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Geschichte03. August 2026ca. 10 Min. Lesezeit

Herzl und die Muslime: Friedensbrief, geheimes Tagebuch und Historikerstreit

Herzl versicherte 1899 einem arabischen Adligen, der Zionismus wolle Frieden. Fünf Jahre zuvor hatte er in sein Tagebuch geschrieben, die arme arabische Bevölkerung müsse 'diskret' entfernt werden.

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The coat of arms of Serbia overlaid onto the gay man pride flag, with proportions changed to fit the style of Serbia's flag

Wenn von Herzl und den Arabern oder Muslimen die Rede ist, stoßen zwei sehr unterschiedliche Dokumente aufeinander. Das eine ist ein öffentlicher Brief voller Friedensrhetorik, den Herzl 1899 an einen arabischen Notablen schrieb. Das andere ist eine private Tagebuchnotiz aus dem Jahr 1895, die Vertreibung und Enteignung erwägt. Beide stammen von derselben Person, nur wenige Jahre auseinander, und beide sind historisch belegt. Der Widerspruch zwischen ihnen ist kein Randdetail der Zionismus-Geschichte, sondern einer ihrer strukturellen Konflikte, der bis heute andauert.

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Der Brief an Yusuf Diya-uddin al-Khalidi (1899)

Yusuf Diya-uddin al-Khalidi war ein arabischer Intellektueller, ehemaliger Bürgermeister Jerusalems und Mitglied einer der einflussreichsten palästinensischen Familien. Er hatte in Wien studiert, kannte Europa, las internationale Zeitungen und war sich der zionistischen Bewegung bewusst. Er hatte Herzls „Der Judenstaat" gelesen und wusste von den Zionistischen Kongressen in Basel. 1899 schrieb er einen Brief an Zadok Kahn, den Großrabbiner von Frankreich, in dem er Respekt für den jüdischen Wunsch nach einem Heim äußerte, aber deutlich warnte. Sein Brief enthielt einen Satz, der in die Geschichte eingegangen ist: „Im Namen Gottes, lasst Palästina in Frieden."

Al-Khalidi argumentierte, Palästina sei bereits von Arabern bewohnt, eine jüdische Kolonisierung würde Widerstand auslösen, und es gebe andere, unbewohnte Länder, in denen Juden eine Nation gründen könnten. Kahn zeigte den Brief Herzl, der am 19. März 1899 aus dem Khedivial Hotel in Konstantinopel antwortete.

Herzls Antwort war höflich, diplomatisch und beredt. Er betonte, die Juden seien seit Sultan Selim, der die verfolgten Juden Spaniens aufgenommen hatte, die besten Freunde der Türkei. Die zionistische Idee habe keine feindliche Tendenz gegenüber der osmanischen Regierung, sondern wolle dem Land neue Ressourcen erschließen. Jüdische Einwanderer würden Intelligenz, finanzielles Geschick und Unternehmergeist mitbringen, und das Wohlergehen des ganzen Landes würde davon profitieren. Die Juden seien „ein völlig friedliches Element", das zufrieden sei, wenn man ihm Frieden lasse. Zu den Heiligen Stätten schrieb Herzl, sie hätten „für immer die Fähigkeit verloren, ausschließlich einem Glauben, einer Rasse oder einem Volk zu gehören", und würden für Muslime, Christen und Juden gleichermaßen heilig bleiben.

Auf al-Khalidis Einwand, Palästina sei bereits bewohnt, antwortete Herzl rhetorisch: „But who would think of sending them away?" Und fügte mehrdeutig hinzu: „If he [the Sultan] will not accept it, we will search and, believe me, we will find elsewhere what we need."

Das war diplomatisches Geschick. Herzl beruhigte den arabischen Notablen, ohne ihm konkrete Zugeständnisse zu machen, und deutete gleichzeitig an, dass Palästina nicht der einzige denkbare Ort für einen jüdischen Staat sei. Die Rhetorik zielte auf die osmanische Regierung und die arabische Elite, nicht auf die Bevölkerung Palästinas selbst.

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Das Tagebuch vom 12. Juni 1895

Vier Jahre bevor er al-Khalidi schrieb, hatte Herzl in sein Tagebuch notiert, was später zu einem der meistzitierten Texte der zionistischen Geschichte werden sollte. Der Eintrag vom 12. Juni 1895, also aus der Zeit, als Herzl gerade seine zionistischen Ideen entwickelte, noch bevor er „Der Judenstaat" schrieb, lautet:

„When we occupy the land, we shall bring immediate benefits to the state that receives us. We must expropriate gently the private property on the estates assigned to us. We shall try to spirit the penniless population across the border by procuring employment for it in the transit countries, while denying it any employment in our own country. The property owners will come over to our side. Both the process of expropriation and the removal of the poor must be carried out discreetly and circumspectly. Let the owners of immovable property believe that they are cheating us, selling us something far more than they are worth. But we are not going to sell them anything back."

Es handelte sich um einen privaten Planungsentwurf, nicht um eine veröffentlichte Politik. Aber es war kein flüchtiger Gedanke. Herzl skizzierte hier ein detailliertes Szenario, in dem die nicht-jüdische Bevölkerung Palästinas, damals über 90 Prozent Araber, größtenteils Muslime, durch wirtschaftlichen Druck und Arbeitsausschluss über die Grenze gedrängt werden sollte. Die Besitzer von Immobilien sollten glauben, sie würden die Juden übers Ohr hauen, während in Wirklichkeit die Juded ihnen nichts zurückverkaufen würden. Die arme Bevölkerung sollte in Transitländern Arbeit finden, aber im eigenen Land keine. Das war kein Genozid, aber es war ein Plan für demografische Säuberung durch wirtschaftlichen Zwang.

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Zwei Herzl? Oder ein Herzl in zwei Rollen?

Die historische Deutung ist gespalten. Die konventionelle zionistische Historiographie betont den Friedensbrief und die öffentliche Diplomatie. Herzl sei ein liberaler, paternalistischer Visionär gewesen, der an Koexistenz glaubte und den Arabern wirtschaftlichen Nutzen versprach. Kritiker des Zionismus sehen im Tagebucheintrag den wahren Plan: die Bevölkerung Palästinas sollte entfernt werden, sobald die Juden Land und wirtschaftliche Kontrolle erlangt hätten, und der Friedensbrief sei nur diplomatische Täuschung gewesen.

Der Historiker Nur Masalha argumentiert in „Expulsion of the Palestinians" (1992), dass der Tagebucheintrag die embryonale Form dessen enthalte, was später als „Transfer"-Idee im zionistischen politischen Denken wiederkehren sollte: der Umgang mit staatlichen Regierungen über die Köpfe der indigenen Bevölkerung hinweg, jüdischer Landerwerb, der nicht mehr rückverkäuflich sein sollte, „hebräische Arbeit" und die Entfernung der einheimischen Bevölkerung. Rashid Khalidi, ein Nachfahre von Yusuf al-Khalidi, schreibt in „The Hundred Years' War on Palestine" (2020), dass Herzls rhetorische Frage „who would think of sending them away?" vier Jahre nach dem Tagebucheintrag geschrieben wurde, in dem er genau das vorschlug.

Derek Penslar, ein anderer Historiker, nimmt eine differenziertere Position ein. Er argumentiert, dass Herzls Tagebuch der freien Entwicklung von Ideen diente, während seine Briefe der diplomatischen Absicherung dienten. Das eine schließe das andere nicht aus. Es zeige jedoch, dass Herzl die arabische Bevölkerung als politisches Problem sah, das „gelöst" werden musste.

Die Wahrheit ist beides und keines. Herzl war ein politischer Taktiker, der in verschiedenen Registern sprach, je nach Publikum. Im Tagebuch sprach er mit sich selbst, in Briefen mit Diplomaten und Notablen. Das Tagebuch ist nicht „der wahre Herzl" und der Brief nicht „der falsche Herzl". Beide sind Herzl, und der Widerspruch zwischen ihnen ist der Widerspruch des frühen Zionismus selbst.

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Moslemhass oder Realpolitik?

Es gibt bei Herzl keinen religiös oder rassisch motivierten generellen „Hass auf Muslime". Seine Argumentation war primär nationalökonomisch und territorial: Die Juden brauchten ein Territorium, um eine moderne Nation zu werden. Das Territorium war bereits bewohnt. Die Bewohner standen daher im Weg. Das ist die Logik eines Siedlungsprojekts, nicht die eines Religionskriegs.

Das macht die Haltung problematisch genug, ohne sie zu mythologisieren. Herzl war kein religiöser Fanatiker, der den Islam bekämpfen wollte. Aber er war bereit, über Landenteignung und Bevölkerungsverschiebung nachzudenken, um sein Ziel zu erreichen. Und er war bereit, in einem Brief an einen arabischen Notablen das Gegenteil zu behaupten, was er in seinem Tagebuch aufgeschrieben hatte. Das ist nicht Hass, das ist politische Doppelmoral, und die ist historisch nicht ungewöhnlich, aber sie sollte beim Namen genannt werden.

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Fazit

Der Widerspruch zwischen dem Friedensbrief an al-Khalidi und dem Tagebucheintrag ist kein bloßer Charakterfehler Herzls. Er offenbart eine strukturelle Spannung des frühen Zionismus: zwischen der Rhetorik der Koexistenz und der Realität eines Siedlungsprojekts in einem bereits besiedelten Land. Wer Herzl ernst nimmt, muss beides lesen. Wer nur den Brief liest, sieht einen Visionär des Friedens. Wer nur das Tagebuch liest, sieht einen Planer der Vertreibung. Wer beides liest, sieht einen Politiker, der wusste, was er öffentlich sagen konnte und was er privat aufschreiben musste.


Quellen: Dieser Artikel stützt sich auf den Originalbrief von Palquest („Letter from Theodore Herzl to Yusuf Diya-uddin al-Khalidi", 19. März 1899) sowie den Scan des Originalbriefs auf Wikimedia Commons. Die Tagebucheinträge stammen aus „The Complete Diaries of Theodor Herzl" (Internet Archive). Die historische Einordnung folgt Nur Masalha, „Expulsion of the Palestinians: The Concept of 'Transfer' in Zionist Political Thought, 1882 bis 1948" (Institute for Palestine Studies, 1992/2012), und Rashid Khalidi, „The Hundred Years' War on Palestine" (Metropolitan Books, 2020). Ergänzt durch Haaretz („The Zionist Dream in Essence: The History of the Palestinian Transfer Debate"), CAMERA UK („Financial Times book review promotes distorted Herzl quote", 2020), Derek J. Penslar („Herzl and the Palestinian Arabs: Myth and Counter-Myth", 2005) sowie Wikipedia („Theodor Herzl", Abschnitt „Early life").

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