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Gesundheitsordnung03. August 2026ca. 7 Min. Lesezeit

Goldman Sachs fragt: Ist Heilen ein nachhaltiges Geschäftsmodell?

Die Frage, die ein Investment-Bank-Memo 2018 stellte – und was sie über das Gesundheitssystem enthüllt

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Pathogenesis of alcoholic liver disease. Inc: increase, Dec: decrease, FA: fatty acid, Infl: inflammatory, TNF: tumor necrosis factor alpha. A vector

Im April 2018 veröffentlichte die Investmentbank Goldman Sachs einen Bericht für Biotech-Kunden. Der Titel: "The Genome Revolution". Die zentrale Frage, die Analystin Salveen Richter und ihr Team stellten, war nicht medizinisch. Sie war betriebswirtschaftlich:

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Der Vorfall

Goldman Sachs analysierte die Aussichten von Gentherapien und Gen-Editierung. Die Technologie war revolutionär: Einmal-Behandlungen, die Krankheiten dauerhaft heilen könnten. Aber die Analysten sahen ein Problem. Einmalheilungen erzeugen keine wiederkehrenden Einnahmen.

Als Fallbeispiel diente Gilead Sciences und dessen Hepatitis-C-Medikamente Sovaldi und Harvoni. Diese Medikamente heilen Hepatitis C in über 90 Prozent der Fälle. Der Erfolg war medizinisch extraordinär. Finanziell war er aus Sicht der Analysten ein Problem.

Gileads Hepatitis-C-Umsatz erreichte 2015 seinen Peak mit 12,5 Milliarden Dollar. Bis 2018 fiel er auf unter 4 Milliarden Dollar, schätzten die Analysten. Der Grund war simpel: Die Patienten waren geheilt. Weniger Kranke bedeuteten weniger Kunden. Und weil Hepatitis C eine Infektionskrankheit ist, bedeuteten weniger Kranke auch weniger Neuinfektionen. Der Patientenpool schrumpfte auf beiden Seiten.

Der Bericht formulierte es so:

*"[Gilead]'s rapid rise and fall of its hepatitis C franchise highlights one of the dynamics of an effective drug that permanently cures a disease, resulting in a gradual exhaustion of the prevalent pool of patients."*

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Die Logik darunter

Die Logik ist nicht kompliziert. Sie ist betriebswirtschaftlich. Chronische Behandlung bedeutet wiederkehrende Einnahmen über Jahre oder Jahrzehnte. Eine Einmalheilung bringt eine Zahlung, dann ist der Kunde verschwunden. Das Patentsystem belohnt Monopole auf teure, patentierbare Behandlungen. Generika und Off-Patent-Wirkstoffe bieten kein Monopol, keine Marge, keinen ROI.

Goldman Sachs schlug vor, dass Biotech-Firmen sich auf Krankheiten konzentrieren sollten, bei denen der Patientenpool stabil bleibt, wie Krebs. Bei Krebs gibt es immer neue Patienten. Die "incident pool remains stable", wie der Bericht formulierte. Das ist kein Zynismus. Das ist Kapitallogik, angewendet auf Gesundheit.

Der Bericht nannte auch die Lösung. Biotech-Firmen sollten ihr Portfolio ständig erweitern, um den sinkenden Umsatz alter Produkte zu kompensieren. Und sie sollten sich auf "diseases of aging" konzentrieren, Krankheiten des Alterns, bei denen der Patientenpool mit der demografischen Entwicklung wächst. Das ist eine bemerkenswert offene Aussage. Sie sagt im Grunde: Sucht euch Krankheiten, die genug Menschen haben und die nicht heilbar sind. Das ist das Geschäftsmodell.

Man muss sich klarmachen, was diese Empfehlung bedeutet. Ein Medikament, das eine Krankheit heilt, ist aus Investorensicht ein Produkt mit begrenzter Lebensdauer. Ein Medikament, das eine Krankheit nur behandelt, ohne sie zu heilen, ist ein Produkt mit unbegrenzter Lebensdauer, solange der Patient lebt. Die Logik belohnt also nicht den medizinischen Durchbruch, sondern die medizinische Abhängigkeit. Je länger jemand krank ist, desto lukrativer ist er. Je schneller jemand gesund wird, desto unwirtschaftlicher ist er. Das ist kein moralisches Urteil über einzelne Analysten, sondern die logische Konsequenz einer Branchenstruktur, die Gesundheit als Markt behandelt.

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Die blinden Flecken des Berichts

Der Bericht erwähnte nicht, dass die tatsächlichen Produktionskosten von Gileads Hepatitis-C-Medikamenten bei schätzungsweise 28 bis 58 Dollar pro 12-Wochen-Kurs lagen. Eine Studie im Journal *Gut* (BMJ) berechnete das 2020. Gilead verlangte in den USA bis zu 84.000 Dollar für Sovaldi und 94.500 Dollar für Harvoni.

Das ist kein Normalaufschlag. Das ist ein Faktor von 1.000 bis 3.000.

Der Bericht erwähnte auch nicht, dass die US-Steuerzahler über die National Institutes of Health (NIH) mehr als 60 Millionen Dollar zur Entwicklung von Sofosbuvir beigetragen hatten. Das war die Grundsubstanz, die Gilead 2011 durch den Kauf von Pharmasset für 11,2 Milliarden Dollar akquirierte. Öffentlich finanzierte Grundlagenforschung, privatisierter Profit. Ein Muster, das in der Pharmaindustrie nicht die Ausnahme ist, sondern die Regel.

Und der Bericht erwähnte nicht, dass mindestens 27 US-Bundesstaaten Sovaldi nur den schwerstkranken Patienten gaben. Der Preis war zu hoch. Medicaid-Programme rationierten die Heilung. Menschen warteten, bis ihre Leber schwer genug geschädigt war, um die Behandlung zu "rechtfertigen". Die Folge: Menschen warteten auf Leberschäden, um ein Medikament zu bekommen, das sie hätte heilen können, bevor die Leber Schaden nahm.

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Die öffentliche Reaktion

Große Medien berichteten über den Bericht. CNBC brachte die Story zuerst. Ars Technica, CBS, Gizmodo, Hep Magazine folgten. Die Reaktion war meistens: *Skandalös, aber nicht überraschend.*

Dann verschwand das Thema. Keine hearings. Keine Gesetzesinitiative. Keine strukturelle Reform des Patentsystems. Der Bericht wurde als "unglückliche Formulierung" abgetan, dabei war er die ehrlichste Aussage, die ein Finanzinstitut je über das Gesundheitssystem gemacht hat. Ein Analystenmemo sagte laut, was sonst nur in geschlossenen Räumen besprochen wird. Die Öffentlichkeit nahm Notiz, schüttelte den Kopf und ging weiter.

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Der faire Einwand

Goldman Sachs ist eine Investmentbank. Ihr Job ist es, Investoren zu beraten, nicht Patienten zu heilen. Die Frage "Ist Heilen profitabel?" ist aus ihrer Perspektive legitim. Sie ist die logische Konsequenz eines Systems, in dem Gesundheit eine Ware ist.

Der Einwand lautet: Das System ist das Problem, nicht die Frage. In einem System, in dem Gesundheit über Patente und Monopole finanziert wird, ist die Frage nicht zynisch, sie ist konsequent. Die Konsequenz ist, dass Heilungen, die nicht patentierbar sind, nicht erforscht werden. Und dass Heilungen, die patentierbar sind, so teuer werden, dass sie nicht zugänglich sind.

Man kann Goldman Sachs nicht vorwerfen, dass sie die Logik ihres eigenen Systems aussprechen. Man kann dem System vorwerfen, dass es diese Logik produziert. Die Analysten haben nichts erfunden. Sie haben beschrieben, was schon längst funktioniert.

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Die Konsequenz

Der Goldman-Sachs-Bericht ist nicht die Ausnahme. Er ist die Regel, ausgesprochen. Er beschreibt die strukturelle Logik eines Systems, in dem Krankheit profitabler ist als Gesundheit. In diesem System ist chronische Behandlung lukrativer als Heilung. Patentierbare Wirkstoffe werden erforscht, unpatentierbare nicht. Öffentlich finanzierte Forschung wird privatisiert. Preise werden nach Monopolmacht gesetzt, nicht nach Wert oder Kosten.

Pharmafirmen sind deshalb nicht per se böse. Die Anreizstruktur ist so gesetzt, dass das Ergebnis vorhersehbar ist. Wenn du ein System baust, in dem Krankheit Geld bringt und Heilung Geld kostet, dann bekommst du ein System, das Krankheit behandelt und Heilung vermeidet. Nicht aus Bosheit, sondern aus Inzentiv.

Man kann das auch andersherum sehen. Es gibt Krankheiten, bei denen die Forschung trotz fehlender Rentabilität vorangekommen ist, meist durch öffentliche Gelder, Universitäten oder militärische Interessen. Penicillin wurde nicht von einem Pharmaunternehmen entwickelt, sondern aus akademischer Forschung. Insulin wurde entdeckt, nicht erfunden, und der Entdecker verkaufte das Patent für einen Dollar. Diese Beispiele zeigen, dass Heilung möglich ist, wenn die Anreizstruktur nicht kommerziell ist. Sie zeigen auch, was passiert, wenn sie es doch wird: Insulin kostet in den USA heute hundertmal so viel wie in anderen Ländern, nicht weil es teurer herzustellen ist, sondern weil drei Hersteller den Markt kontrollieren.

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Der Punkt, der bleibt

Goldman Sachs hat 2018 die leise Wahrheit des Gesundheitssystems ausgesprochen: Heilen ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Es kommt weniger darauf an, ob die Analysten recht haben. Entscheidender ist, ob wir ein System akzeptieren, in dem sie recht haben.

Diese Serie untersucht sechs Fälle, in denen diese Logik sichtbar wurde, von Hepatitis C über Strophanthus bis zu Fenbendazol. In jedem Fall war das Heilmittel vorhanden. In jedem Fall war es billig oder unpatentierbar. In jedem Fall wurde es begraben, ignoriert oder sabotiert.

Nicht weil jemand Böses wollte. Sondern weil das System so funktioniert.

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Mehr dazu in Teil 2: Hepatitis C, die Heilung, die zu teuer war. Eine Übersicht aller Editionen findest du im Vergleich. Die Leseprobe zeigt dir den Ton.

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Gilead Sciences kaufte 2011 die Hepatitis-C-Heilung für 11,2 Milliarden Dollar und setzte den Preis auf 84.000 Dollar pro Kur. Die Produktionskosten lagen bei 28 Dollar. 27 US-Bundesstaaten rationierten die Heilung. Menschen warteten, bis ihre Leber zerstört war. Das ist kein Systemfehler – das ist das System.

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