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Dossier28. Juli 2026ca. 14 Min. Lesezeit

Project Nimbus: Die Cloud als Waffe – Wie Google und Amazon einen Völkermord technisch ermöglichen

1,2 Milliarden Dollar für die Cloud. Die Cloud für den Krieg.

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Cloud Computing Architecture

> Inhaltswarnung: Dieser Artikel dokumentiert Verträge, geleakte Dokumente und Investigationen, die die Verbindung zwischen US-Cloud-Infrastruktur und israelischen Militäroperationen in Gaza aufzeigen. Zitate aus Vertragsdokumenten und Unternehmensstatements werden im Originalkontext wiedergegeben.

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Die offizielle Geschichte

Project Nimbus: Die Cloud als Waffe, Wie Google und Amazon einen Völkermord technisch ermöglichen, Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Dossier

Am 21. April 2021 verkündete das israelische Finanzministerium den Zuschlag für ein Projekt namens Nimbus. Google und Amazon hatten sich gegen Microsoft, Oracle und IBM durchgesetzt. Der Vertrag: 4 Milliarden Schekel, rund 1,2 Milliarden Dollar. Laufzeit: sieben Jahre, optional verlängerbar auf 23 Jahre. Sechs Rechenzentren in Israel. Alle Daten innerhalb Israels Grenzen, unter israelischem Recht, mit Sicherheitsüberprüfung für das Personal.

Google sagte damals, man sei „delighted to have been chosen to help digitally transform" das Land. Das israelische Finanzministerium sprach von einer „all-encompassing cloud solution" für Regierung, Verteidigung und andere Behörden.

Das klingt nach Modernisierung, nach Infrastruktur, nach Fortschritt, und genau das ist die Absicht.

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Was der Vertrag tatsächlich enthält

Das Tender-Dokument (Appendix B, Central Tender No. 01-2020) listet die „Ordering Entities" auf, also die Stellen, die über Nimbus Cloud-Dienste beziehen dürfen. Ganz oben, unter Punkt 1.2:

„The Ministry of Defense, including the IDF."

Und darunter eine Liste assoziierter Entitys, die über die Regierung Cloud-Dienste beziehen können: Rafael Advanced Defense Systems Ltd. (Rüstungskonzern), Israel Aerospace Industries Ltd., Elta Systems Ltd. (Rüstungselektronik), Israel Aerospace Industries. Es handelt sich dabei nicht um Bildungsministerien, sondern um Rüstungsunternehmen und Militäreinheiten.

Gleichzeitig enthält der Vertrag eine Klausel, die Google und Amazon verbietet, israelischen Regierungseinheiten den Zugang zu Cloud-Diensten zu entziehen, selbst wenn Israel ihre Nutzungsbedingungen verletzt. Quelle: Geleakte Finalversion des Vertrags, veröffentlicht von The Guardian, +972 Magazine und Local Call, 2025.

Google kann öffentlich behaupten, seine Nutzungsbedingungen würden Menschenrechtsverletzungen verbieten. Der Vertrag stellt jedoch sicher, dass Google diese Bedingungen nicht durchsetzen kann, ohne den Vertrag zu brechen.

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Die Wörter, hinter denen sich der Krieg versteckt

Das erste Werkzeug ist nicht die Cloud oder die KI, sondern die Sprache. Die Wörter, mit denen dieser Vertrag beschrieben wird, sind so gewählt, dass sie militärische Infrastruktur als Verwaltungsmigration tarnen.

„Digitale Transformation"

Es ist Googles eigenes Wort und klingt nach Papierkram, der in Server verschoben wird. Tatsächlich bedeutet es, dass das gesamte israelische Militär, alle Nachrichtendienste und alle Rüstungsunternehmen Zugang zu Googles Cloud-Infrastruktur, KI-Modellen und Datenanalysewerkzeugen erhalten. „Transformation" ist dabei alles andere als neutral, sondern beschreibt den Umbau einer Kriegsmaschine auf moderne Cloud-Architektur.

„Workloads"

Google spricht von „workloads", also Arbeitslasten, was nach Serverauslastung und IT-Management klingt. In der Praxis umfasst es jedoch Gesichtserkennung, automatische Bildkategorisierung, Objektverfolgung in Bildern und Videos, Stimmungsanalyse und KI-Modell-Entwicklung. Was im administrativen Sinn als „Workload" bezeichnet wird, ist in der Realität ein Überwachungs- und Zielidentifikationswerkzeug.

„Not directed at highly sensitive, classified, or military workloads relevant to weapons or intelligence services"

Das ist die Formel, die Google-Sprecher wiederholen, und sie klingt wie eine Distanzierung, ohne eine zu sein. Sie besagt lediglich, dass der Vertrag „not directed at", also nicht gerichtet an, klassifizierte Waffensysteme geschrieben wurde. Das Militär kann diese Dienste dennoch nutzen, der Vertrag war nur nicht explizit dafür vorgesehen. Das israelische Verteidigungsministerium hat dennoch eine eigene „Landing Zone", also einen direkten Zugangspunkt zu Google Cloud. Ein Entwurfvertrag vom 27. März 2024, eingesehen von TIME Magazine, zeigt, dass das Ministerium Google beauftragte, „mehrere Einheiten" auf die Plattform zu bringen. Google gab dem Ministerium einen 15% Rabatt „due to the Nimbus framework."

„Government Digital Marketplace"

So heißt die Plattform, über die israelische Behörden Cloud-Dienste beziehen. „Digital Marketplace" klingt nach einem App Store für Behörden. Punkt 3.13.3 des Tender-Dokuments stellt jedoch klar:

„The Ministry of Defense and the IDF, when purchasing services from Cloud Providers, will be allowed, by advance notice, to establish, based on this Tender, a specific digital marketplace."

Das Verteidigungsministerium bekommt also einen eigenen, separaten Zugang zum „Marktplatz", einen exklusiven Shop für das Militär, der unter dem harmlos klingenden Begriff „Digital Marketplace" firmiert.

„Comprehensive cloud solution"

Das Wort „comprehensive" bedeutet, dass alle Daten, alle Dienste und alle Einheiten erfasst werden. Es ist das Wort, das die vollständige Migration von Militär, Nachrichtendiensten und Rüstungsindustrie auf private US-Cloud-Server beschreibt, ohne dass es nach Militärpakt klingt.

„Cloud Center of Excellence"

So heißt die Abteilung, die KPMG aufbauen soll, um die Regierung beim Cloud-Umzug zu beraten. „Center of Excellence" klingt nach einer Forschungseinrichtung, ist aber die Abteilung, die den strategischen Rahmen dafür setzt, wie militärische Daten auf private Server wandern.

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Der „Winking Mechanism": Ein geheimer Code gegen Gerichte

Die Investigation von The Guardian, +972 Magazine und Local Call (2025) enthüllte das ungewöhnlichste Detail des Nimbus-Vertrags: den „Winking Mechanism".

Israel befürchtete, dass ausländische Gerichte Google oder Amazon zwingen könnten, israelische Cloud-Daten herauszugeben, etwa im Rahmen von Ermittlungen zu Menschenrechtsverletzungen. Normalerweise dürfen Unternehmen dem Kunden in solchen Fällen nicht mitteilen, dass Daten angefordert wurden (gag order).

Israels Lösung: Die Unternehmen müssen Israel heimlich signalisieren, wenn Daten an eine ausländische Behörde übergeben werden müssen. Das Signal erfolgt durch „special compensation"-Zahlungen. Die Zahlung entspricht dabei der Telefonvorwahl des jeweiligen Landes, ergänzt um Nullen. Bei den USA mit der Vorwahl +1 wären das NIS 1.000, bei Italien mit +39 entsprechend NIS 3.900 und bei Deutschland mit +49 NIS 4.900. Die Zahlung muss innerhalb von 24 Stunden nach der Datenübertragung erfolgen. Falls sogar das Signalisieren selbst verboten ist, greift ein Backstop von NIS 100.000, was etwa 30.000 US-Dollar entspricht.

Israelische Beamte notierten selbst, dass diese Klauseln mit US-Gesetzen kollidieren könnten. Die Unternehmen müssten wählen zwischen „violating the contract or violating their legal obligations".

Was hier beschrieben wird, ist ein geheimer Kanal zwischen einem Staat und zwei der größten Unternehmen der Welt, gebaut, um ausländische Gerichtsverfahren zu unterlaufen.

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Was Google wusste und wann

Die New York Times veröffentlichte im Dezember 2024 interne Google-Dokumente, die vor Vertragsunterschrift entstanden waren. Googles eigene Anwälte, das Policy-Team und externe Berater schrieben:

„Google Cloud services could be used for, or linked to, the facilitation of human rights violations, including Israeli activity in the West Bank."

Der externe Berater BSR (Business for Social Responsibility) empfahl, KI-Werkzeuge vom israelischen Militär auszuschließen und Due-Diligence-Prüfungen einzubauen. Keine dieser Empfehlungen schaffte es in den finalen Vertrag.

Der lukrativste Teil des Deals: 525 Millionen Dollar vom israelischen Verteidigungsministerium (2021–2028). Google machte 2021 weltweit 258 Milliarden Dollar Umsatz. 525 Millionen sind kein existenzieller Betrag. Aber es war genug, um einen Präzedenzfall bei Militär- und Geheimdienstkunden zu schaffen.

Google wusste um die Risiken, unterschrieb den Vertrag dennoch und sagte der Öffentlichkeit etwas anderes.

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Was die IDF tatsächlich mit der Cloud macht

Die Investigation von +972 Magazine und Local Call (Juli 2024) lieferte die ersten konkreten Belege. Die israelische Armee speichert Massenüberwachungsdaten von Palästinensern in Gaza auf AWS-Servern. AWS bietet der Militäraufklärung „endlosen Speicher" für Informationen über „fast jeden" in Gaza. Die Kooperation zwischen IDF und AWS wird als „besonders eng" beschrieben. Die gespeicherten Daten halfen „bei der Bestätigung von Luftangriffen zur gezielten Tötung" in Gaza. Seit Oktober 2023 stieg die Nachfrage der IDF nach Google Cloud, AWS und Microsoft Azure drastisch an. Ein Großteil der Käufe über Google und AWS lief direkt über den Nimbus-Vertrag.

Col. Racheli Dembinsky, Kommandeurin der IDF-Einheit für Computing- und Informationssysteme, präsentierte in einem Vortrag vor etwa 100 Militär- und Industriepersonal Präsentationsfolien, auf denen die Logos von AWS, Google Cloud und Microsoft Azure als Teil der „operativen Cloud" der Armee erschienen.

Was hier stattfindet, ist keine „digitale Transformation", sondern Kriegsinfrastruktur, betrieben von US-Cloud-Konzernen.

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Microsoft als Kontrastfall

Microsoft hatte den Nimbus-Zuschlag nicht bekommen, unterhielt aber separate Cloud-Verträge mit Israel. Nachdem +972 Magazine und The Guardian aufdeckten, dass die IDF abgehörte palästinensische Telefonate auf Microsoft Azure speicherte, reagierte Microsoft. Im September 2025 bestätigte Brad Smith, Microsoft habe „eine Reihe von Diensten für eine Einheit innerhalb des israelischen Verteidigungsministeriums eingestellt und deaktiviert". Dies geschah jedoch erst nach öffentlichem Leak, nicht durch proaktive Prüfung.

Im Gegensatz dazu verbietet der Nimbus-Vertrag Google und Amazon genau eine solche Reaktion. Sie können nicht stoppen, was sie nicht stoppen dürfen, ohne den Vertrag zu brechen.

Microsoft weigerte sich Berichten zufolge bei den Nimbus-Verhandlungen, bestimmte israelische Forderungen zu akzeptieren. Google und Amazon akzeptierten sie.

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Die Psyop-Struktur

Eine Psyop funktioniert nicht durch Lüge, sondern durch Rahmung, durch die Auswahl der Wörter, die bestimmen, was ein Publikum als Realität akzeptiert. Project Nimbus ist in diesem Sinn eine Psyop-Struktur, nicht weil es den Vertrag nicht gäbe, sondern weil die Sprache, die ihn umgibt, so konstruiert ist, dass die militärische Nutzung unsichtbar wird.

Die Mechanik ist einfach. Zunächst werden zivile Wörter gewählt: „Digitale Transformation", „Cloud-Lösung", „Workloads", „Government Digital Marketplace". Kein Wort suggeriert Militär, Überwachung oder Krieg. Dann werden militärische Entitys in zivile Listen gepackt. Das Verteidigungsministerium steht in einer Liste mit dem Bildungsministerium, der Eisenbahn und Yad Vashem. Rafael und Elta stehen zwischen dem Nationalversicherungsinstitut und der Straßenbehörde.

Darauf folgt eine öffentliche Distanzierung, die rechtlich nichts bedeutet. „Not directed at highly sensitive, classified, or military workloads" klingt wie eine Firewall. Der Vertrag erlaubt jedoch jede Nutzung durch jede Regierungseinheit. Im nächsten Schritt wird das Durchsetzungsrecht ausgeschaltet. Die „No Restrictions"-Klausel stellt sicher, dass die eigenen Nutzungsbedingungen nicht durchsetzbar sind. Die Ethik-Formel existiert nur für die Öffentlichkeit, nicht für den Vertrag.

Zusätzlich wird eine geheime Signalisierung eingebaut. Der „Winking Mechanism" stellt sicher, dass ausländische Gerichtsverfahren unterlaufen werden können, ohne dass die Öffentlichkeit es erfährt. Schließlich werden Mitarbeiter, die fragen, entlassen. 28 Google-Mitarbeiter wurden gefeuert, nachdem sie gegen Nimbus protestiert hatten. Amazon suspendierte Mitarbeiter, die die Verträge kritisierten.

Das Ergebnis: Ein 1,2-Milliarden-Dollar-Vertrag, der das israelische Militär mit Cloud-Infrastruktur, KI-Werkzeugen und Datenanalyse versorgt, wird öffentlich als Verwaltungsmodernisierung präsentiert. Die Wörter „Cloud", „Transformation" und „Workloads" tun die Arbeit, die früher militärische Geheimhaltung leisten musste.

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Die EFF bilanziert

Die Electronic Frontier Foundation urteilte im April 2026:

„The risks are neither speculative nor remote. They are foreseeable, well-documented, and exacerbated by the context in which Project Nimbus operates, which is an ongoing military campaign marked by widespread civilian harm and credible allegations of grave human rights violations including genocide. In such circumstances, waiting for definitive proof is not responsible risk management – it is willful blindness."

Die UN-Kommission stellte im September 2025 fest, dass Israels Vorgehen in Gaza Völkermord darstellt.

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Nimbus als Blaupause für Militär-Cloud-Verträge

Project Nimbus ist kein Einzelfall, sondern das Modell für die nächste Generation von Militär-Cloud-Verträgen: zivile Sprache, militärische Nutzung, rechtliche Unangreifbarkeit durch Vertragsklauseln, die genau das verhindern, was die öffentlichen Ethik-Richtlinien versprechen.

Google und Amazon wussten bereits vor Unterschrift, wofür ihre Dienste genutzt werden. Die eigentliche Frage ist, ob die Sprache, die diese Verträge umgibt, jemals durchbrochen wird, oder ob „digitale Transformation" das neue Tarnwort für Kriegsinfrastruktur ist.

Die Cloud ist nicht neutral, und die Wörter, die sie beschreiben, sind es auch nicht.

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Quellen

Die Investigation von The Guardian, +972 Magazine und Local Call („No Restrictions and A Secret Wink", 2025) bildet die Grundlage dieses Artikels. Die New York Times berichtete im Dezember 2024 über interne Google-Dokumente („Google Worried Israeli Contract Could Enable Human Rights Violations"). The Intercept veröffentlichte im September 2022 eine interne Google-Risikoanalyse. TIME Magazine deckte im April 2024 den Vertrag mit dem Verteidigungsministerium auf („Google Contract Shows Deal With Israel Defense Ministry"). Die IDF-Cloud-Nutzung wurde von +972 Magazine und Local Call im Juli 2024 investigiert. Die Electronic Frontier Foundation bilanzierte im April 2026 („Google and Amazon: Acknowledged Risks, and Ignored Responsibilities"). Reuters meldete im April 2021 den Zuschlag („Israel picks Amazon's AWS, Google for flagship cloud project"). The Verge berichtete im Dezember 2024 über interne Google-Dokumente. Das Tender-Dokument (Central Tender No. 01-2020, Appendix B) stammt von der Israeli Government Procurement Administration. Al Jazeera erklärte im April 2024 („What is Project Nimbus, and why are Google workers protesting?").

Project Nimbus: Die Cloud als Waffe, Wie Google und Amazon einen Völkermord technisch ermöglichen, Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Dossier

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