Geschichte04. August 2026ca. 18 Min. Lesezeit
Wer war Ursula Haverbeck? Biografie und Vlothoer Netzwerke
Sie war 96, als sie starb. Sie leugnete den Holocaust bis zum letzten Atemzug. 13 Verfahren, fast fünf Jahre Haft. Das ist ihre Geschichte — in Fakten.
Am 20. November 2024 stirbt eine 96-jährige Frau in Vlotho, einer Kleinstadt in Ostwestfalen. Ihr Anwalt Wolfram Nahrath bestätigt es der Nachrichtenagentur dpa. In rechtsextremen Telegram-Gruppen verbreitet sich die Nachricht in Minuten. Auf Demos tragen Menschen seit Jahren Plakate mit ihrem Gesicht, darunter steht „Freiheit für Ursula". Die britische Presse nennt sie „Nazi-Oma". In Deutschland ist sie die bekannteste Holocaustleugnerin der Nachkriegsgeschichte. — *tagesschau.de* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *Spiegel* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *DW* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *WDR* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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Winterscheid, 1928
Geboren am 8. November 1928 in Winterscheid. Die Eltern besaßen ein Kalkwerk, versorgten Bauern mit Düngekalk. Irgendwann ein Umzug — die Familie erhielt ein Bauerngut im Generalgouvernement, dem besetzten Polen. Bei Kriegsende Flucht zu Verwandten nach Detmold. 1945 bis 1949 lebte sie in Schweden. Danach Studium: Pädagogik, Philosophie, Sprachwissenschaften, zwei Jahre davon in Schottland. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
Sie war Mitglied im Bund Deutschen Mädel. Das sagte sie selbst, ohne jede Distanzierung, ohne jedes Bedauern. Es war für sie keine Jugendsünde, sondern eine Tatsache, die sie in ihre Erzählung einbaute: Sie sei „im Nationalsozialismus aufgewachsen", als sei das eine Wetterlage, die man nicht beeinflussen konnte.
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Der Mann, den sie 1970 heiratete
Werner Georg Haverbeck. Geboren am 28. Oktober 1909 in Bonn, gestorben am 18. Oktober 1999 in Vlotho. Was die Kurzbiografien meist verschweigen, oft hinter dem harmlosen Label „ehemaliger SS-Untersturmführer" versteckt: Dieser Mann war ein NS-Funktionär ersten Ranges, nicht ein Mitläufer, nicht ein kleiner Beamter, sondern ein Mann, der unmittelbar in der Reichsleitung stand.
1923, vierzehn Jahre alt, trat er dem Jugendbund der NSDAP bei, dem Vorläufer der Hitlerjugend. 1928 SA-Mitglied, gründete den Bonner Ortsverband des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds. 1929 NSDAP-Eintritt, Mitgliedsnummer 142.009. 1931 Leiter des Amtes für Kultur und Weltanschauliche Erziehung in der Reichsjugendführung. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
Im Juni 1933 wurde er von Rudolf Heß persönlich mit der Volkstumsarbeit für das gesamte Reichsgebiet beauftragt. Im August 1933 gründete er den Reichsbund Volkstum und Heimat — die Gleichschaltung der Heimat- und Naturschutzbewegung, die bis dahin aus unabhängigen Vereinen bestanden hatte. 1937 promovierte er bei Herman Wirth, dem Gründer des Ahnenerbes, jener SS-Organisation, die pseudowissenschaftlich nach der „germanischen Rasse" suchte. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
Am 23. Mai 1938 schloss Heinrich Himmler ihn aus der SS aus. Die Begründung, die im Berliner Document Center dokumentiert ist, liest sich so, als hätte Himmler einen Mann aussortiert, der ihm zu unkontrollierbar war: Haverbeck habe „nicht die primitivsten Eigenschaften von Disziplin und menschlicher Anständigkeit, die von einem SS-Führer verlangt werden müssen." — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *nordstadtblogger* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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Nach 1945: Anthroposophie
Werner Haverbeck wurde nach 1948 Anthroposoph. Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart, 1950 Priesterweihe. 1951 betreute er Otto Ohlendorf seelsorgerlich — den Mann, der als SD-Chef die Einsatzgruppen leitete, die hunderttausende Juden erschossen hatten, und der 1951 in Landsberg hingerichtet wurde. Haverbeck besuchte ihn bis zur Vollstreckung. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *nordstadtblogger* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
1960 wurde er als Pfarrer beurlaubt — „linke Tendenzen", nach einer Reise durch Russland, China und Taiwan, auf der er Chiang Kai-shek traf. Die Christengemeinschaft stellte 2008 klar: Er hatte bei seiner Bewerbung 1948 seine NS-Vergangenheit verschwiegen. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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Vlotho, 1963: Das Collegium Humanum
Mit diesem Mann gründete Ursula Haverbeck 1963 das Collegium Humanum. Eine „Heimvolkshochschule für Umwelt und Lebensschutz" in Vlotho, direkt an der Weser. 50 Betten, Platz für 150 Gäste, 3.000 Förderer, die eine Zweimonatsschrift bezogen. Was in den 1970ern begann, klingt heute so, als hätte jemand zwei Welten übereinandergelegt: Joseph Beuys kam mehrfach, diskutierte über Kunst und Ökologie. Rudi Dutschke 1977, als es um die Gründung einer ökologischen Partei ging. Die IG Metall schickte Funktionäre zu Seminaren. Anthroposophen, Silvio-Gesell-Anhänger, Atomkraftgegner, friedensbewegte Linke. Werner Haverbeck beriet den SPD-Minister Egon Bahr, sprach auf Brokdorf-Demos. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *jungle.world* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *belltower.news* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
Und gleichzeitig, im selben Haus, im selben Jahr: 1979 wurde dort die Gründung der Grünen vorbereitet — und das „Ökologische Manifest" der NPD verfasst. Beides am selben Tisch. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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1972 trat das Collegium dem Weltbund zum Schutz des Lebens bei. Der WSL-D lehnte Zuwanderung offen als „ökologisches Problem" ab. Ursula Haverbeck war von 1983 bis 1989 Präsidentin der deutschen Sektion. — *taz* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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Die Wende
1981 unterzeichnete Werner Haverbeck das Heidelberger Manifest, das vor „Überfremdung unseres Volkstums" warnte. Rassistisch, öffentlich, unmissverständlich. 1984 tagte im Collegium das „Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers." — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
Ab da verschob sich das Verhältnis. Immer mehr Neonazis kamen, immer weniger Linke. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe bestätigte den Status als „Träger der Jugendhilfe". Die Stiftung Deutsche Jugendmarke bezuschusste das Collegium. Beim Amtsgericht Bad Oeynhausen war es gemeinnützig. — *taz* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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Der Verein zur Rehabilitierung
- November 2003 — Reichspogromnacht-Jahrestag — gründete sich im Collegium der „Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten". Der Name ist das Programm. Wer den Holocaust leugnet, soll rehabilitiert werden — als Opfer.
Die Gründungsmitglieder lesen sich wie das Who's Who der internationalen Holocaustleugner-Szene: Robert Faurisson aus Frankreich, der ehemalige Professor für Literaturwissenschaft, der seit den 1970ern die Existenz von Gaskammern bestreitet. Jürgen Graf aus der Schweiz, Autor mehrerer holocaustleugnender Schriften. Gerd Honsik aus Österreich, verurteilt wegen Wiederbetätigung im Sinne des NS-Verbotsgesetzes. Horst Mahler aus Deutschland, der ehemalige RAF-Anwalt, der sich zum Nationalsozialismus bekannte. Germar Rudolf aus Deutschland, Autor des „Rudolf-Gutachtens", das die Massenvergasungen in Auschwitz bestreitet. Wilhelm Stäglich aus Deutschland, ehemaliger Richter. Ernst Zündel aus Kanada, der jahrzehntelang von Nordamerika aus Holocaustleugnung verbreitete. Vorsitzender wurde der Schweizer Bernhard Schaub. Stellvertretende Leiterin: Ursula Haverbeck. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab), *h-ref.de* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
- Mai 2008. Wolfgang Schäuble, Bundesinnenminister, verbietet den Verein als verfassungsfeindliche Organisation. Gleichzeitig verboten: das Collegium Humanum, wegen „fortgesetzter Leugnung des Holocaust". — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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Die Gedächtnisstätte
1992 hatte Haverbeck den Verein Gedächtnisstätte gegründet, ebenfalls in Vlotho. 2014 eröffnete er im Rittergut Guthmannshausen in Thüringen eine „Gedächtnisstätte für die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs." Der Verfassungsschutz beobachtet ihn bundesweit. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
Die Gedächtnisstätte ist die andere Seite der Leugnung. Wer den Mord an den Juden bestreitet, stellt die Deutschen als die eigentlichen Opfer dar. Täter-Opfer-Umkehr, im institutionsfesten Format. Das Rittergut steht noch heute.
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Die Parteien
ÖDP-Mitglied, 1989 ausgeschlossen — sie hatte versucht, ein Bündnis aus ÖDP, NPD und anderen rechten Gruppierungen zu schmieden. 2018: Die rechtsextreme Kleinpartei Die Rechte wählt sie zur Spitzenkandidatin für die Europawahl 2019. Sie sitzt zu dem Zeitpunkt im Gefängnis. — *Wikipedia* (externer Link, öffnet in neuem Tab)
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Philip Knäble
Dr. Philip Knäble, Universität Göttingen, erforscht derzeit die Geschichte des Collegium Humanum. Er spricht im GedenkstättenForum und im Historischen Museum Bielefeld über die „Frühphase 1963 bis 1980, bevor es sich bundesweit zu einem zentralen Tagungsort von rechtsextremistischen Gruppierungen entwickelte." Sein Befund: In dieser Zeit galt das Ehepaar Haverbeck „als progressive, politisch eher als links wahrgenommene Einrichtung." — *GedenkstättenForum, Historisches Museum Bielefeld, Westfalen-Blatt*
Wer das Collegium in den 1970ern besuchte, sah eine Umweltakademie. Wer es in den 1990ern besuchte, sah ein Zentrum der Holocaustleugnung. Beides war dasselbe Haus, dasselbe Ehepaar, dieselbe Ideologie, die sich nur noch nicht gezeigt hatte.
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Die Bilanz
Ursula Haverbeck hat den Holocaust von 2004 bis zu ihrem Tod 2024 geleugnet. Sie hat dafür gesessen. Sie hat nie bereut. Sie hat nie aufgehört. Und sie hat eine Szene hinterlassen, die ihre Leugnung weiterträgt — auf Plakaten, auf Demos, in Telegram-Gruppen, in einem Haus in Vlotho, das verboten wurde, und in einem Rittergut in Guthmannshausen, das noch steht.
Wer diese Geschichte verstehen will, muss mit der Biografie beginnen. Mit einer Frau, die im BDM war, einen Mann heiratete, der die Heimatbewegung gleichgeschaltet hatte, und mit ihm ein Haus eröffnete, in dem Linke und Neonazis am selben Tisch saßen — bis die Neonazis blieben und die Linken verschwanden.
*Weiter in Teil 2: Die frühen Verfahren 2004–2010.*
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Die frühen Verfahren: Geldstrafen und eine Pogrom-Drohung (2004–2010)
2004 leugnet Haverbeck in der 'Stimme des Gewissens' den Holocaust als 'Mythos'. 2009 droht sie Charlotte Knobloch mit einem 'neuen Pogrom'. 2010 die erste Freiheitsstrafe — auf Bewährung. Die Bewährung wirkt nicht.
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