Geopolitik11. Juli 2026ca. 14 Min. Lesezeit
Shlomo Sand 2: Die Erfindung des jüdischen Volkes
Religion, nicht Ethnos – Sands Hauptthese aufgeschlüsselt
In Teil 1 haben wir gesehen, wer Shlomo Sand ist: ein israelischer Historiker, der die Existenz eines jüdischen Volkes als ethnischer Kategorie bestreitet. Jetzt schlüsseln wir seine Hauptthese auf – Argument für Argument.
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Säule 1: Judentum war eine proselytisierende Religion
Das konventionelle Narrativ sagt: Judentum war nie eine missionierende Religion. Juden hielten sich an sich, blieben unter sich, wuchsen durch Geburten, nicht durch Konversion. Das ist die Grundlage für die Vorstellung eines geschlossenen Volkes mit gemeinsamer Abstammung.
Sand sagt: Das stimmt nicht. Judentum war in der Antike aktiv proselytisierend. Er begründet das mit mehreren Belegen:
- Hasmoneische Expansion (2. Jh. v.Chr.): Die Makkabäer eroberten benachbarte Völker – Idumäer, Ituräer – und zwangen sie zur Konversion zum Judentum. Das ist historisch dokumentiert durch Flavius Josephus und andere antike Quellen. Die Idumäer wurden unter Johannes Hyrkanus I. konvertiert, die Ituräer unter Aristobulos I. Quelle: Josephus, *Antiquities of the Jews*, XIII.9.1, XIII.11.3.
- Römische Zeit: Sand argumentiert, dass das Judentum im Mittelmeerraum durch Konversion wuchs, nicht durch Vertreibung. Er verweist auf jüdische Gemeinden in Rom, Nordafrika, Kleinasien, die zu groß waren, um allein durch Migration entstanden zu sein.
- Spätantike: Erst als das Christentum zur Staatsreligion wurde (4. Jh. n.Chr.), wurde jüdische Proselytisierung verboten und sank die Konversionsrate. Das Judentum schloss sich ein – nicht aus Wesensart, sondern unter Zwang.
Sand schreibt: „Judaism, contrary to popular opinion, was very much a converting religion in former times." Quelle: Wikipedia – The Invention of the Jewish People.
Die hasmoneischen Zwangskonversionen sind historisch unbestritten – auch Sands Kritiker bestreiten das nicht. Die offene Frage ist, wie groß der Anteil von Konvertiten an der Gesamtdiaspora war.
Sand behauptet allerdings, die Mehrheit der antiken und mittelalterlichen Juden seien Konvertiten-Nachfahren. Das geht über die dokumentierten Einzelfälle hinaus. Israel Bartal weist darauf hin, dass die Skala der Proselytisierung in der Forschung seit langem diskutiert wird – Sand erhebe bekannte Randpositionen zur Hauptthese. Quelle: Wikipedia.
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Säule 2: Massenkonversionen bei drei Völkern
Sand identifiziert drei historische Massenkonversionen zum Judentum, die für die Diaspora-Entstehung entscheidend waren:
2a. Die Khazaren (8.–10. Jh. n.Chr.)
Das ist die bekannteste und umstrittenste Konversion. Das Khazarische Khaganat – ein turkisches Reich zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer – konvertierte unter König Bulan (~740 n.Chr.) zum Judentum. Die Elite nahm die jüdische Religion an, teils aus diplomatischer Neutralität zwischen christlichem Byzanz und muslimischem Kalifat.
Diese Konversion ist historisch dokumentiert durch:
- Die Khazar-Korrespondenz (hebräischer Briefwechsel zwischen König Joseph und Hasdai ibn Shaprut, ca. 960 n.Chr.)
- Arabische Chronisten (al-Masudi, Ibn Hawqal)
- Den byzantinischen Gelehrten Constantine Porphyrogennetos
- Judah Halevis philosophischen Dialog „Kuzari" (ca. 1140 n.Chr.)
Sand übernimmt die These von Arthur Koestler (*„The Thirteenth Tribe"*, 1976), dass ein bedeutender Teil der aschkenasischen Juden Osteuropas von diesen Khazaren abstammt. Wir behandeln die Khazar-These detailliert in Teil 3.
Quelle: Wikipedia, Electronic Intifada.
2b. Die Berber Nordafrikas (ca. 6. Jh. n.Chr.)
Sand verweist auf historische Berichte über jüdische Gemeinden in Nordafrika vor der arabischen Eroberung. Die Berber-Königin Kahina (Dihya) soll jüdisch gewesen sein und Widerstand gegen die arabische Invasion geleistet haben. Sand schlägt vor, dass Teile der Berber-Bevölkerung zum Judentum konvertiert waren – und dass diese konvertierten Berber die Vorfahren der sephardischen und nordafrikanischen Juden seien.
Die Quellenlage für eine Massenkonversion der Berber ist deutlich dünner als für die Khazaren. Die Kahina-Story stammt aus arabischen Chroniken des 9. Jahrhunderts, die erst Jahrhunderte nach den Ereignissen geschrieben wurden. Historiker bewerten die Berber-Konversion als möglich, aber nicht als bewiesen.
2c. Das Himyaritische Königreich (Jemen, ca. 4.–6. Jh. n.Chr.)
Das himyaritische Königreich im heutigen Jemen übernahm unter König Dhu Nuwas das Judentum. Das ist durch Inschriften und antike Quellen belegt. Sand zählt dies als weiteren Beleg für seine These, dass Judentum eine konvertierende Religion war.
Die himyaritische Konversion ist archäologisch und epigrafisch besser belegt als die Berber-Konversion. Südarabische Inschriften belegen jüdische Phrasen und Symbole im himyaritischen Staat.
Quelle: Wikipedia – The Invention of the Jewish People.
Bewertung der drei Konversionen
| Konversion | Belegstärke | Bedeutung für Diaspora | |---|---|---| | Khazaren | Mittel (Quellen existieren, aber umstritten) | Potentiell groß – osteuropäische Juden | | Berber | Niedrig (späte Quellen, spärlich) | Spekulativ – Sephardische/nordafrikanische Juden | | Himyariten | Mittel-hoch (Inschriften) | Regional begrenzt – jemenitische Juden |
Sand braucht alle drei Konversionen, um seine These zu stützen, dass die jüdische Diaspora primär durch Konversion entstand. Die Khazar-These trägt das meiste Gewicht – und ist gleichzeitig die am meisten umstrittene.
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Säule 3: Die Idee eines jüdischen Volkes ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts
Sand argumentiert: Vor dem 19. Jahrhundert verstanden sich Juden als Religionsgemeinschaft, nicht als Volk. Die Idee einer jüdischen Nation mit gemeinsamer ethnischer Herkunft sei von jüdischen Intellektuellen in Deutschland konstruiert worden – unter dem Einfluss des deutschen Romantik-Nationalismus, der Volk und Abstammung zur Grundlage von Identität machte.
Die Schlüsselfigur ist Heinrich Graetz (1817–1891), einer der Begründer der modernen jüdischen Geschichtsschreibung. Sand argumentiert, Graetz habe die Geschichte des Judentums rückwirkend als Geschichte einer Nation geschrieben: ein Volk, das ein Königreich hatte, vertrieben wurde, wanderte und zurückkehrte.
Sand sagt: „At a certain stage in the 19th century intellectuals of Jewish origin in Germany, influenced by the folk character of German nationalism, took upon themselves the task of inventing a people retrospectively, out of a thirst to create a modern Jewish people." Quelle: Wikipedia.
Die Konstruktion nationaler Identitäten im 19. Jahrhundert ist ein etablierter Forschungsgegenstand. Benedict Andersons *„Imagined Communities"* (1983) hat gezeigt, dass Nationen soziale Konstrukte sind, keine natürlichen Gegebenheiten. Sand wendet diese Erkenntnis auf das Judentum an.
Kritiker wie Israel Bartal sagen, Sand übertreibe. Jüdisches Volksbewusstsein sei älter als das 19. Jahrhundert – es finde sich in mittelalterlichen hebräischen Texten, in liturgischen Formeln, in der Erinnerung an Jerusalem und Zion. Die Idee eines „jüdischen Volkes" sei nicht erfunden, sondern reformuliert worden. Quelle: Wikipedia.
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Säule 4: Die Palästinenser als Nachfahren der antiken Juden
Sands vierte Säule ist die provokativste: Er sagt, die Palästinenser seien wahrscheinlicher die Nachfahren der antiken jüdischen Bevölkerung Palästinas als die meisten heutigen Juden.
Die Logik: Wenn die Römer die Juden nicht massenweise vertrieben haben (was Sand behauptet – siehe Teil 4), dann blieben die meisten Juden im Land. Unter der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert konvertierten viele zum Islam und wurden zu Palästinensern.
Sand schreibt: „Following the Arab conquest of Palestine in the 7th century, many local Jews converted to Islam and were assimilated among the Arab conquerors. Sand concludes that these converts are the ancestors of the contemporary Palestinians." Quelle: Wikipedia.
Die These, dass ein Teil der palästinensischen Bevölkerung von antiken Bewohnern Palästinas (einschließlich Juden) abstammt, wird von einigen Genetikern gestützt. Studien zeigen genetische Nähe zwischen Palästinensern und anderen levantinischen Bevölkerungen.
Diese These kehrt das zionistische Narrativ um. Nicht die Juden „kehren zurück" – die Palästinenser sind die Gebliebenen. Das ist eine politische Sprengkraft, die über die historische Frage hinausgeht.
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Zusammenfassung: Sands vier Säulen
| Säule | These | Belegstärke | |---|---|---| | 1. Proselytisierung | Judentum war eine konvertierende Religion | Mittel – Hasmoneer belegt, Skala umstritten | | 2. Massenkonversionen | Khazaren, Berber, Himyariten | Khazaren: mittel; Berber: niedrig; Himyariten: mittel-hoch | | 3. Nation als Konstruktion | „Jüdisches Volk" = Erfindung des 19. Jh. | Stark als These, umstritten in der Anwendung | | 4. Palästinenser als Nachfahren | Palästinenser = Nachfahren antiker Juden | Plausibel, aber nicht bewiesen |
Sand hat eine vierteilige Argumentationskette gebaut. Jede Säule für sich ist diskutierbar. Zusammen ergeben sie ein Bild, das das zionistische Gründungsnarrativ fundamental herausfordert.
Ob das Bild stimmt – das prüfen wir in den nächsten Teilen. Teil 3 behandelt die Khazar-These im Detail. Teil 4 prüft die Exil-These. Teil 5 konfrontiert Sand mit der Genetik.
Weiter zu Teil 3: Die Khazar-These.
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Quellen
- Sand, Shlomo: *The Invention of the Jewish People* (Verso, 2008/2009)
- Wikipedia: The Invention of the Jewish People
- The Guardian (2010): Shlomo Sand: an enemy of the Jewish people?
- Electronic Intifada: Book review: Shlomo Sand's "The Invention of the Jewish People"
- Josephus, Flavius: *Antiquities of the Jews*, XIII.9.1, XIII.11.3 (hasmoneische Konversionen)
- Anderson, Benedict: *Imagined Communities* (Verso, 1983) – theoretischer Rahmen
- Koestler, Arthur: *The Thirteenth Tribe* (1976) – Khazar-These
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