommunikationsfeld.

Noch konkreter wird Drucksache 20/3859. Für Öffentlichkeitsarbeit zu Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wurden im Haushaltsjahr 2020 rund 47,5 Millionen Euro Schaltkosten genannt. Für 2022 standen für Öffentlichkeitsarbeit zur Eindämmung der Pandemie 188,903 Millionen Euro zur Verfügung. Die Bundesregierung schrieb, dass überschlägig rund 90 bis 95 Prozent der geleisteten Ausgaben für Informations- und Aufklärungsarbeit zur Corona-Schutzimpfung eingesetzt wurden. Quelle: Drucksache 20/3859 (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Das ist der harte Satz: Die Impfkommunikation war keine Randnotiz. Sie war ein staatlich finanzierter Großkanal.

Um diese Dimension einzuordnen, hilft ein historischer Vergleich. Die Bundesregierung gab im Jahr 2021 für Corona-Kommunikation mehr aus als für die gesamte klassische politische Bildung in einem ganzen Jahrzehnt. Das Bundespresseamt verfügte über einen Etat, der in Friedenszeiten ohne Präzedenz war. Die Struktur dahinter war professionell: Mediaagenturen buchten Schaltungen, Kampagnenpläne segmentierten Zielgruppen, und die Botschaften wurden über Kanäle verteilt, die von Fernsehwerbung bis TikTok reichten. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern die schlichte Logik einer Regierung, die in einer Krise handlungsfähig bleiben will. Aber wer die Dimension des Etats sieht, versteht auch, warum der Eindruck entstand, der Informationsraum sei einseitig bespielt gewesen. Wenn eine Seite über ein Vielfaches der üblichen Kommunikationsmittel verfügt, verändert das nicht nur die Reichweite einzelner Botschaften, sondern die Gewichtung des gesamten Diskurses.

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Influencer und Social Media

In Drucksache 20/6676 steht auch, dass die Bundesregierung Influencerinnen und Influencer als Teilelement eines Mediaplans einsetzte. Dabei wurden Kennzahlen wie der Tausender-Kontakt-Preis berücksichtigt. Die Beiträge dienten dem jeweiligen Kampagnenziel, und Influencer wurden regelmäßig mittelbar über Agenturen gebrieft. Die Bundesregierung betonte zugleich, redaktionelle Unabhängigkeit verbiete konkrete Vorgaben zur Präsentation. Quelle: Drucksache 20/6676 (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Für das Presse- und Informationsamt werden dort unter anderem folgende Influencer-Kampagnen genannt: 2020 „Corona Warn-App" mit rund 1,146 Millionen Euro und 2021 „Lass dich impfen" mit 245.616 Euro. In der Liste erscheinen zahlreiche Influencer und Social-Media-Akteure.

Pro Staat: Wenn junge Zielgruppen kaum klassische Nachrichten schauen, ist Social-Media-Kommunikation naheliegend. Gesundheitsschutz braucht Reichweite.

Contra Staat: Wenn Gesundheitskommunikation wie Influencer-Marketing läuft, verschwimmt für Nutzer die Grenze zwischen persönlicher Empfehlung, bezahlter Kampagne und öffentlicher Aufklärung.

Diese Verschmierung ist kein abstraktes Problem. Influencer leben von einer spezifischen Währung: Authentizität. Ihre Reichweite basiert auf dem Vertrauen, dass sie sagen, was sie wirklich denken. Wenn eine Regierung diese Währung nutzt, um Gesundheitsbotschaften zu transportieren, greift sie in ein System ein, dessen Logik nicht für staatliche Kommunikation gebaut ist. Der Zuschauer, der einen Influencer folgt, weil er ihn für ehrlich hält, kann nicht mehr unterscheiden, ob eine Impfaussage aus persönlicher Überzeugung oder aus einem Briefing stammt, das über eine Agentur lief. Die Bundesregierung betonte zwar, es gebe keine redaktionellen Vorgaben. Aber ein Briefing ist keine redaktionelle Vorgabe. Es ist ein Rahmen, innerhalb dessen der Influencer sich bewegt, auch wenn er ihn nicht als Rahmen wahrnimmt.

Prominente Testimonials

In Drucksache 20/7137 ging es um prominente Unterstützung für Corona-Impfkampagnen. Die Bundesregierung schrieb, viele prominente Personen hätten sich in der Regel unentgeltlich zur Verfügung gestellt. In einzelnen Fällen seien Vergütungen gezahlt worden, etwa wenn Drehtage, TV-Spots oder Rundfunkaufnahmen mit höherem Aufwand verbunden waren. Von der BMG-beauftragten Agentur hätten Dr. Eckart von Hirschhausen, Howard Carpendale und Uschi Glas im Rahmen der Informationsmaßnahmen eine Vergütung erhalten. Die konkreten Beträge wurden nicht öffentlich genannt, sondern als vertraulich eingestuft. Quelle: Drucksache 20/7137 (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Das ist wichtig. Nicht, weil diese Menschen damit automatisch unglaubwürdig wären. Sondern weil der Zuschauer ein Recht hat zu wissen, wann ein scheinbar persönlicher Aufruf Teil einer Kampagnenarchitektur ist.

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Was Faktenchecker damals oft richtig machten

Viele Impf-Faktenchecks waren nicht einfach falsch. Es gab tatsächlich wilde Behauptungen: komplett erfundene Todesursachen, falsch gelesene Nebenwirkungsdatenbanken, manipulierte Screenshots, falsche Bilder, aus dem Kontext gerissene Studien, Übertreibungen über Unfruchtbarkeit, Krebs oder „Massentod".

CORRECTIV prüfte 2021 zahlreiche Behauptungen zur Corona-Impfung, darunter Unfruchtbarkeit, angebliche toxische Spike-Proteine, Todesfälle nach Impfung oder falsch gelesene EMA-Meldedatenbanken. Quelle: CORRECTIV: Corona-Impfung, häufige Behauptungen (externer Link, öffnet in neuem Tab). Mimikama prüfte ebenfalls Behauptungen zu Übersterblichkeit, Impfnebenwirkungen und angeblichen Erkrankungsanstiegen. Quelle: Mimikama zu Übersterblichkeit (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Pro Faktenchecker: Viele virale Posts waren wirklich schlecht belegt. Verdachtsmeldungen sind keine bestätigten Kausalitäten. Einzelne Todesfälle beweisen keine Impfursache. Korrelation ist nicht Kausalität.

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Wo der Frame problematisch wurde

Das Problem beginnt dort, wo aus „dieser konkrete Beweis trägt nicht" ein größerer Eindruck wurde: Die Impfkampagne sei im Kern unproblematisch, Kritiker seien irrational, Nebenwirkungsdebatten seien Panikmache, Übersterblichkeit habe mit Impfung nichts zu tun, und staatliche Kommunikation sei einfach Gesundheitsschutz.

Das war zu bequem.

Denn parallel gab es offizielle Pharmakovigilanz, bekannte seltene Risiken, Sicherheitsberichte, Myokarditis-/Perikarditis-Debatten, AstraZeneca-Thrombosen, Meldeportale, Vertrauenskonflikte und eine staatlich bezahlte Kommunikationswelle. Das Paul-Ehrlich-Institut schrieb selbst, dass Meldungen in zeitlicher Nähe zu einer Impfung nicht unbedingt kausal sein müssen, aber eine zentrale Säule der Sicherheitsbewertung sind. Quelle: PEI: Sicherheit von COVID-19-Impfstoffen (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Die richtige Haltung wäre gewesen: viele Falschbehauptungen korrigieren, aber gleichzeitig die staatlich-mediale Kampagnenlage und die offenen Sicherheitsfragen maximal transparent machen.

Dass diese Haltung die Ausnahme blieb, hat strukturelle Gründe. Faktenchecker-Redaktionen arbeiten unter Zeitdruck, mit begrenzten Ressourcen und in einem Umfeld, in dem die Nachfrage nach klaren Antworten hoch ist. Eine Differenzierung wie „diese konkrete Behauptung ist falsch, aber die grundsätzliche Frage nach Nebenwirkungsrisiken ist berechtigt" ist sachlich korrekt, aber kommunikativ schwierig. Sie erfordert Nuance, und Nuance ist in einem polarisierten Diskurs eine Währung, die schnell an Wert verliert. Hinzu kommt, dass Faktenchecker-Plattformen während der Pandemie teilweise selbst staatliche Förderung erhielten oder über Plattformen finanziert wurden, die ein Interesse an bestimmten Narrativen hatten. Das macht ihre Arbeit nicht automatisch falsch, aber es schafft einen strukturellen Bias, der nicht thematisiert wurde. Wer den Bürger prüft, sollte transparent machen, wer ihn prüft.

Nach der Kampagne kam die Datenfrage

Der entscheidende Punkt ist nicht nur, was während der Impfkampagne gesagt wurde. Der entscheidende Punkt ist auch, wie später mit Sicherheitsdaten umgegangen wurde.

SafeVac 2.0 war als aktive Überwachungsstudie des Paul-Ehrlich-Instituts gedacht. Laut Bundestagsdrucksache 21/747 hatten sich bis zum 30. September 2022 insgesamt 739.515 Personen registriert und mindestens eine Impfung erhalten. 3.506 Teilnehmende berichteten mindestens ein schwerwiegendes Ereignis nach einer registrierten Impfung. Quelle: Drucksache 21/747 (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Die Bundesregierung erklärte 2026 in Drucksache 21/5103, dass die SafeVac-2.0-Studie weiterhin ein noch nicht abgeschlossenes wissenschaftliches Vorhaben sei und die Datenauswertung andauere. Quelle: Drucksache 21/5103 (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Das ist für die Kampagnenanalyse brutal wichtig. Wenn ein Staat viel Geld einsetzt, um Vertrauen in eine medizinische Maßnahme zu erhöhen, muss die spätere Sicherheitsaufarbeitung besonders transparent sein. Sonst entsteht genau der Vertrauensbruch, den Faktenchecker später als „Desinformation" bekämpfen wollen.

Hier liegt die saubere Demontage: Die Impfkampagne war offiziell bezahlt und strategisch. Die Sicherheitsüberwachung war offiziell vorhanden. Die wichtigsten aktiven Studiendaten blieben über Jahre nicht vollständig als Endauswertung veröffentlicht. Und Faktenchecker prüften oft schlechte Gegenclaims, aber selten diese Asymmetrie aus Kampagnendruck und späterer Datentransparenz.

Das beweist keine medizinische Hauptursache. Aber es beweist ein Kommunikationsproblem: Vertrauen wurde massiv beworben, Zweifel wurden moralisch markiert, und die spätere Datenlage blieb langsamer, komplizierter und weniger transparent, als es eine demokratische Aufarbeitung gebraucht hätte.

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Der eigentliche Audit

Die Corona-Impfkommunikation war kein neutraler Diskurs. Sie war ein staatlich finanzierter Kommunikationsraum mit klarer Zielrichtung: Impfbereitschaft erhöhen, Zweifel reduzieren, Schutzmaßnahmen erklären, Vertrauen stabilisieren.

Das kann man in einer Pandemie legitim finden. Aber man darf es nicht als neutrale Atmosphäre verkaufen. Wenn der Staat Millionen in Botschaften steckt, Influencer briefen lässt und Prominente über Agenturen einbindet, dann ist das strategische Kommunikation.

In diesem Umfeld wurden Faktenchecker zu Ordnungskräften der Erzählung: Sie prüften falsche Behauptungen, aber oft ohne die größere Kommunikationsmacht gleich stark zu prüfen.

Dort liegt die Demontage: Nicht jeder Faktencheck war falsch. Aber viele Faktenchecks prüften den Bürger härter als die Kampagne.

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Die Essenz

Die belegbare Wahrheit ist unbequem für beide Seiten. Ja, es gab massenhaft falsche Impfbehauptungen. Ja, viele Faktenchecker haben konkrete Fakes korrekt entkräftet. Aber ja: Der Staat hat den Corona- und Impf-Informationsraum massiv bezahlt und strategisch bespielt.

Wer heute zurückblickt, muss beides sehen. Sonst wird Aufarbeitung wieder Propaganda, nur mit anderem Vorzeichen.

Die Lehre aus diesem Audit ist nicht, dass staatliche Gesundheitskommunikation verboten werden sollte. In einer Pandemie ist es die Pflicht des Staates, Bürger zu schützen und dafür zu kommunizieren. Die Lehre ist, dass Kommunikation und Transparenz zwei verschiedene Dinge sind. Ein Staat, der Millionen in Kampagnen investiert, aber Jahre braucht, um Sicherheitsdaten vollständig auszuwerten und zu veröffentlichen, sendet ein Signal, das tiefer sitzt als jede einzelne Botschaft: dass Vertrauen wichtiger war als Nachvollziehbarkeit. Genau dieses Signal nährt den Verdacht, den Faktenchecker so mühsam bekämpfen. Die sauberste Aufarbeitung würde nicht bei den Falschbehauptungen ansetzen, sondern bei der Asymmetrie: zwischen der Geschwindigkeit, mit der Vertrauen beworben wurde, und der Langsamkeit, mit der die zugehörigen Daten veröffentlicht wurden.

Wohin du weitergehen kannst: Mehr dazu in Übersterblichkeit und Impfung: Der Faktenchecker-Frame, Faktenchecker und Staatsgeld: Die belegbare Liste, Faktenchecker-Manipulationstechniken erkennen und Pandemie-Governance und WHO-Gesundheitsordnung.

Die Leseprobe zeigt dir den Ton. Der Vergleich zeigt dir die Tiefe.

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