Institutionen12. Juli 2026ca. 13 Min. Lesezeit
Trump, FIFA und die rote Karte: Wenn ein US-Präsident den Weltfußball steuert
Ein Anruf, ein Pokal, ein Büro im Trump Tower – Die politische Vereinnahmung der FIFA
Am 1. Juli 2026 traf die USA im Sechzehntelfinale der WM auf Bosnien-Herzegowina. In der 64. Minute bekam US-Stürmer Folarin Balogun die rote Karte nach einem Tritt gegen den bosnischen Verteidiger Tarik Muharemovic. Die Sperre hätte Balogun für das Achtelfinale gegen Belgien ausgeschlossen. Dann rief der Präsident der Vereinigten Staaten an.
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Kernpunkte
Wenn ein Staatsoberhaupt den Verbandschef anruft, um eine Strafe aufheben zu lassen, und die Strafe wird aufgehoben, dann ist die Frage nicht, ob die Entscheidung richtig war. Die Frage ist, wer die Entscheidung getroffen hat.
Donald Trump bestätigte am Montag nach dem Spiel vor Journalisten im Oval Office, dass er FIFA-Präsident Gianni Infantino angerufen und um eine Überprüfung der roten Karte gebeten hatte. "All I did was ask for a review", sagte Trump. "I didn't say, 'You have to do this.'" Trump sagte, er habe den Spielzug gesehen und erkannt: "That wasn't a foul. That wasn't even an infraction. That was two guys running full speed that happened to crash into each other." Er nannte den brasilianischen Schiedsrichter Raphael Claus "a little bit suspect if you check his past" – eine Unterstellung, die der brasilianische Fußballverband umgehend zurückwies. Claus sei "one of the world's leading active referees" mit makelloser Integrität. Quelle: AP News – Trump takes credit for red card review.
Die FIFA hob die Sperre am Sonntag vor dem Achtelfinale auf. Berufen auf Artikel 27 des FIFA-Disziplinarkodex, der besagt, dass die Disziplinarkommission "die Durchsetzung einer Disziplinarmaßnahme vollständig oder teilweise aussetzen kann". Die FIFA verhängte stattdessen eine Geldstrafe von 40.000 Dollar gegen den US-Verband. Die FIFA betonte, dass die Disziplinarkommission "unabhängig" entschieden habe. Infantino veröffentlichte eine Erklärung: "FIFA's judicial bodies are independent, operate autonomously, apply the FIFA Disciplinary Code, and decide cases based on the applicable regulations and the specific facts before them." Er bestätigte jedoch den Anruf von Trump und sagte, er empfange "calls from heads of state, government officials, football stakeholders and business executives from around the world on many different issues." Quelle: CBS News – Trump says he saw World Cup play. Quelle: SI – Trump Confirms Involvement.
Die Reaktion der Fußballwelt war eindeutig. Die UEFA veröffentlichte eine scharfe Erklärung: Die Entscheidung sei "incomprehensible and unjustifiable" und habe "a red line" überschritten. "When the certainty of rules is no longer guaranteed by its guardians, the integrity of the game is at stake and the credibility of a competition is undermined." Der belgische Fußballverband war "astonished" und kündigte an, "all potential options" zu prüfen. Belgiens Trainer Rudi Garcia verglich die Entscheidung mit einem "April Fool's Day joke". Belgiens Außenminister Maxime Prévot nannte die FIFA-Entscheidung "incomprehensible". Die FIFA wies Belgiens Einspruch zurück. EU-Sportkommissar Glenn Micallef sagte: "Such decisions belong to sporting bodies, not politicians." Sogar Sepp Blatter, der 2015 von der FBI gestürzt wurde, meldete sich zu Wort: "Football must never become a playground for political power." Die Ironie: Der Mann, der die FIFA zum Synonym für Korruption machte, warnte vor politischer Einmischung. Quelle: UEFA Statement on the Balogun Case. Quelle: Time – Trump's FIFA Intervention Draws Global Backlash. Quelle: Straits Times – America First collides with world's game.
Um zu verstehen, wie dieser Anruf möglich wurde, muss man die Trump-Infantino-Achse betrachten. Die FIFA mietet ein Büro im 17. Stockwerk des Trump Tower in New York. Die Miete fließt an die Trump-Familie. FIFA-Offizielle sagen, das Büro sei weitgehend leer. Infantino nutzt es gelegentlich, wenn Weltführer zur UN-Generalversammlung in der Stadt sind. Nachdem Trump 2025 vom Nobel-Komitee übersehen worden war, hatte Infantino eine Idee. Drei Wochen nach der Nobel-Verkündung informierte er FIFA-Offizielle, dass er einen eigenen Friedenspreis schaffen wolle. Senior-FIFA-Offizielle fragten, wie viel Zeit sie hätten, um Kriterien und Nominierungskomitee auszuarbeiten. Die Fragen blieben unbeantwortet. Der FIFA Peace Prize wurde am 5. November 2025 angekündigt und am 5. Dezember 2025 bei der WM-Auslosung im Kennedy Center in Washington an Trump verliehen – mit goldenem Pokal, Medaille und Urkunde. Infantino sagte zu Trump auf der Bühne: "You can always count on my support." Quelle: Philadelphia Inquirer – FIFA's yearslong effort to woo Trump. Quelle: AP News – Trump and Infantino's relationship.
Die Allianz begann 2018, als die USA die Co-Gastgeberschaft für die WM 2026 zugesprochen bekamen und Trump Infantino ins Weiße Haus einlud. 2020 nannte Infantino Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos "my great friend". Trump lud ihn zur Unterzeichnung der Abraham-Abkommen ins Weiße Haus ein. Nach Trumps Wiederwahl 2024 war Infantino auf Mar-a-Lago, bei der Amtseinführung, und besuchte das Weiße Haus häufiger als die meisten Staatschefs. Im Februar 2025 stand er neben Benjamin Netanyahu bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Im Oktober 2025 lobbyierte er öffentlich für Trumps Nobelpreis. Im Dezember 2025 verlieh er Trump den Peace Prize. Im Juli 2026 rief Trump an, und die rote Karte wurde aufgehoben. Infantino nannte Trump "the king of soccer" und "probably the most respected man in sports". Trump nennt Infantino "Johnny". Quelle: NY Magazine – How Gianni Infantino Won Trump's Heart. Quelle: CNBC – Trump financial disclosure.
Am 8. Dezember 2025 reichte FairSquare, eine Londoner Menschenrechtsorganisation, eine achtseitige Beschwerde bei der FIFA-Ethikkommission ein. Der Vorwurf: Infantino habe durch vier öffentliche Aussagen zugunsten Trumps gegen Artikel 15 des FIFA-Ethikkodex verstoßen, der politische Neutralität vorschreibt. Die Beschwerde fordert zudem eine Untersuchung, ob Infantino den FIFA Peace Prize ohne Beteiligung des FIFA Councils erfand – was einen Missbrauch seiner Befugnisse darstellen würde. Laut FIFA-Statuten ist der 37-köpfige FIFA Council für "mission, strategic direction, policies and values" zuständig. In der FIFA-Stellungnahme vom 2. Oktober 2025, in der der Peace Prize angekündigt wurde, gibt es keinen Hinweis auf eine Beteiligung des Councils. 50 Mitglieder des Europäischen Parlaments unterzeichneten einen Brief, in dem sie die FIFA aufforderten, die Beschwerde "with the utmost speed and sincerity" zu prüfen. Die Ethikkommission hat bis heute nicht öffentlich reagiert. Quelle: FairSquare – FIFA ethics complaint. Quelle: FairSquare Complaint PDF.
Es war nicht nur Trump. Nach Berichten von Politico und der New York Times war auch Handelsminister Howard Lutnick in den Fall involviert. Lutnick, der bei dem Spiel gegen Bosnien-Herzegowina neben Infantino saß, rekrutierte Anwälte, um eine Lösung für Baloguns Sperre zu finden. Andrew Giuliani, Geschäftsführer der White House Task Force für die WM, war ebenfalls involviert. Das Weiße Haus betrieb also eine koordinierte Kampagne, um eine FIFA-Strafe aufzuheben. Nicht durch öffentliche Kritik, sondern durch direkte Intervention beim Verbandschef und durch Anwälte. Quelle: SI – Trump Confirms Involvement.
Die FIFA suspendiert Russland wegen politischer Aggression. Sie suspendiert die Sperre eines US-Spielers nach einem Anruf des US-Präsidenten. Der Unterschied ist nicht juristisch. Der Unterschied ist geopolitisch.
Der Fall Balogun ist nicht isoliert. Er ist das sichtbarste Beispiel einer Allianz, die die WM 2026 prägt: Ein FIFA-Präsident, der ein Büro im Trump Tower mietet, einen Friedenspreis erfindet, um ihn dem US-Präsidenten zu verleihen, und dann eine Strafe aufhebt, nachdem derselbe Präsident angerufen hat. Die UEFA sprach von einer "überschrittenen roten Linie". 50 EU-Abgeordnete forderten eine Untersuchung. Menschenrechtsorganisationen reichten Ethics-Beschwerden ein. Die FIFA reagierte mit Schweigen und mit dem Verweis auf "unabhängige Gremien" – Gremien, die von Infantino selbst besetzt wurden.
Die Frage ist nicht, ob die FIFA korrupt ist. Die Frage ist, warum wir so tun, als wäre sie es nicht.
Weiterführend: Der erste Teil der Serie behandelt die FIFA-Skandalchronik von Blatter zu Infantino. Der zweite Teil analysiert die WM 2026 und ihre technologischen Widersprüche. Teil 4 behandelt die Doppelmoral bei Israel und Russland. Teil 5 verbindet alle Fäden: Messi, Milei, Netanyahu und Infantino.
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Sigma
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