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Geschichte03. August 2026ca. 9 Min. Lesezeit

Herzls verschwiegene Verwandtschaft

Zwei Brüder des Großvaters konvertierten zum serbisch-orthodoxen Glauben und änderten ihre Namen. In der Familie Herzl durften sie nicht mehr erwähnt werden.

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State Flag of Serbia

Theodor Herzls väterliche Familie war kein geschlossener Block. Unter ihren Vorfahren finden sich fromme Juden, frühe Zionisten und, das ist der brisante Teil, serbisch-orthodoxe Konvertiten, die ihre Namen wechselten und aus der Familienchronik getilgt wurden. Die deutsche Wikipedia und zahlreiche Sekundärquellen zitieren dafür Ernst Pawels Biografie *The Labyrinth of Exile* (1989), die bis heute als eine der gründlichsten Studien über Herzls Leben gilt. Was Pawel aufdeckte, ist keine Anekdote, sondern ein Fenster in eine Welt, in der jüdische Identität im 19. Jahrhundert brüchig wurde und Menschen nach Auswegen suchten, die uns heute fremd wirken mögen, die aber für sie überlebenswichtig waren.

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Die zwei verschwundenen Brüder

Laut Pawel konvertierten zwei Brüder des väterlichen Großvaters Simon Loeb Herzl als Erwachsene zum serbisch-orthodoxen Glauben und änderten ihre Namen. Mosche Herzl nannte sich fortan Lafero Spasoević, wahrscheinlich eine Variante von Lazar Spasojević. Herschel Herzl wurde zu Costa Petrović, beziehungsweise Kosta Petrović. Zwei jüdische Männer aus Zemun, die ihren Glauben, ihre Namen und ihre familiäre Identität wechselten, um in der serbischen Gesellschaft aufzugehen.

Danach verschwanden sie aus der Familienchronik. Ihre Namen durften in der Familie Herzl nicht mehr erwähnt werden. Ob das ein formelles Verbot war oder stillschweigendes Tabu, lässt sich aus der Distanz nicht mehr genau sagen. Fest steht, dass ihre Konversion als Schandfleck behandelt wurde, als etwas, das man nicht besprach, nicht weitergab und nicht in Erinnerung hielt. In einer Familie, in der der Großvater frommer Jude war und der Enkel den Zionismus begründen sollte, passten zwei orthodox-christliche Brüder nicht ins Bild.

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Jenö Heltai: Der konvertierte Cousin, der berühmt wurde

Der Enkel eines dieser Brüder war Jenö Heltai, geboren 1871 in Pest als Eugen Herzl. Heltai wurde einer der bekanntesten ungarischen Schriftsteller seiner Zeit, ein Poet, Dramatiker, Journalist und Theaterdirektor, der bis zu seinem Tod 1957 die ungarische Literaturszene prägte. Er war Theodor Herzls Cousin, und er konvertierte ebenfalls zum Christentum, allerdings nicht zum serbisch-orthodoxen Glauben seiner Vorfahren, sondern in Budapest, wo er lebte und arbeitete. 1913 änderte er seinen Familiennamen von Herzl zu Heltai.

Die Familiengeschichte, die Heltai selbst überlieferte, ist faszinierend und wirft ein Licht auf die Komplexität jüdischer Identität im Habsburger Raum. Sein Vater Károly Herzl war ein Getreidehändler in Pest, und die Familie erzählte sich, dass ein Vorfahre aus dem 16. Jahrhundert ein katholischer Mönch namens Löb oder Löbl gewesen sei, ein Marrano, also ein zum Christentum konvertierter Jude, der als Missionar in die Türkei geschickt wurde, dort aber unter dem Einfluss der aus Spanien geflüchteten Sepharden zum Judentum zurückkehrte. Dessen Nachkommen wanderten im frühen 18. Jahrhundert an die Donau und ließen sich in Zemun nieder, angeblich mit Erlaubnis von Prinz Eugen von Savoyen. In jeder Generation wurde ein Junge Eugen genannt, zur Erinnerung.

Ob diese Geschichte historisch stimmt, ist schwer zu verifizieren. Aber sie zeigt, dass Konversion in der Familie Herzl keine Einbahnstraße war. Es gab Konversionen zum Judentum und Konversionen weg vom Judentum, und beides geschah aus denselben Gründen: Überleben, Anpassung, Suche nach Zugehörigkeit. Heltai selbst lebte diese Mehrschichtigkeit: ein ungarischer Schriftsteller jüdischer Herkunft mit christlichem Glauben und einem Familiennamen, den er erst als Erwachsener änderte. Er war erfolgreich, angesehen, integriert, und er war in der Familie Herzl unsichtbar.

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Simon Loeb Herzl: Der fromme Bruder

Während zwei Brüder konvertierten, blieb Simon Loeb Herzl dem Judentum treu. Er lebte in Zemun, galt als frommer und rigoroser Mann, verehrte Rabbi Yehuda Alkalai und hielt streng am rituellen Leben fest. Die Times of Israel berichtete 2026, dass Simon sogar der ceremonielle Schofarbläser in Alkalais Synagoge war, also der Mann, der das Widderhorn an den Hohen Feiertagen blies. Das ist keine Nebenrolle, sondern eine liturgische Funktion, die einem frommen, angesehenen Gemeindemitglied anvertraut wurde.

Simon heiratete Rivka, die Tochter eines sephardischen Rabbiners. Auch sein Sohn Jakob, Herzls Vater, driftete in eine gemäßigtere, reformjüdische Richtung ab, was den Großvater ebenfalls beunruhigte. Die Spannung zwischen frommem Großvater und assimiliertem Vater war eine Spannung, die viele jüdische Familien im 19. Jahrhundert durchlebten, aber in der Familie Herzl war sie besonders ausgeprägt, weil die Extreme so nah beieinander lagen: fromme Sepharden, konvertierte Orthodoxe, assimilierte Wiener, ungarische Schriftsteller.

Trotz allem blieben Simon und Jakob in Kontakt. Der Großvater war jahrelang Gast im Haus der Herzls in Budapest, auch wenn die nicht-koschere Küche der Familie ihn vermutlich nicht begeisterte. Die Familie zerbrach nicht an den Konversionen, aber sie schwieg darüber. Das Schweigen war die Art, wie man mit dem Bruch umging.

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Samuel Biliz: Der frühe Zionist auf der anderen Seite

Nicht jede Familiengeschichte in Herzls Umfeld war von Tabu geprägt. Samuel Biliz (1796–1885), Bruder der väterlichen Großmutter, war ein früher Anhänger zionistischer Ideen. 1862 führte er Verhandlungen mit Chaim Lorje, einem führenden Vertreter der Chowewe Zion, der ersten organisierten zionistischen Bewegung in Europa. Biliz lebte jahrelang als österreichischer Konsul in verschiedenen Balkanstädten, zuletzt in Philippopolis, dem heutigen Plovdiv in Bulgarien. Im hohen Alter wanderte er nach Jerusalem aus.

Für Herzl war Biliz wahrscheinlich ein lebendes Beispiel dafür, dass Zionismus keine abstrakte Idee war, sondern ein greifbares Lebensprojekt. Hier war ein Verwandter, der nicht nur über Palästina sprach, sondern dorthin ging. In einer Familie, in der einige konvertierten und andere assimilierten, war Biliz derjenige, der in die entgegengesetzte Richtung ging: zurück zum Judentum, zurück zum Land.

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Was sagt das über Herzl?

Diese Familienkonstellation zeigt, dass Herzl aus einem brüchigen Milieu kam. Judentum in seiner Familie war kein Monolith, sondern ein Spektrum: frommer Traditionalismus bei Simon Loeb, Reformjudentum bei Jakob, christliche Konversion bei Mosche und Herschel, weltliche Assimilation bei Jenö Heltai, aktiver Zionismus bei Samuel Biliz. Herzl selbst durchlief in seiner Jugend verschiedene Positionen, von Assimilation über die Fantasie einer Massenkonversion zum Christentum bis hin zum politischen Zionismus.

Die serbisch-orthodoxen Konvertiten in seinem Stammbaum sind keine bloße Anekdote. Sie erklären vielleicht etwas über die kulturelle Mehrschichtigkeit, aus der der Zionismus entstand: nicht als Reaktion auf eine heile jüdische Welt, sondern als Antwort auf deren Brüche, Zersplitterung und Ausgrenzung. Herzl wuchs in einer Familie auf, in der das Judentum nicht selbstverständlich war, sondern eine Entscheidung unter mehreren. Dass er sich für den Zionismus entschied, war nicht die einzig logische Konsequenz, aber es war die Konsequenz, die Geschichte machte.

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Fazit

Die verschwundenen Namen Lafero Spasoević und Costa Petrović sind Randfiguren in der Biografie Theodor Herzls, aber sie stehen stellvertretend für eine ganze Epoche jüdischer Erfahrung im Habsburger Balkan. Konversion, Assimilation, Zionismus: das waren keine Gegensätze, sondern Optionen, zwischen denen Familien wählten, ohne dass eine davon die „reine" war. Wer den Zionismus verstehen will, muss auch die verstehen, die ihn verließen. Die Familie Herzl hatte beides: die, die blieben, und die, die gingen. Und sie hatte das Schweigen, das beide voneinander trennte.


Quellen: Ernst Pawels Biografie *The Labyrinth of Exile – A Life of Theodor Herzl* (Farrar, Straus & Giroux, 1989) bleibt die gründlichste Quelle für Herzls Familiengeschichte. Ergänzt wird sie durch Wikipedia-Artikel zu „Jenő Heltai" und „Theodor Herzl" sowie die Digitális Irodalmi Akadémia (dia.hu) mit Heltai Jenős Biografie. Die Encyclopedia.com führt einen eigenen Eintrag zu „Heltai, Jenő". Die Times of Israel berichtete im Juli 2026 unter dem Titel „Herzl's grandparents' remains exhumed" über die Exhumierung. Die Jewish Encyclopedia bietet einen klassischen Artikel zu „Herzl, Theodor". Der Alen History Substack veröffentlichte „From Belgrade to Jerusalem: How Balkan Nationalism Laid the Blueprint for Zionism", und das Jewish Journal steuerte 2019 den Essay „The Jewish and Intellectual Origins of this Famously Non-Jewish Jew" bei.

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