Geschichte03. August 2026ca. 10 Min. Lesezeit
Serbien, Islam und Nationalismus: Der Feind im Osten, der Feind im Süden
Serbien und Israel teilen mehr als diplomatische Höflichkeit. Sie teilen ein Narrativ: ein verfolgtes Volk, das sich gegen muslimische Nachbarn verteidigt. Woher kommt das?

Serbien und Israel teilen mehr als diplomatische Höflichkeit. Sie teilen ein Narrativ: ein verfolgtes Volk, das sich nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft seine Souveränität erkämpft, umgeben von muslimischen Nachbarn, die es bedrohen. Dieses Narrativ ist nicht zufällig. Es hat historische Wurzeln, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen, und es hat politische Funktionen, die bis in die Gegenwart wirken. Wer die serbisch-israelische Allianz verstehen will, muss verstehen, wie in beiden Ländern der Islam zum Feindbild wurde, und wie dieses Feindbild zur nationalen Identität gehört.
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Der Kosovo-Mythos: Eine Niederlage wird zur Gründungsgeschichte
Am 28. Juni 1389, am Vidovdan, dem Tag des heiligen Vitus, trafen auf dem Amselfeld, dem Kosovo Polje, die Truppen des serbischen Fürsten Lazar Hrebeljanović auf die Armee des osmanischen Sultans Murad I. Beide Heerführer fielen im Kampf. Die Schlacht endete unentschieden oder mit einem serbischen Pyrrhussieg, je nach Quelle, aber langfristig markierte sie den Beginn der osmanischen Herrschaft über serbisches Territorium, die fast 500 Jahre dauern sollte.
Historisch war die Schlacht nicht der totale Zusammenbruch Serbiens, wie später behauptet wurde. Das serbische Despotat bestand noch Jahrzehnte weiter, und einige serbische Fürsten dienten den Osmanen als Vasallen. Aber im nationalen Mythos, den die serbisch-orthodoxe Kirche im 19. Jahrhundert formte, wurde Kosovo zum alles entscheidenden Moment: dem Tag, an dem Serbien seine Unabhängigkeit verlor, aber seine Seele gewann. Fürst Lazar wurde zum Märtyrer, der das himmlische Reich dem irdischen vorzog. Die Serben wurden, so die theologische Deutung, zum auserwählten Volk, das durch Niederlage Erlösung fand.
Der Mythos hat mehrere Funktionen. Er erklärt die osmanische Herrschaft nicht als historisches Ereignis, sondern als göttliche Prüfung. Er macht den Islam zum existenziellen Feind, nicht als Religion, sondern als Besatzungsmacht, das serbische Land, serbische Kirchen und serbische Identität unterdrückte. Er verpflichtet jede Generation, die Niederlage von 1389 zu rächen und Kosovo zurückzugewinnen. Das ist kein historisches Narrativ, das ist ein politisches Programm, verkleidet als Erinnerung.
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Die „fünfhundertjährige Türkenherrschaft"
In serbischen Schulbüchern wird die osmanische Periode als „fünfhundertjährige Türkenherrschaft" oder „fünfhundertjährige Nacht" bezeichnet. Das ist eine nationalistische Verkürzung. Die osmanische Herrschaft über serbische Gebiete dauerte unterschiedlich lang, in einigen Regionen 300, in anderen 400 Jahre, und sie war nicht durchgehend Unterdrückung. Viele Serben dienten in der osmanischen Armee, einige stiegen zu hohen Positionen auf, und die osmanische Verwaltung ließ der serbisch-orthodoxen Kirche erhebliche Autonomie. Die Kirche war sogar die einzige Institution, die serbische Identität während der osmanischen Zeit bewahrte, und sie tat dies in enger Kooperation mit dem Sultan.
Aber im nationalen Narrativ ist die osmanische Zeit eine einzige Kette von Leiden: Zwangskonversionen, Blutsteuer (Devşirme), die Entführung serbischer Jungen für die Janitscharen, Plünderungen, Erniedrigung. Das ist nicht erfunden, aber es ist selektiv. Die gleiche osmanische Herrschaft, die Serben unterdrückte, duldete die orthodoxe Kirche, integrierte Serben in die Verwaltung und ließ lokalen Eliten erheblichen Spielraum. Die Komplexität der osmanischen Realität wird im nationalen Narrativ auf einen einzigen Gegensatz reduziert: Serben gegen Türken, Christen gegen Muslime, Freiheit gegen Tyrannei.
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Hajduken und Aufstände: Der bewaffnete Widerstand
Die Hajduken waren bewaffnete Banden, die im 18. und 19. Jahrhundert in den Bergregionen des Balkans operierten und osmanische Karawanen, Steuereintreiber und Garnisonen überfielen. Im serbischen Nationalmythos wurden sie zu Volkshelden, zu serbischen Robin Hoods, die gegen die türkische Unterdrückung kämpften. Die Realität war komplexer: Viele Hajduken waren einfache Räuber, einige waren Serben, andere Bulgaren oder Griechen, und sie kämpften nicht immer für nationale Ideale. Aber im Narrativ wurden sie zu Vorläufern der nationalen Befreiung.
Der erste serbische Aufstand unter Karađorđe Petrović (1804 bis 1813) und der zweite unter Miloš Obrenović (1815) führten zur schrittweisen Befreiung Serbiens von der osmanischen Herrschaft. Diese Aufstände waren die Geburtsstunde des modernen serbischen Nationalstaats, und sie wurden als Kampf gegen den Islam gerahmt, obwohl es primär ein Kampf gegen eine imperiale Herrschaft war, in der auch christliche Griechen und Bulgaren unterdrückt wurden. Der Feind war der Osmane, und der Osmane war der Muslim, und der Muslim war der Türke, und alle drei wurden im serbischen Narrativ eins.
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Die 1990er: Der Mythos wird Politik
Als Jugoslawien in den 1990er Jahren zerfiel, wurde der Kosovo-Mythos reaktiviert. Slobodan Milošević nutzte die Symbolik des Amselfelds, um serbische Massen zu mobilisieren. 1989, zum 600. Jahrestag der Schlacht, hielt er auf dem Kosovo Polje eine Rede vor einer Million Serben, in der er serbische Größe und serbische Opferbereitschaft beschwor. Die Rede markierte den Übergang vom kommunistischen zum nationalistischen Serbien.
In den Kriegen der 1990er Jahre wurde die anti-muslimische Rhetorik zum Instrument der Massenmobilisierung. Bosnische Muslime wurden in den Medien als „Turci", als Türken, bezeichnet, als Fremde, die auf serbischem Land saßen und es mit hohen Geburtenraten übernahmen. Die Propaganda griff auf osmanische Stereotype zurück: Muslime als Wucherer, Verräter, religiöse Fanatiker. Der Historiker Michael Sells nannte dies „Christoslavism", eine Ideologie, in der Muslime als Christusmörder und Judasfiguren dargestellt wurden, die aus der serbischen Nation ausgeschlossen werden mussten.
Die SANU-Memoranda von 1985/86, das intellektuelle Fundament des serbischen Nationalismus der 1990er, sprach von einer „demographischen Bedrohung" durch Muslime in Kosovo und Bosnien. Demographen wie Miloš Macura argumentierten, der Islam fördere eine „pronatalistische Ideologie", die darauf abziele, Serben zur Minderheit im eigenen Land zu machen. Das ist dieselbe Rhetorik, die heute in Teilen der israelischen Politik gegenüber der arabischen Bevölkerung verwendet wird.
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Die Parallele zum Zionismus
Hier kommt die Verbindung zum Zionismus ins Spiel. Das serbische und das zionistische Narrativ sind strukturell ähnlich: ein verfolgtes Volk, das nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft in seine angestammte Heimat zurückkehrt, umringt von muslimischen Nachbarn, die es ablehnen. Beide Narrative berufen sich auf historische Rechte, beide nutzen Opfermythen zur Mobilisierung, beide konstruieren den Islam als existenzielle Bedrohung.
Beide Narrative sind nicht identisch und stammen nicht aus derselben Quelle. Aber es erklärt, warum Serbien und Israel sich so gut verstehen. Es erklärt, warum Serbien 1917 als erstes Land die Balfour-Deklaration unterstützte, warum serbische und israelische Politiker sich auf gemeinsame Feindbilder beziehen, und warum die serbisch-israelische Allianz mehr ist als eine taktische Übereinkunft. Sie beruht auf geteilten Narrativen, die tiefer gehen als Diplomatie.
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Fazit
Der serbische Nationalismus und sein Verhältnis zum Islam sind nicht aus dem Nichts entstanden. Sie haben eine Geschichte, die vom Kosovo-Mythos über die Hajduken und die Aufstände bis zu den Jugoslawienkriegen reicht. Diese Geschichte wurde im 19. Jahrhundert formuliert, im 20. Jahrhundert politisiert und im 21. Jahrhundert diplomatisch genutzt. Wer den serbisch-israelischen Diskurs in der Gegenwart verstehen will, muss diese Geschichte kennen. Und wer sie kennt, sieht, dass Narrative nicht nur Geschichten sind, sondern Werkzeuge, mit denen Politik gemacht wird.
Quellen
Dieser Artikel stützt sich auf Arbeiten der DePaul University („The battle of Kosovo, hero cults, and Serbian state formation"), der Goldsmiths University („Whose Myth? Which Nation? The Serbian Kosovo Myth Revisited") und von MDPI Religions („Kosovo Crucified, Narratives in the Contemporary Serbian Orthodox Perception of Kosovo"). Ergänzt durch die Heinrich Böll Stiftung Belgrade („The Kosovo Myth in Modern Serbia", 2024), Sonja Biserko von der Helsinki Committee for Human Rights in Serbia („The Serbian elites and Genocide in Bosnia") und das USHMM („Bosnia: Words Translated Into Genocide"). Weitere Quellen: Michael Sells, „The Bridge Betrayed" (University of California Press), Aalborg University („Slobodan Milosevic's Propaganda Tour", 2018) sowie Portland State University („From Brotherhood and Unity to Fratricide: Propaganda in Former Yugoslavia").
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