Analyse18. Juli 2026ca. 12 Min. Lesezeit
Mladić, Israel und das Angebot – Wenn 'Selbstverteidigung' Waffen für den Verteidiger liefert
Israels Waffen für Mladić, Mladićs Worte für die Ewigkeit. Das Muster von Bosnien wiederholt sich in Gaza.
Ratko Mladićs vom ICTY beglaubigte Kriegstagebücher dokumentieren ein israelisches Waffen- und Ausbildungsangebot an die bosnisch-serbischen Streitkräfte. Augenzeugen, niederländische Geheimdienstberichte und ein hebräisch beschrifteter Granatensplitter legen die Lieferung nahe. 2016 verschwieg das israelische Oberste Gericht die Akten. Das Muster: Belagerung, Bevölkerung als Feind, rhetorische Selbstverteidigung – ist 1:1 in Gaza wiedererkennbar.
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Warum dieser Artikel existiert
Ratko Mladić sitzt in Den Haag. Lebenslänglich. Völkermord in Srebrenica, Belagerung von Sarajevo, ethnische Säuberungen. Sein Name ist zum Synonym für das grausamste Kapitel europäischer Nachkriegsgeschichte geworden.
Auf Seite 76 des ICTY-Urteils gegen Momčilo Perišić, dem ehemaligen Generalstabschef der jugoslawischen Armee, steht ein Eintrag aus Mladićs eigenem Kriegstagebuch. Datum unbekannt, Zeitraum 1992 bis 1995. Mladić schreibt:
„From Israel – they offer joint combat against extreme Islam – offer the training of our men in Greece at their expense. They offer us special weapons for 500 men – snipers for free – they said it came to Bihac, I don't know whether it was given to Serbia."
Dieser Satz ist nicht aus einem proserbischen Pamphlet. Er ist nicht aus einer Verschwörungstheorie. Er ist ein zitiertes Dokument des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, basierend auf 18 kyrillischen Kriegstagebüchern, die 2010 in Mladićs Belgrader Wohnung sichergestellt wurden und von seinem Stabschef Manojlo Milovanović als Mladićs Handschrift identifiziert wurden.
Der Eintrag besagt: Israel bot dem Kommandeur der Armee der Republika Srpska an, gemeinsam gegen den „extremen Islam" zu kämpfen, serbische Soldaten in Griechenland auszubilden und 500 Scharfschützengewehre kostenlos zu liefern.
Dieser Artikel stellt die Frage, die das ICTY in seiner Beweisaufnahme nur notierte, aber nicht verfolgte: Was geschah wirklich zwischen Israel und den serbischen Streitkräften während des Bosnienkriegs? Und warum wiederholt sich das daraus sichtbare Muster heute in Gaza?
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Der belastbare Stand
1. Die Tagebücher sind authentisch
Die Verteidigung Mladićs hat ihre Echtheit angezweifelt. Das ICTY ließ die Handschrift prüfen. Manojlo Milovanović, langjähriger Stabschef Mladićs, erklärte unter Eid, die 18 Notizbücher seien in Mladićs Handschrift verfasst. Das Tribunal bewertete sie als authentisches Beweismittel und zitierte sie im Perišić-Urteil.
Sie sind kein Roman. Sie sind ein Tagebuch eines Mannes, der sich selbst für einen Heiligen Krieg hielt. Sie sind voll Selbstrechtfertigung, Feindbildern und Lügen über den eigenen Krieg. Aber sie sind auch primärer Quellentext über Treffen, Waffenlieferungen, Operationspläne und internationale Kontakte.
Wer die Tagebücher als Ganzes leugnet, muss die handschriftliche Beglaubigung, die Beschlagnahme und die Verwendung durch das ICTY erklären.
2. Das israelische Angebot ist dokumentiert
Im Perišić-Urteil vom 6. September 2011 wird das Angebot wörtlich wiedergegeben. Der damalige bosnisch-serbische Verteidigungsminister Dušan Kovačević sagte vor dem Tribunal, Mossad habe ihn im März 1995 kontaktiert, um über die Entsendung „einer ziemlich großen Anzahl von Mudschahedin nach Bosnien-Herzegowina" zu sprechen. Kovačević präzisierte: Das israelische Angebot richte sich ausschließlich gegen die ausländischen islamischen Kämpfer, nicht gegen die bosniakische Bevölkerung insgesamt.
Das Tribunal merkte an, dass keine Beweise für die tatsächliche Erfüllung vorgelegt wurden. Das ist wichtig. Aber „keine Beweise vor Gericht" bedeutet nicht „nichts passiert". Es bedeutet: Die Anklage konnte es nicht beweisen.
3. Das NIOD bestätigt die Waffengeschäfte
Der niederländische Geheimdienstexperte Cees Wiebes verfasste im Auftrag der niederländischen Regierung den NIOD-Appendix „Intelligence and the War in Bosnia 1992–1995". Darin heißt es:
„Belgrade considered Israel, Russia and Greece its best friends. In autumn 1991 Serbia closed a secret arms deal with Israel."
Weiter wird berichtet, dass ein Vermittler namens Jezdimir Vasiljević, ein serbischer Finanzier mit Verbindungen zur Staatsführung und zur Underworld, die Geschäfte mit Israel abwickelte. Ein Großauftrag sei im Oktober 1991, also einen Monat nach Inkrafttreten des UN-Waffenembargos, unterzeichnet worden.
Die ehemalige hochrangige serbische Verteidigungsministeriumsbeamtin Dobrila Gajić-Glišić schrieb 1992 in ihrem Buch *The Serbian Army*:
„One of the largest deals was made in October 1991. For obvious reasons, the deal with the Jews was not made public at the time."
Dies sind nicht serbische Nationalisten, die Israel schönreden. Es sind Geheimdienstberichte, Ministeriumspublikationen und Gerichtsakten.
4. Physische Beweise
Im Jahr 1994, mitten in der Belagerung von Sarajevo, fand ein UN-Offizier am Flugfeld Sarajevo die Reste einer 120-mm-Mörsergranate. Auf dem Splitter waren hebräische Buchstaben zu lesen.
Ein israelischer Humanitärer, der damals in Bosnien arbeitete, sagte später unter Eid, er habe Serben mit israelischen Uzi-Maschinenpistolen gesehen. Ein weiterer Zeuge berichtete von israelischen Waffenhändlern, die 1995 gemeinsam mit französischen Mittelsmännern LAW-Lenkraketen nach Serbien lieferten.
Physische Beweisstücke, Zeugenaussagen und Gerichtsakten bilden ein konsistentes Bild: Israelische Waffen und israelisches Personal waren in Serbien und bei serbischen Streitkräften präsent – nach Beginn des UN-Embargos und während des Bosnienkriegs.
5. Das israelische Oberste Gericht deckte die Akten zu
2016 reichten der israelische Anwalt Eitay Mack und der Historiker Yair Auron eine Informationsfreiheitsklage ein. Sie verlangten die Offenlegung von Rüstungsexportakten Israels in die frühere Jugoslawie zwischen 1990 und 1996. Sie legten dem Gericht Mladićs Tagebuch, NIOD-Auszüge, Zeugenberichte und Presseartikel vor.
Das Oberste Gericht Israels wies die Klage ab. Begründung: Die Offenlegung würde Israels Außenbeziehungen schädigen und überwiege das öffentliche Interesse.
Das ist kein Schuldeingeständnis. Aber es ist ein Schweigen, das nur dann nötig ist, wenn Offenlegung mehr Schaden anrichten würde als Geheimhaltung. Ein Staat, der nichts zu verbergen hat, beruft sich nicht auf „Außenbeziehungen", um Kriegswaffenexporte an einen Genozid-Staat zu verschleiern.
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Die öffentliche Lesart
In westlichen Lehrbüchern und Medien wird der Bosnienkrieg meist so erzählt: Serben als alleinige Täter, die internationale Gemeinschaft als untätig, das Waffenembargo als wirkungslos gegen die serbische Übermacht.
Diese Erzählung lässt einen Faktor aus: dass das Embargo systematisch umgangen wurde, und zwar von allen Seiten. Bosniaken erhielten Waffen über Iran, Saudi-Arabien, private islamische Netzwerke und US-amerikanische Geheimdienstoperationen. Die Kroaten wurden von Deutschland und anderen NATO-Staaten aufgerüstet. Und die Serben – so dokumentiert es das NIOD und das ICTY – von Israel, Russland und Griechenland.
Der Unterschied besteht nicht darin, wer geliefert hat. Der Unterschied besteht darin, wer sich bis heute die Tatsachen ansehen muss.
Israel wird im Westen weiterhin als demokratische Säule, als Opfer und als Verteidiger geframed. Die Dokumentation seiner Waffenlieferungen an Serbien passt nicht in dieses Bild. Also wird sie ignoriert. Nicht widerlegt. Ignoriert.
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Die Logik darunter
Realpolitik ohne Moral
Israels Motiv war nicht proserbische Solidarität. Israel sah im Zerfall Jugoslawiens eine Gelegenheit: die Möglichkeit, einen regionalen Verbündeten gegen islamische Kämpfer zu gewinnen. Die serbische Propaganda, so wie Mladić sie formulierte, reduzierte den Krieg auf „Kampf gegen den extremen Islam". Israel spielte dieses Spiel mit.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist Standard-Realpolitik. Staaten liefern Waffen an Fraktionen, die ihre eigenen strategischen Ziele verfolgen. Israel tat in Bosnien dasselbe, was die USA in Afghanistan mit den Mudschahedin taten, was Iran mit den Bosniaken tat, was Russland mit den Serben tat.
Der Unterschied ist die Heuchelei. Israel präsentierte sich als Opfer des Völkermords an den Juden, gleichzeitig belieferte es eine Armee, die gerade dabei war, Völkermord an Muslimen zu begehen.
Die Sarajevo-Evakuierung als Deal
Ein besonders klarer Deal liegt im Jahr 1992. Nach NIOD-Dokumentation und journalistischen Recherchen ließen die bosnisch-serbischen Streitkräfte einen Großteil der jüdischen Gemeinde Sarajewo die Stadt verlassen. Im Gegenzug lieferte Israel Waffen und Munition.
Das ist keine romantische Rettungsaktion. Das ist Tauschhandel: Menschenleben gegen Kriegsmaterial. Wer zuerst die jüdische Bevölkerung evakuiert und dann die muslimische Bevölkerung belagert, macht aus dem Leid eine Rechnung.
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Der faire Einwand
Die Dokumente beweisen ein Angebot. Sie beweisen Absichten. Sie beweisen Kontakte. Sie beweisen Waffengeschäfte im Herbst 1991. Sie beweisen physische Beweisstücke. Sie beweisen die Weigerung Israels, die Akten zu öffnen.
Was sie nicht beweisen, ist ein vollständig dokumentierter, offizieller israelischer Regierungsbeschluss, der besagt: „Liefern Sie Mladić Gewehre für den Genozid in Srebrenica." Solch ein Dokument existiert öffentlich nicht.
Aber historische Verantwortung bemisst sich nicht an gerichtsfesten Beweisen allein. Sie bemisst sich an dem, was dokumentiert, was wahrscheinlich und was vertuscht wurde. Israel hatte die Möglichkeit, die Akten zu öffnen und sich zu entlasten. Es entschied sich anders.
Ratko Mladić ist ein verurteilter Kriegsverbrecher. Sein Tagebuch ist Selbstdarstellung. Jeder Satz muss an externen Quellen geprüft werden. Aber in diesem Fall korrespondiert sein Satz über Israel mit NIOD-Berichten, Ministeriumspublikationen, Zeugenaussagen, physischen Beweisstücken und dem Verhalten des israelischen Obersten Gerichts.
Die Quellenlage ist nicht perfekt. Sie ist aber hinreichend, um eine beschämende Wahrheit zu erzwingen: Israel war in den Balkankrieg verstrickt, und es hat bis heute keine Rechenschaft abgelegt.
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Was daraus folgt: Das Gaza-Muster
Das Bosnien von 1992 bis 1995 und das Gaza der 2020er-Jahre sind nicht identisch. Aber das Muster ist 1:1 erkennbar.
1. Belagerung als Strategie
Sarajevo wurde 1.425 Tage belagert. Gaza wird seit 2007 blockiert und seit 2023 bombardiert. In beiden Fällen wird die Zivilbevölkerung zur militärischen Zielgruppe gemacht, unter dem Deckmantel der Notwendigkeit.
2. Der Feind wird totalisiert
In Bosnien sprachen serbische Führer von „islamischen Fundamentalisten", um die gesamte bosniakische Bevölkerung zu delegitimieren. In Gaza spricht israelische Propaganda von „Hamas als menschlichem Schild", um die gesamte palästinensische Bevölkerung zu delegitimieren.
3. Selbstverteidigung als rhetorisches Feigenblatt
Belagerer behaupten immer, sie seien die Opfer. Mladić behauptete, die Serben seien umzingelt vom „islamischen Terror". Israel behauptet, es verteidige sich gegen „Terror" und „Existenzbedrohung". Die Funktion der Rhetorik ist dieselbe: Das Opfer zum Bedroher und den Aggressor zum Opfer zu erklären.
4. Internationale Strafverfolgung trifft auf politische Immunität
Das ICTY verurteilte Mladić. Der Internationale Gerichtshof und der Internationale Strafgerichtshof erheben Vorwürfe gegen Israel. Aber politische Allianzen, Vetos und Wirtschaftsinteressen verhindern die Durchsetzung. Das Völkerrecht funktioniert nur gegen Verlierer, nicht gegen geschützte Verbündete.
5. Waffenlieferungen an den Täter
Im Bosnienkrieg lieferte Israel an Serbien. Im Gazakrieg liefern Deutschland, die USA und andere NATO-Staaten Waffen an Israel, während Zivilisten getötet werden. Die Rollen sind verteilt, die Logik ist dieselbe: Waffen für den Stärkeren, der sich als Bedrohten inszeniert.
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Der Punkt, der bleibt
Ratko Mladićs Tagebucheintrag ist ein Satz. Ein einziger Satz in Tausenden Seiten Selbstrechtfertigung. Aber er trifft einen Nerv, den Israel bis heute nicht behandeln will.
Das ICTY hat den Eintrag dokumentiert. Das NIOD hat die Waffengeschäfte bestätigt. Augenzeugen haben hebräisch beschriftete Granaten beschrieben. Ein israelisches Gericht hat die Akten für immer verschlossen.
Wer diese Kette von Hinweisen ignoriert, tut dasselbe, was im Bosnienkrieg getan wurde: Er schaut weg, während belagerte Städte zerfallen. Nur heute heißt Sarajevo nicht mehr Sarajevo. Heute heißt es Gaza.
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Anschluss
Sigma
Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.
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