Machtmuster & Erbe12. Juni 2026ca. 10 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026
Luisa Neubauer und das Reemtsma-Erbe: Zwangsarbeit, NS-Spenden und der ererbte Vorsprung
Ein Name. Eine Hypothek. Ein Erbe.
Luisa Neubauer ist das bekannteste Gesicht der deutschen Klimabewegung. Fridays for Future, Lützerath, die Kampagne gegen Kohle – ihre Reden gehen viral, ihre Positionen polarisieren. Was in den meisten Porträts fehlt, ist ein Name, der hinter ihrer Großmutter steht: Reemtsma. Nicht als sensationeller Skandal, sondern als dokumentierte, historisch aufgearbeitete Verbindung zwischen einer Klimaaktivistin und einer Dynastie, die im Nationalsozialismus ganz bewusst Profite gemacht hat.
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Die Verwandtschaft: Wer ist mit wem verwandt
Die Verbindung ist nicht aufgeblasen, aber sie wird häufig falsch dargestellt. Luisa Neubauers Mutter, Frauke Neubauer (geborene Reemtsma), ist die Tochter von Dagmar Reemtsma (geborene von Hänisch, *1933). Dagmar war mit Feiko Reemtsma (1926–1999) verheiratet, einem Mitglied der Zigarettenfabrikantenfamilie, der bis 1975 im Unternehmen Reemtsma Cigarettenfabriken arbeitete. Die Ehe wurde später geschieden.
Das bedeutet: Luisas direkte Verbindung zur Familie Reemtsma läuft über ihre Mutter und ihre Großmutter. Jan Philipp Reemtsma, der Germanist und Mäzen, dessen Vermögen auf etwa 700 Millionen Euro geschätzt wird, ist kein Onkel von Luisa, sondern ein Cousin ihrer Großmutter Dagmar – ein entfernter Verwandter, kein direkter erbberechtigter Bezug.
Diese Präzision ist wichtig. Wer behauptet, Luisa Neubauer sei eine "Reemtsma-Erbin" im engeren Sinne, übertreibt. Wer aber behauptet, die Verbindung sei irrelevant, unterschlägt die strukturelle Realität: Luisa ist in Blankenese aufgewachsen, am Marion-Dönhoff-Gymnasium zur Schule gegangen, und spricht selbst von einem "ererbten Vorsprung" – Bildung, Zeit, Netzwerke. Nicht Geld im engeren Sinne, aber das, was Geld langfristig kauft: Zugang, Sicherheit und die Freiheit, Aktivismus zum Beruf zu machen.
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Die Reemtsma-NS-Geschichte: Was dokumentiert ist
Um zu verstehen, was "ererbt" wurde, muss man wissen, woher das Vermögen kam. Die Reemtsma Cigarettenfabriken, 1908 von Bernhard Reemtsma gegründet, gelangten in der NS-Zeit zur vollen Blüte. Was folgt, ist keine Verschwörungstheorie, sondern dokumentierte Wirtschaftsgeschichte.
1932 sagte Philipp Fürchtegott Reemtsma Adolf Hitler persönlich zu, Anzeigen in den Zeitungen der NSDAP zu schalten. Ab 1933 förderte das Unternehmen die Partei und ihre Gliederungen durch großzügige Spenden. Hermann Göring, der 1934 ein Korruptionsverfahren gegen Reemtsma niederschlug, erhielt im Laufe der Jahre Spenden von insgesamt 12 Millionen Reichsmark. Görings Staatssekretär Paul Körner wurde 1937 in den Beirat der Firma berufen und bekam dafür bis 1945 insgesamt 303.307 Reichsmark. Alwin Reemtsma, ein weiteres Familienmitglied, war SS-Standartenführer der Waffen-SS und erhielt 1939 den Ehrendegen des Reichsführers SS.
Die Propaganda war direkt: Reemtsma brachte 1933 das NS-Sammelalbum "Adolf Hitler" heraus, das 2,83 Millionen Mal verkauft wurde. Zigarettenbildserien wie "Deutschland erwacht – Werden, Kampf und Sieg der NSDAP" in Zusammenarbeit mit Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann verbreiteten die Ideologie mit jedem Kauf.
Aber das Schwerwiegendste war die Ausbeutung der Krim.
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Die Krim: 28.000 Zwangsarbeiter für Tabak
Nach der Eroberung der Krim durch die Wehrmacht Ende 1941 organisierte Reemtsma die systematische Ausbeutung der dortigen Tabakfelder. Über 28.000 Zwangsarbeiter – viele Ukrainer, darunter Tausende Kinder – mussten unter brutalen Bedingungen Tabak ernten. Reemtsma-Manager rückten mit der Wehrmacht ein und nutzten die Besatzungsstrukturen, um die Ernte zu sichern. Der Großteil des Tabaks ging direkt an Reemtsma.
Das "Koran" abgekürzte Unternehmen war eine Tochterfirma Reemtsmas, die die Zwangsarbeit organisierte. Die historische Forschung, unter anderem von Karl Heinz Roth und Jan-Peter Abraham in der Studie "Reemtsma auf der Krim" (2014), hat dies detailliert aufgearbeitet. Es handelt sich um keine Legende, sondern um eine exemplarische Studie zur Zwangsarbeit, der Tabakwirtschaft und dem Handeln eines deutschen Großunternehmens unter der Besatzungsherrschaft 1941–1944.
Reemtsma war kein passives Unternehmen. Es war ein aktiver Profiteur der NS-Besatzungspolitik. Jeder Soldat erhielt monatlich eine Sonderration Zigaretten – produziert von einem Konzern, der gleichzeitig Zwangsarbeiter auf der Krim ausbeutete.
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Die familiäre Zerrissenheit: Nazi-Kollaboration und Widerstand
Die Familiengeschichte ist komplexer als eine einfache NS-Belastung. Dagmar Reemtsmas Vater, Joachim von Hänisch, war kein Nazi, sondern Nazi-Gegner. Er wurde 1944 im Konzentrationslager Stutthof ermordet. Seine Tochter Dagmar erfuhr später zu ihrer eigenen Erschütterung, dass die Reemtsma-Familie Mittäter der NS-Diktatur war.
Diese Zerrissenheit – zwischen Widerstand auf der einen und Profiteurkollaboration auf der anderen Seite – prägt das Familienerbe. Luisa Neubauer hat sich in ihrem 2022 erschienenen Buch "Gegen die Ohnmacht", das sie gemeinsam mit ihrer Großmutter Dagmar verfasste, explizit mit dieser komplizierten Geschichte auseinandergesetzt.
"Man kann sich die Herkunft der Familie nicht aussuchen, wohl aber wie man ihrer Geschichte begegnet."
Dieser Satz stammt aus dem Buch. Er ist kein Ausweichmanöver, sondern eine bewusste Positionierung. Aber er lässt eine Frage offen: Was bedeutet "begegnen" konkret?
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Was "ererbter Vorsprung" wirklich bedeutet
Luisa Neubauer nennt ihre Herkunft einen "ererbten Vorsprung". Das Wort ist geschickt gewählt. Es klingt wie eine Einschränkung, eine Selbstkritik. Aber es beschreibt auch eine Realität, die weniger harmlos ist als das Wort "Vorsprung" suggeriert.
Denn was vererbt wurde, ist nicht nur Bildung und Zeit. Es ist auch das Vermögen der drei Familienzweige, das 2017 auf zusammen 1,45 Milliarden Euro geschätzt wurde. Es sind die Stiftungen – das Reemtsma Begabtenförderungswerk, die Hermann Reemtsma Stiftung, das Hamburger Institut für Sozialforschung – die aus dem gleichen Kapital gespeist werden, das einst auf Zwangsarbeit und NS-Spenden aufgebaut wurde.
Jan Philipp Reemtsma, der Cousin der Großmutter, verkaufte 1980 seinen Unternehmensanteil. Später veräußerte auch Hermann-Hinrich Reemtsma einen wesentlichen Anteil. 2002 erwarb Imperial Tobacco das Unternehmen. Seitdem ist kein Familienmitglied mehr beteiligt – aber das Vermögen existiert weiter. Es wurde nicht zurückgegeben, nicht entschädigt, nicht aufgelöst.
Die Stiftungen, die heute als mäzenatisch gelten, finanzieren Bildung, Forschung, Kultur. Aber ihre finanzielle Basis ist das gleiche Kapital, das einst Göring mit 12 Millionen Mark und die Krim mit 28.000 Zwangsarbeitern bezahlte. Das ist kein moralisches Urteil – das ist eine Bilanz.
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Die Ironie der Struktur
Luisa Neubauer demonstriert gegen Kohle, gegen Klimazerstörung, gegen ein Wirtschaftssystem, das Menschen und Natur ausbeutet. Gleichzeitig stammt sie aus einer Familie, deren Vermögen auf einer der brutalsten Formen der Ausbeutung basiert, die das 20. Jahrhundert kannte.
Diese Ironie ist nicht persönlich. Sie ist strukturell. Sie zeigt, wie Reichtum in Deutschland funktioniert: Er wird weitervererbt, er wird in Stiftungen umgewandelt, er wird durch Bildung und Kultur legitimiert – aber seine Herkunft wird zunehmend abgetrennt.
Wer heute von einem Reemtsma-Stipendium profitiert, muss nicht wissen, dass das Geld einst Zwangsarbeiter auf der Krim bezahlte. Wer Luisa Neubauer als Klimaaktivistin bewundert, muss nicht wissen, dass ihr "ererbter Vorsprung" aus dem gleichen System stammt, das sie heute kritisiert.
Das ist nicht Heuchelei. Heuchelei wäre, wenn sie die Verbindung leugnen würde. Sie tut das nicht. Aber das Bewusstsein für die Verbindung ist nicht dasselbe wie das Auflösen der Verbindung.
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Die Frage, die bleibt
Luisa Neubauer sagt, man könne sich die Herkunft nicht aussuchen, wohl aber wie man ihrer Geschichte begegnet. Das stimmt. Aber was bedeutet "begegnen"?
- Ist es das Bewusstsein in einem Buch?
- Ist es die Verwendung des "ererbten Vorsprungs" für Aktivismus?
- Oder wäre "begegnen" erst dann erreicht, wenn das Kapital, das auf NS-Profite und Zwangsarbeit basiert, aktiv zurückgeführt wird – an die Nachfahren der 28.000 Arbeiter auf der Krim?
Die Frage ist nicht, ob Luisa Neubauer eine gute oder schlechte Person ist. Die Frage ist, ob unser Verständnis von "Erbe" stark genug ist, um die Verbindung zwischen historischer Schuld und heutigem Privileg nicht nur zu benennen, sondern zu verstehen.
Denn das Reemtsma-Vermögen existiert. Es finanziert Stiftungen, Bildung, Kultur. Und es basiert auf Zwangsarbeit, NS-Spenden und der Ausbeutung einer Halbinsel, die heute wieder im Krieg liegt.
Das ist kein Zufall. Das ist die Kontinuität eines Systems, das Gewinne privatisiert und Kosten externalisiert – damals auf der Krim, heute auf dem Planeten.
Die Klimabewegung, die Luisa Neubauer vertritt, fordert genau das Gegenteil: Externalisierte Kosten sichtbar machen, Verantwortung übernehmen, Systeme verändern. Die Frage ist nur: Gilt das auch für das eigene Erbe?
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Quellen
- Wikipedia: Reemtsma (Familie) – NS-Geschichte, Stammbaum, Vermögensschätzung
- DER SPIEGEL: "Reemtsmas Zwangsarbeiter – Tabakrausch im Osten" (Nils Klawitter)
- Karl Heinz Roth & Jan-Peter Abraham: "Reemtsma auf der Krim. Tabakproduktion und Zwangsarbeit unter der deutschen Besatzungsherrschaft 1941–1944" (Wallstein, 2014)
- Luisa Neubauer & Dagmar Reemtsma: "Gegen die Ohnmacht. Meine Großmutter, die Politik und ich" (2022)
- Tino Jacobs: "Rauch und Macht: das Unternehmen Reemtsma 1920 bis 1961" (Wallstein, 2008)
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Was bleibt offen?
Kann man sich die Herkunft nicht aussuchen, wohl aber wie man ihrer Geschichte begegnet – oder folgt aus historischer Verantwortung ein konkretes Handeln?
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