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Geschichte03. August 2026ca. 6 Min. Lesezeit

Herzls verschwiegene Verwandtschaft

Zwei Brüder des Großvaters konvertierten zum serbisch-orthodoxen Glauben und änderten ihre Namen. In der Familie Herzl durften sie nicht mehr erwähnt werden.

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Theodor Herzls väterliche Familie war kein geschlossener Block. Unter ihren Vorfahren finden sich fromme Juden, frühe Zionisten und, das ist der brisante Teil, serbisch-orthodoxe Konvertiten. Die deutsche Wikipedia und zahlreiche Sekundärquellen zitieren dafür Ernst Pawels Biografie *The Labyrinth of Exile* (1989).

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Die zwei verschwundenen Brüder

Laut Pawel konvertierten zwei Brüder des väterlichen Großvaters Simon Loeb Herzl als Erwachsene zum serbisch-orthodoxen Glauben und änderten ihre Namen. Mosche Herzl nannte sich fortan Lafero Spasoević, wahrscheinlich eine Variante von Lazar Spasojević. Herschel Herzl wurde zu Costa Petrović, beziehungsweise Kosta Petrović.

Danach verschwanden sie aus der Familienchronik. Ihre Namen durften in der Familie Herzl nicht mehr erwähnt werden. Ob das ein formelles Verbot war oder stillschweigendes Tabu, lässt sich aus der Distanz nicht mehr genau sagen. Fest steht: Ihre Konversion wurde als Schandfleck behandelt.

Der Enkel eines dieser Brüder war Jenö Heltai, der später ein bekannter ungarischer Romancier und Sekretär des ungarischen PEN-Clubs wurde. Das heißt, Herzl hatte entfernte orthodox-christliche Verwandte, die in der ungarischen und serbischen Kultur erfolgreich waren, und in der eigenen Familie unsichtbar.

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Simon Loeb Herzl: Der fromme Bruder

Während zwei Brüder konvertierten, blieb Simon Loeb Herzl dem Judentum treu. Er lebte in Zemun, galt als frommer und rigoroser Mann, verehrte Rabbi Yehuda Alkalai und hielt streng am rituellen Leben fest. Er heiratete Rivka, die Tochter eines sephardischen Rabbiners. Auch sein Sohn Jakob, Herzls Vater, driftete in eine gemäßigtere, reformjüdische Richtung ab, was den Großvater ebenfalls beunruhigte.

Trotz allem blieben Simon und Jakob in Kontakt. Der Großvater war jahrelang Gast im Haus der Herzls in Budapest, auch wenn die nicht-koschere Küche der Familie ihn vermutlich nicht begeisterte.

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Samuel Biliz: Der frühe Zionist auf der anderen Seite

Nicht jede Familiengeschichte in Herzls Umfeld war von Tabu geprägt. Samuel Biliz (1796–1885), Bruder der väterlichen Großmutter, war ein früher Anhänger zionistischer Ideen. 1862 führte er Verhandlungen mit Chaim Lorje, einem führenden Vertreter der Chowewe Zion, der ersten organisierten zionistischen Bewegung in Europa.

Biliz lebte jahrelang als österreichischer Konsul in verschiedenen Balkanstädten, zuletzt in Philippopolis, dem heutigen Plovdiv in Bulgarien. Im hohen Alter wanderte er nach Jerusalem aus. Für Herzl war er wahrscheinlich ein lebendes Beispiel dafür, dass Zionismus keine abstrakte Idee war, sondern ein greifbares Lebensprojekt.

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Was sagt das über Herzl?

Diese Familienkonstellation zeigt, dass Herzl aus einem brüchigen Milieu kam. Judentum in seiner Familie war kein Monolith, sondern ein Spektrum: frommer Traditionalismus, Reformjudentum, christliche Konversion, aktiver Zionismus. Herzl selbst durchlief in seiner Jugend verschiedene Positionen, von Assimilation über die Fantasie einer Massenkonversion zum Christentum bis hin zum politischen Zionismus.

Die serbisch-orthodoxen Konvertiten in seinem Stammbaum sind keine bloße Anekdote. Sie erklären vielleicht etwas über die kulturelle Mehrschichtigkeit, aus der der Zionismus entstand: nicht als Reaktion auf eine heile jüdische Welt, sondern als Antwort auf deren Brüche, Zersplitterung und Ausgrenzung.

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Fazit

Die verschwundenen Namen Lafero Spasoević und Costa Petrović sind Randfiguren in der Biografie, aber sie stehen stellvertretend für eine ganze Epoche jüdischer Erfahrung im Habsburger Balkan. Konversion, Assimilation, Zionismus: das waren keine Gegensätze, sondern Optionen, zwischen denen Familien wählten, ohne dass eine davon die „reine" war.


Quellen:

  • Ernst Pawel: *The Labyrinth of Exile – A Life of Theodor Herzl* (Farrar, Straus & Giroux, 1989)
  • deutsche Wikipedia: „Theodor Herzl", Abschnitt „Jugend in Pest"
  • Jewiki: „Theodor Herzl"
  • Jewish Journal: „The Jewish and Intellectual Origins of this Famously Non-Jewish Jew" (2019)
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Sigma

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