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Geopolitik20. Mai 2026ca. 10 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Das zerbrochene Versprechen – Wie der Nahe Osten konstruiert und zerlegt wurde

Die Grenzen auf der Karte existieren seit 1916. Die Menschen darauf lebten dort Jahrtausende länger.

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Wer heute über den Nahen Osten spricht, beginnt meist mit dem Chaos. Bürgerkriege, Flucht, Terror, religiöser Hass. Was kaum jemand fragt: Woher kommt die Karte? Nicht die geographische – die politische. Die Grenzen, innerhalb derer Menschen seit einem Jahrhundert Kriege führen, leiden und sterben.

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Sykes-Picot: Die Geburt eines permanenten Konflikts

Im Mai 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, unterzeichneten der britische Diplomat Mark Sykes und sein französischer Kollege François Georges-Picot ein geheimes Abkommen. Sie teilten das Osmanische Reich – das seit Jahrhunderten die Region hielt – in britische und französische Einflusszonen ein.

Großbritannien erhielt den Irak, Jordanien und Palästina. Frankreich bekam Syrien, den Libanon und Teile der Türkei. Eine vierhundert Kilometer lange Gerade durch die Wüste teilte das heutige Irak von Syrien ab. Ein französischer Konsul sagte später: *„Europa hat den Nahen Osten mit einem Lineal gezeichnet."*

Das Ergebnis: Ein sunnitischer Clan wurde zum König im schiitischen Irak erhoben. Kurden, Turkmenen und Assyrer wurden in einen neuen Staat gepresst, der ihre Identitäten ignorierte. Syrien und der Libanon wurden künstlich getrennt, obwohl sie wirtschaftlich und kulturell verwoben waren. Und Palästina – ein Gebiet, in dem Muslime, Christen und Juden seit Jahrhunderten nebeneinander lebten – wurde zum britischen Mandatsgebiet erklärt.

Der Historiker David Fromkin nannte sein Buch über diese Zeit treffenderweise *„A Peace to End All Peace"*. Der Frieden von Versailles und Sykes-Picot beendete nicht die Kriege. Er begann sie neu.


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Balfour 1917: Ein Versprechen, zwei Völker

Ein Jahr nach Sykes-Picot, im November 1917, schrieb der britische Außenminister Arthur Balfour einen Brief an den Bankier und Zionistenführer Walter Rothschild. Der berühmte Satz darin:

*„His Majesty's Government view with favour the establishment in Palestine of a national home for the Jewish people."*

Die Balfour-Deklaration war keine internationale Vereinbarung. Sie war ein einseitiges britisches Versprechen. Zwei Probleme: Zum einen lebten in Palästina bereits über 90 Prozent Araber – Muslime und Christen. Zum anderen hatte Großbritannien das Versprechen gegeben, ohne das Recht zu haben, Land zu verschenken, das es nicht besaß.

Winston Churchill, damals britischer Kolonialminister, sagte später rückblickend:

*„I do not agree that the dog in a manger has the final right to the manger even though he may have lain there for a very long time."*

Er meinte die arabische Bevölkerung. Churchill war kein Außenseiter. Er war die britische Regierung. Und er behandelte ein Land mit Millionen Einwohnern wie einen leerstehenden Stall.

Die Balfour-Deklaration schuf den Nährboden für einen Konflikt, der bis heute andauert. Sie versprach den Juden ein Heim, ohne den Arabern Souveränität zu geben. Das Ergebnis: ein permanentes Unrecht, das beide Seiten in einen existenziellen Kampf treibt – während Außenstehende weiterhin über beide Köpfe hinweg verhandeln.


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Mossadegh 1953: Wenn Demokratie dem Öl im Weg steht

Fast vierzig Jahre später, 1951, wählte das iranische Parlament einen neuen Premierminister: Mohammad Mossadegh. Er war kein Revolutionär im kommunistischen Sinne. Er war ein nationalistischer Reformer, der das iranische Öl verstaatlichen wollte – das seit 1908 von der Anglo-Iranian Oil Company (heute BP) ausgebeutet wurde.

Die britische Reaktion war heftig. BP verlor die Lizenz. London verhängte Sanktionen. Doch Mossadegh hielt durch. 1953 beschlossen die USA und Großbritannien, ihn zu stürzen.

Die CIA-Operation hieß TP-Ajax. Sie kostete unter einer Million Dollar. Sie bewaffnete Straßengangs, kaufte Zeitungen, erzeugte Chaos und organisierte einen Militärputsch gegen den gewählten Premierminister. Der Schah kehrte zurück. Mossadegh wurde verhaftet und unter Hausarrest gestellt.

Die offizielle Begründung der USA: Die Sowjetunion könnte den Iran erobern. Die wahre Begründung: Das Öl. Ein Jahr nach dem Putsch teilten US-Ölkonzerne die iranischen Ressourcen unter sich auf. Die Demokratie im Iran war gestorben – nicht durch eine Revolution, sondern durch einen Auftrag aus Washington und London.

Die Folgen sind bis heute spürbar. Der Schah regierte mit eiserner Hand, bis die Islamische Revolution 1979 ihn stürzte. Die Revolutionäre sahen in den USA nicht den Freund, sondern den Putschisten. Diese Wahrnehmung prägt die iranische Außenpolitik bis heute.


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Der Sechs-Tage-Krieg 1967: Grenzen verschieben sich

1967 griff Israel seine arabischen Nachbarn an und besiegte sie in sechs Tagen. Ägypten verlor den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Jordanien verlor das Westjordanland und Ostjerusalem. Syrien verlor die Golanhöhen.

Der Krieg veränderte die Karte erneut – und schuf ein neues Problem: die israelische Besatzung. Über 600.000 Palästinenser gerieten unter israelische Kontrolle. Siedlungen begannen zu wachsen, obwohl sie nach internationalem Recht illegal sind.

Die Resolution 242 der Vereinten Nationen forderte den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten. Israel zog sich nie zurück. Stattdessen begann eine Politik der schrittweisen Annexion – Haus für Haus, Siedlung für Siedlung.

1967 war kein Zufall. Israel hatte seit Jahren einen Präventivkrieg geplant, als Reaktion auf die ägyptische Verblockung der Straße von Tiran. Doch die Frage bleibt: Warum wurde das besetzte Land nicht zurückgegeben? Warum wuchsen stattdessen Siedlungen?

Die Antwort liegt in der Geographie der Macht. Ein kleines Land ohne strategische Tiefe gewann durch die Besatzung Pufferzonen. Und diese Zonen wurden zu neuen Realitäten, die niemand mehr ernsthaft zurückzugeben beabsichtigte.


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Der Oded-Yinon-Plan: Ein strategisches Drehbuch

1982 veröffentlichte die israelische Zeitung *Kivunim* einen Aufsatz des Beraters des israelischen Außenministeriums Oded Yinon. Der Titel: *„A Strategy for Israel in the Nineteen Eighties"*.

Yinons These: Israel solle das Ziel verfolgen, die arabischen Staaten in kleinere, schwächere Einheiten zu zerlegen. Ein zersplitterter Irak wäre für Israel sicherer als ein starkes, zentralistisches Regime. Libanon solle in christliche, schiitische und sunnitische Mini-Staaten zerbrechen. Syrien solle ethnisch aufgelöst werden.

Der Plan wurde nie offizielle Regierungspolitik. Aber seine Logik hallt in späteren Strategien wider. Das PNAC-Dokument von 1997, das Clean-Break-Papier von 1996, die Irak-Invasion 2003 – sie alle teilen die Yinon-These: Ein destabilisierter, fragmentierter Naher Osten ist für Israel strategisch vorteilhafter als ein starker, souveräner Nachbar.

Wichtig: Yinon war ein einzelner Berater. Sein Plan war kein offizielles Dokument. Doch die Tatsache, dass seine Logik in den folgenden Jahrzehnten wiederkehrt – in Denkfabriken, in Strategiepapieren, in tatsächlichen Kriegen – macht ihn lesenswert. Nicht als Beweis einer Verschwörung. Sondern als frühes Indiz für eine Denkschule, die bestimmte Eliten teilen.


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Der faire Einwand

Nicht alles ist Plan. Nicht alles ist böse Absicht.

Die arabischen Staaten haben eigene Fehler gemacht: Autokratien, Korruption, militärische Expansionspläne (Nasser 1967), Unterdrückung eigener Minderheiten. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat zwei Seiten, und beide haben Gewalt begangen. Die Islamische Republik Iran unterhält eine theokratische Diktatur und finanziert Milizen im Ausland.

Die Frage ist nicht: Wer ist schuld? Die Frage ist: Wer hat die Strukturen geschaffen, innerhalb derer sich der Konflikt permanent reproduziert?

Und die Antwort ist klarer als die Moral: Die kolonialen Grenzen, die Ölinteressen, die Großmacht-Rivalitäten und die strategischen Pläne einer kleinen Elite haben eine Region konstruiert, in der Frieden unmöglich ist – weil Frieden für die Mächtigen oft teurer ist als Krieg.


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Was daraus folgt

Der Nahe Osten ist nicht chaotisch, weil die Menschen dort chaotisch sind. Er ist chaotisch, weil er nie souverän war.

  • Die Grenzen sind künstlich und trennen Völker, die zusammengehören.
  • Die Regierungen wurden oft von Außen installiert oder gestürzt (Mossadegh).
  • Die Ressourcen werden von Konzernen kontrolliert, die nicht in der Region leben.
  • Die Kriege werden mit Waffen geführt, die von den USA, Russland und Europa geliefert werden.
  • Die Flüchtlinge werden von NGOs verwaltet, die wiederum von denselben Staaten finanziert werden, die die Kriege begannen.

Das ist kein Bug. Das ist ein Feature.


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Der Punkt, der bleibt

Wer den Nahen Osten verstehen will, muss mit der Karte beginnen. Nicht mit der geographischen – mit der politischen. Wer die Grenzen gezogen hat, wer die Ölverträge geschrieben hat, wer die Putschs finanziert hat. Nicht als Verschwörungstheorie. Sondern als Dokumentengeschichte.

Die nächste Frage lautet: Wenn die Region konstruiert wurde, wer profitiert von ihrer permanenten Destabilisierung?

Quellen

  • Fromkin, David: *A Peace to End All Peace* (1989)
  • Kinzer, Stephen: *All the Shah's Men* (2003) – Die CIA-Operation TP-Ajax
  • The Balfour Declaration (1917), UK National Archives
  • CIA-Dokumente zur Operation TP-Ajax (teilweise freigegeben 2013)
  • UN-Resolution 242 (1967)
  • Yinon, Oded: *A Strategy for Israel in the Nineteen Eighties* (1982), Kivunim
  • Oren, Michael: *Six Days of War* (2002)

Dieser Artikel ist Teil der Serie *Blut für Öl*. → Teil 2: Pipelines statt Prinzipien

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