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Recherche29. Juli 2026ca. 9 Min. Lesezeit

Die Verschwundene aus den Epstein-Files

Seit 2015 fehlt jede Spur von Michele. Dann taucht ihr Name in den Akten von Jeffrey Epstein auf. Der Scout, der sie dorthin brachte, starb bevor er aussagen konnte.

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Jeffrey Epstein 2008 mugshot

*Seit 2015 fehlt jede Spur von Michele. Dann taucht ihr Name in den Akten von Jeffrey Epstein auf. Eine Recherche von ZDF und Spiegel offenbart ein System, das junge Frauen in größte Gefahr bringt, und deutsche Behörden, die wegsehen.*

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Ein Name in Millionen Dokumenten

Die Verschwundene aus den Epstein-Files, Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Recherche

Millionen Seiten an Anrufprotokollen, Nachrichten und E-Mails: Der gigantische Datenberg, den das US-Justizministerium im Rahmen der Epstein-Files freigegeben hat, wirkt wie ein Ozean aus Papierkram. Und doch stößt ein Rechercheteam des ZDF auf einen Namen, der nicht dorthin gehören sollte: Michele, eine junge Deutsche, vermisst seit September 2015.

Die Journalisten Lucas Eiler, Alina Reissenberger und Tim Gorbauch vom ZDF-Dokuformat „Die Spur" haben gemeinsam mit DER SPIEGEL und paper trail media den Fall rekonstruiert. Was sie fanden, ist mehr als eine Vermisstenanzeige. Es ist das Porträt eines Systems, das junge Frauen, die von einer Modelkarriere träumen, in eine Maschine aus Ausbeutung und Gewalt zieht, und es ist das Porträt von Behörden, die nicht hingeschaut haben.

Dass ein einzelner Name in Millionen von Dokumenten überhaupt auffällt, sagt etwas über die Sorgfalt der Recherche, aber es sagt auch etwas über die Größenordnung des Epstein-Netzwerks. Wer so viele Opfer brauchte, dass sein Name 2.000-mal in den Akten auftaucht, betreibt keine Ausnahme, sondern ein Geschäft.


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September 2015: Der letzte Koffer

Michele war 22 Jahre alt. Sie wollte schon immer Model werden, posierte schon als Kind auf Urlaubsfotos. Im September 2015 packte sie einen Koffer und verließ die Wohnung ihrer Mutter in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sagte nicht, wohin sie geht. Aber das war normal, Michele war immer unterwegs, selten erzählte sie, wohin die Reise ging.

Ein Monat verging, ohne Anruf, ohne Nachricht. Die Familie meldete Michele im Oktober 2015 als vermisst. Die Polizei prüfte, ob sie in einem angrenzenden Bundesland oder Nachbarland aufgegriffen wurde, ohne Ergebnis. Eine aktive Suche fand nicht statt, weil es keine Hinweise auf ein Verbrechen gab. Eine erwachsene Frau, die freiwillig verreist, mehr schien es nicht zu sein.

Aber es war mehr, und die Behörden, die das hätten wissen können, wenn sie genauer hingeschaut hätten, taten es nicht. Die Schwelle für eine ernsthafte Ermittlung war hoch, zu hoch, wie sich später herausstellen sollte. Denn während die deutsche Polizei den Fall als freiwillige Ausreise ablegte, tauchte Micheles Name bereits in den Akten eines der größten Sexualstraftäter der Geschichte auf.


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Daniel Siad: Der Fischer

Der Name Daniel Siad taucht in den Epstein-Files über 2.000 Mal auf. Ein Schwede mit algerischen Wurzeln, der sich als Modelscout ausgab und bei Paris lebte. Siad war keine Randfigur. Er war eine europäische Schlüsselfigur im Epstein-Netzwerk, ein mutmaßlicher Rekrutierer, der junge Frauen an den Sexualstraftäter vermittelte. In einer E-Mail an Epstein beschrieb er sich selbst als Fischer: „Manchmal mache ich einen guten Fang, manchmal erwische ich nichts."

Michele lernte Siad in einer Tanzbar in Dubai kennen. Er bot ihr an, Fotos zu machen, sie wollte immer modeln. So begann ein Kontakt, der ab 2012 bestand und sich über Jahre zog. 2013 besuchte Micheles Mutter ihre Tochter sogar in Dubai, wo Siad sie zu einem Essen auf einem großen Schiff einlud. Die Mutter ahnte nichts, oder sie ahnte etwas, wollte es aber nicht wahrhaben. Solche Grenzen zwischen Vertrauen und Verdrängung sind es, die Rekrutierer ausnutzen.

2014 schickte Siad mehrere Fotos von Michele an Jeffrey Epstein. In einer Mail schrieb er:

„Sie ist ein Mädchen, das ich sehr gut kenne, großartige Person. Du wirst sie lieben."

Er bat offenbar um ein Flugticket für Michele. Ob eine Begegnung mit Epstein jemals zustande kam, geht aus den Akten nicht hervor. Aber die Tatsache, dass Siad sie an Epstein vermittelte, Fotos schickte und ein Ticket anforderte, reicht aus, um zu verstehen, worum es ging: nicht um eine Modelkarriere, sondern um Lieferung.


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Die Angst vor dem Scout

Micheles Vater Vlado berichtet von einem Anruf Siads kurz vor ihrem Verschwinden:

„Von Weiten hab ich im Telefon gehört, wie er mit ihr schimpft. Und dann ist das so gewesen, dass sie da Angst hatte."

Michele hatte ihrem Vater erzählt, Siad betreibe einen Escortservice. „Wofür die Mädchen dann auch dort hingeschickt worden sind, hat vielleicht was mit Sex zu tun", so der Vater. „Das wollte sie wohl nicht so preisgeben."

Auch ein Ex-Freund berichtete gegenüber ZDF und Spiegel von derartigen Anrufen. Siad selbst reagierte auf keine der Anfragen der Journalisten, und weder er noch seine Anwältin äußerten sich. Wer unschuldig ist und beschuldigt wird, mit einem verurteilten Sexualstraftäter zusammengearbeitet zu haben, hat normalerweise etwas zu sagen. Siad hatte nichts zu sagen, und sein Schweigen spricht für sich.

Die Angst, die Michele hatte, ist das Detail, das die Recherche von einer Vermisstensache zu einem möglichen Verbrechen macht. Eine junge Frau, die vor einem Mann Angst hat, der sie an Jeffrey Epstein vermittelt hat, und die kurz darauf verschwindet, das ist kein Zufall, sondern eine Spur, die niemand verfolgt hat.


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Die Recherche

Das Rechercheteam arbeitete monatelang. Sie versuchten, Micheles Reisen zu rekonstruieren, schrieben Online-Kontakte an, durchkämmten Datenlecks. Mit Gesichtserkennungstools und forensischen Handyanalysen suchten sie nach Hinweisen auf ihren Verbleib.

Erst als die Journalisten die Familie kontaktierten, erfuhr diese, dass Micheles Name in den Epstein-Files auftaucht. Die Familie, Eltern Annett und Vlado, Bruder Jonas (Name geändert), sprach erstmals öffentlich über ihre vermisste Tochter.

„Es ist für eine Mutter schlimm, wenn man ein Kind verliert", sagt Annett. „Natürlich fragt man sich immer wieder, wo ist sie geblieben?"
„Ich meine, sie war ja auch wirklich ein ganz süßes Mädchen", sagt Vlado. „Ist sie ja immer noch bestimmt, hoffentlich."

Die Worte der Eltern sind das, was diesen Fall über die Aktenlage hinaus trägt. Es ist nicht die Zahl 2.000, die im Gedächtnis bleibt. Es ist ein Vater, der „hoffentlich" sagt und dabei nicht weiß, ob seine Tochter noch lebt.


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Die Behörden: Hilflos oder gleichgültig?

Die deutsche Staatsanwaltschaft sieht keine Grundlage für Ermittlungen. Es fehle ein konkreter Hinweis auf ein Gewaltverbrechen. Eine öffentliche Fahndung nach Michele ist nicht geplant.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz sieht das anders:

„Wenn sich zu diesem Fall ein Draht zu Epstein findet, hat man meiner Ansicht nach einen neuen Ermittlungsansatz, und dem muss nachgegangen werden."

In Polen und Frankreich wurden die Behörden deutlich entschlossener tätig. Dort wurde die Bevölkerung aufgerufen, sich mit Hinweisen zu möglichen Epstein-Verbindungen an zentrale Stellen zu wenden. In Deutschland passiert nichts. Der Unterschied ist frappierend. Andere Länder erkennen die Dimension des Epstein-Netzwerks und handeln. Deutschland wartet ab.

„Wir stehen hilflos da", sagt die Familie.

Das Wort „hilflos" ist falsch. Hilflos wäre, wenn man versucht hätte und gescheitert wäre, aber hier wurde nicht einmal versucht. Eine junge deutsche Frau, deren Name in den Akten eines verurteilten Sexualstraftäters auftaucht, deren Scout sie an Epstein vermittelte, deren Familie Anrufe von diesem Scout als bedrohlich empfand, und die Staatsanwaltschaft sieht keinen Grund zur Ermittlung. Das ist keine Hilflosigkeit, sondern eine Entscheidung, die man so treffen musste.


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Ein letztes Foto und ein toter Zeuge

Ein letztes Foto zeigt Michele lachend in einem Gartenstuhl bei ihrem Vater. Kurz vor ihrem Verschwinden. Es ist das letzte bekannte Bild von ihr.

Ihre Mutter sagt:

„Ich denke, sie lebt nicht mehr. Dass ihr etwas angetan wurde."

Daniel Siad, der Mann, der Michele in das Epstein-Netzwerk brachte, starb im Juli 2026, bevor er jemals von der Polizei vernommen wurde. Er war der Schlüsselzeuge, der hätte sagen können, was mit Michele passiert ist. Er war die Verbindung zwischen einer jungen Frau aus Mecklenburg-Vorpommern und einem der größten Sexualstraftäter der Geschichte. Und er starb, bevor ihn jemand fragen konnte.

Seine Geschichte, und die der anderen Toten im Epstein-Komplex, erzählen wir in **Teil 2: Das Todesmuster (externer Link, öffnet in neuem Tab)**.


Die Verschwundene aus den Epstein-Files, Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Recherche

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Quellen

Die Recherche stützt sich auf mehrere Quellen. DER SPIEGEL dokumentierte den Vermisstenfall Michele und die Verbindung zu den Epstein-Akten ausführlich (DER SPIEGEL (externer Link, öffnet in neuem Tab)). ZDFheute berichtete über die Frage, ob die vermisste Deutsche von einem Scout angeboten wurde (ZDFheute (externer Link, öffnet in neuem Tab)). Die ZDF-Dokumentation „Die Spur" rekonstruierte den Fall in einer eigenen Sendung (ZDF Die Spur (externer Link, öffnet in neuem Tab)). Die taz analysierte den Fall unter der Frage „Wo ist Michele?" (taz (externer Link, öffnet in neuem Tab)). ZDFheute berichtete auch über die Forderung von Konstantin von Notz nach neuen Ermittlungen (ZDFheute (externer Link, öffnet in neuem Tab)). DER SPIEGEL dokumentierte die Position der Staatsanwaltschaft, die keine Grundlage für Ermittlungen sieht (DER SPIEGEL (externer Link, öffnet in neuem Tab)).


*Recherche: Lucas Eiler, Alina Reissenberger, Tim Gorbauch („Die Spur") mit DER SPIEGEL und paper trail media.*

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Sigma

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