Geschichte03. August 2026ca. 7 Min. Lesezeit
Serbien, Bosnien und der Islam: Nationalismus statt Religion?
Der serbische Nationalismus richtete sich gegen das Osmanische Reich. Doch in der Rhetorik wurde der Islam zum Identitätsfeindbild.
Wer die Verbindung zwischen Serbien und dem Zionismus erzählt, kommt nicht umhin, über den Islam zu sprechen. Nicht, weil Serbien und der Zionismus eine gemeinsame „anti-muslimische" Ideologie teilten, das wäre eine plumpe und falsche Gleichsetzung, sondern weil beide Nationalismen im 19. Jahrhundert im Schatten des Osmanischen Reichs entstanden und dabei jeweils mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten konfrontiert waren.
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Die osmanische Prägung
Serbien war vom späten 14. bis zum frühen 19. Jahrhundert osmanisch beherrscht. Die serbische Nation wurde nicht einfach „gegen die Türken" erfunden, aber der Widerstand gegen die osmanische Oberherrschaft war ein zentraler Narrativ. Die Kosovo-Schlacht von 1389, die serbischen Aufstände unter Karađorđe (1804) und Miloš Obrenović (1815), die Befreiung Belgrads 1867, all das formte einen Nationalmythos, in dem Orthodoxie und slawische Identität miteinander verschmolzen.
In diesem Mythos stand der Feind nicht abstrakt der „Islam", sondern der osmanische Eroberer. Der Unterschied ist wichtig. Es ging um Herrschaft, Steuer, Janitscharen-Entführung und religiöse Unterdrückung, nicht um eine theologische Abneigung gegen den Koran.
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„Poturica" — schlimmer als der Türke
Trotzdem entwickelte sich im serbischen Diskurs eine spezifische Feindfigur: der „Poturica" (Plural: Poturice). Das Wort bezeichnete islamisierte Südslawen, also Serben oder Kroaten, die zum Islam konvertiert waren und als osmanische Hilfstruppen oder Beamte dienten.
Der Slogan „Poturica gori od Turčina", „Der Konvertit ist schlimmer als der Türke", drückt aus, dass Verrat am eigenen Volk schwerer wog als fremde Herrschaft. In den Volksepiken und der nationalen Publizistik des 19. Jahrhunderts galten diese Konvertiten als „trockene, abgefallene Zweige" des slawischen Baumes.
Diese Rhetorik richtete sich also gegen eigene Leute, die den Glauben gewechselt hatten, nicht primär gegen Muslime als globale Gruppe. Sie wurde aber im 20. Jahrhundert weiterentwickelt und instrumentalisiert.
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Die Jugoslawienkriege und ihre Folgen
In den 1990er Jahren erlebte die anti-islamische Rhetorik eine neue, radikalere Form. Der Zerfall Jugoslawiens, die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens sowie der bosnische Unabhängigkeitskrieg führten zu ethnisch-religiösen Säuberungen. Serbische Nationalisten in Bosnien und Kroatien sahen in den bosnischen Muslimen und kroatischen Katholiken Bedrohungen für ein „Großserbien".
Das Massaker von Srebrenica 1995, bei dem über 8.000 bosnische Muslime und Jungen getötet wurden, ist das grausamste Ergebnis dieser Eskalation. Es war nicht nur Krieg, sondern ein Verbrechen, das von serbischen Truppen und paramilitärischen Einheiten begangen wurde.
Gleichzeitig wurden in Serbien während der Kriege die Protokolle der Weisen von Zion neu verbreitet. Jüdische Organisationen im Westen, die Serbien kritisierten, wurden als Beweis für eine „jüdische Verschwörung gegen die Serben" missbraucht. Die lokale jüdische Gemeinschaft stand unter Druck.
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Parallele zum frühen Zionismus?
Vergleiche zwischen serbischem und zionistischem Nationalismus sind verführerisch, aber gefährlich. Beide entstanden im 19. Jahrhundert als nationale Erneuerungsbewegungen. Beide sahen sich mit einer muslimischen oder osmanischen Bevölkerungsmehrheit konfrontiert. Beide entwickelten Ideen von Land, Rückkehr und Souveränität. Aber der serbische Nationalismus war ein slawisch-orthodoxes Befreiungsprojekt gegen ein konkretes Reich, während der Zionismus ein jüdisches Staatsprojekt in einem fernen, bereits besiedelten Land war.
Die Reduktion beider auf einen gemeinsamen „Hass auf Muslime" vereinfacht historisch und moralisch zugleich. Sie schafft ein Narrativ, das weder Serbien noch den Zionismus gerecht wird.
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Fazit
Der serbische Nationalismus trug anti-islamische Elemente in sich, aber sie entstammten dem Konflikt mit dem Osmanischen Reich und der Figur des „Poturica", nicht einem modernen, globalisierten Islamhass. Wer heute über „Parallelen zwischen Serbien und dem Zionismus" spricht, muss diese Unterscheidung scharf bewahren, sonst produziert er Geschichtsphilosophie statt Geschichte.
Quellen:
- Nationalism Studies: „Poturica gori od Turčina..." (2020)
- George Fox University: „Adamant and Treacherous: Serbian Historians on Religious Conversions"
- Journal: „The Ottoman Empire as Friend and Foe: Perceptions of Ottoman Rule in Serbia and Bosnia"
- JTA: „Behind the Headlines: Serbian Jews Stay out of Politics" (1993)
- Carmichael: „Neither Serbs, nor Turks, neither water nor wine, but odious renegades"
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