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Sport & Macht09. Juli 2026ca. 13 Min. Lesezeit

WM 2026: Collinas Philosophie – Wenn 'Laufen lassen' zum Problem wird

Die Direktive, die die WM 2026 unbrauchbar machte

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Pierluigi Collina ist eine Legende. Der charismatischste Schiedsrichter der Fußballgeschichte, bekannt für seine intensive Blick und seine autoritäre Präsenz. Heute ist er FIFA-Schiedsrichterchef und verantwortlich für die Ausrichtung der Unparteiischen bei der WM 2026. Seine Philosophie ist klar: Laufen lassen. Kontakt ist Teil des Spiels. Nicht jedes Foul ist ein Foul.

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Die Philosophie

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Collina hat vor der WM 2026 eine klare Direktive ausgegeben:

„Fußball ist ein Kontaktsport. Nicht jeder Kontakt ist ein Foul. Ich will flüssige Spiele auf hohem Tempo sehen."

Die Direktive hat zwei Dimensionen:

  1. Auf dem Platz: Schiedsrichter sollen weniger pfeifen, trifling fouls ignorieren, den Spielfluss priorisieren.
  2. Beim VAR: Wenn der Schiedsrichter mehr laufen lässt, muss der VAR weniger eingreifen. Beide Balken müssen sich bewegen.

Collina will Konsistenz: Wenn du auf dem Platz mehr zulässt, musst du auch beim VAR mehr zulassen. Das klingt logisch. In der Praxis führt es zu einem Problem: Die Grenze zwischen „laufen lassen" und „ignorieren" ist subjektiv. Und wenn Schiedsrichter sie falsch ziehen, gibt es keine Korrektur – weil der VAR auch nicht eingreift.

Quelle: BBC Sport, Free Malaysia Today, Business Times

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Die Statistiken – Was die Zahlen sagen

Fouls pro Spiel

| Turnier | Fouls/Spiel | |---|---| | WM 2018 | 29,3 | | WM 2022 | 27,7 | | WM 2026 | 24,3 |

Ein Rückgang von 5 Fouls pro Spiel gegenüber 2018. Das ist Collinas Philosophie in Zahlen.

Gelbe Karten pro Spiel

Die WM 2026 hat 2,4 Gelbe Karten pro Spiel – unter dem Niveau jeder früheren WM oder großen Wettbewerbs.

Tore pro Spiel

Die Gruppenphase der WM 2026 ist die torreichste der Moderne: 2,95 Tore pro Spiel, Rekord seit Brasilien 2014 (2,83).

VAR-Eingriffe pro Spiel

| Wettbewerb | VAR-Eingriffe/Spiel | Subjektive Reviews/Spiel | |---|---|---| | Premier League 2025/26 | 0,29 | 0,15 | | WM 2026 | 0,28-0,33 | 0,15-0,17 | | WM 2022 (Katar) | 0,41 | — | | Champions League | 0,47 | 0,36 |

Die WM 2026 liegt nah an der Premier League – die den niedrigsten VAR-Eingriffsatz in Europa hat. Das ist Collinas Ziel: minimale Intervention, maximaler Flow.

Quellen: BBC Sport (2 Artikel), NetSI Sport/Northeastern University, Free Malaysia Today

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Die Kehrseite – Was die Zahlen verschweigen

Die Statistiken sehen gut aus: weniger Fouls, weniger Karten, mehr Tore, weniger VAR-Eingriffe. Aber sie verschweigen, was nicht in Zahlen erscheint:

1. Brutalität ohne Konsequenzen

Frankreich vs Paraguay, Achtelfinale: Paraguay spielte mit Schlägen, Tritten und Provokationen. Matias Galarza schlug Kylian Mbappé im Laufduell. Schiedsrichter Ilgiz Tantashev (Usbekistan) ahndete nichts. Keine Gelben Karten für Paraguay.

Patrick Ittrich (MagentaTV): „Das war die schlechteste Leistung bei dieser WM."

Collinas Philosophie sagt: „Laufen lassen." Aber Tantashev interpretierte das als „alles durchgehen lassen". Und der VAR griff nicht ein – weil die Messlatte für Eingriffe so hoch liegt.

Quelle: ZDF, Sky Sport, Süddeutsche Zeitung

2. Inkonsistenz bei VAR-Eingriffen

Die Philosophie sagt: „Weniger Eingriffe, höhere Messlatte." Aber in der Praxis führt das zu Inkonsistenz:

  • Deutschland vs Paraguay: VAR greift ein – Tor aberkannt. (Messlatte niedrig)
  • Ägypten vs Argentinien: VAR greift ein – Tor aberkannt. (Messlatte niedrig)
  • England vs Ghana: VAR greift nicht ein – klarer Elfer nicht gegeben. (Messlatte hoch)
  • Frankreich vs Senegal: VAR empfiehlt Review – Schiri bleibt bei seiner Meinung. (Messlatte ignoriert)
  • Argentinien vs Ägypten (Elfer): VAR greift nicht ein – Shirt-Pull im Strafraum nicht geprüft. (Messlatte hoch)

Die Messlatte ist nicht konsistent. Sie ist selektiv. Und das ist das Problem: Wenn die Messlatte subjektiv ist, dann ist die Anwendung nicht vorhersehbar – und nicht überprüfbar.

Quelle: BBC Sport, sportexpress.io

3. Subjektive Entscheidungen werden nicht korrigiert

Collina will, dass der VAR nur bei „clear and obvious errors" eingreift. Aber was ist ein „clear and obvious error"?

  • Deutschland vs Belgien (Gruppenspiel): Alexandar Pavlovic's hohe Klinge trifft Pedro Vite am Kopf. Schiedsrichterin Tori Penso lässt das Tor gelten. VAR greift nicht ein.

Joe Hart (Ex-Manchester-City-Torwart, MOTD): „Jeder einzelne Spieler, der diese WM jetzt schaut, würde diese Szene sehen und sofort sagen: Das ist Gefährdung eines Gegners, das ist ein hoher Fuß, das ist ein Foul."

Ellen White (Ex-England-Spielerin): „Ich bin schockiert, dass es nicht überprüft und nicht aberkannt wurde."

Aber nach Collinas Philosophie: War es ein „clear and obvious error"? Wenn der Schiedsrichter es live nicht als Foul sah, und der VAR es nicht als eindeutig genug einschätzte – dann bleibt es stehen. Auch wenn es falsch ist.

Quelle: BBC Sport

4. Die „Premier League"-Illusion

Collina will die WM wie die Premier League pfeifen lassen. Die Premier League hat den niedrigsten VAR-Eingriffssatz in Europa (0,29/Spiel). Die WM 2026 liegt nah dran (0,28-0,33). Das klingt gut.

Aber die Premier League hat 380 Spiele mit denselben Schiedsrichtern über eine ganze Saison. Die WM hat 104 Spiele mit 30 verschiedenen VAR-Offiziellen aus aller Welt über wenige Wochen. Konsistenz ist hier viel schwerer zu erreichen.

Howard Webb, Premier-League-Schiedsrichterchef, hat eine ähnliche Philosophie wie Collina. Aber Webb hat 380 Spiele, um sie umzusetzen. Collina hat wenige Wochen. Und die Schiedsrichter kommen aus unterschiedlichen Traditionen, Ligen und Auslegungen.

Quelle: BBC Sport

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Collinas Verteidigung

Nach den Kontroversen um Argentinien vs Ägypten und die Balogun-Affäre verteidigte Collina die Schiedsrichter öffentlich:

„Niemand kann die Integrität der WM-Schiedsrichter in Frage stellen. Wenn das passiert, kann es Reaktionen auslösen, die zu Bedrohungen gegen sie und ihre Familien führen. Das ist nicht richtig."
„Ebenso kann niemand behaupten, dass die FIFA-Schiedsrichterei von irgendjemandem beeinflusst werden kann, nicht einmal vom FIFA-Präsidenten."

Zu dem aberkannten ägyptischen Tor:

„Es gibt keine definierte Grenze, was die Entfernung zum Tor oder die Zeit zwischen dem Vorfall und dem Tor betrifft, wenn der VAR prüft, ob ein Foul zum Angriffsbesitz führte."

Zu dem nicht gegebenen Elfer für Ägypten:

„Das Gewinnen des Balls durch Alvarez war ein Beispiel für eine Szene, in der der Schiedsrichter und VAR richtig gehandelt haben, indem sie nicht eingriffen."
„Natürlich wird es immer ein Element der Subjektivität bei einigen Entscheidungen geben, aber wir sind zufrieden damit, wie dieses Prinzip während des Turniers angewendet wurde."

Quelle: USA Today

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Das Problem mit Collinas Verteidigung

Collina sagt: „Subjektivität ist unvermeidlich." Das stimmt. Aber Subjektivität ohne Konsistenz ist Willkür. Und Willkür, die einseitig fällt, erzeugt den Eindruck von Bias.

Collina sagt: „Niemand kann die Integrität in Frage stellen." Aber Integrität ist nicht nur die Abwesenheit von Korruption. Integrität ist auch die Fähigkeit, Fehler zuzugeben und Konsequenzen zu ziehen. Die FIFA hat beim Messi-Tritt Fehler zugegeben und sanktioniert. Bei Guzman? Keine Konsequenzen. Bei Evans? Freispruch. Bei Tantashev? Keine Konsequenzen.

Collina sagt: „Wir sind zufrieden mit der Anwendung." Das ist das Problem. Wenn der Schiedsrichterchef zufrieden ist, während Spieler weinen, Trainer von „Marketing-Unterstützung" sprechen und Millionen von Fans „Rigged" rufen – dann ist die Zufriedenheit Teil des Problems.

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Keith Hackett's Kritik

Keith Hackett, ehemaliger Premier-League-Schiedsrichter und ehemaliger Leiter der PGMOL:

„Hat die FIFA durch ihren Direktor für Schiedsrichter, Pierluigi Collina, in den Pre-Turnier-Workshops die Messlatte für VAR-Eingriffe zu hoch gesetzt?"
„Nach meiner Meinung ist der Standard, der von den VAR-Teams erwartet wird, nicht dort, wo er für das prestigeträchtigste Turnier der Welt sein sollte."

Quelle: Flashscore

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Die Bilanz

Collinas Philosophie hat eine torreiche, flüssige WM produziert. Das ist ein Erfolg. Aber sie hat auch eine WM produziert, bei der:

  • Brutalität toleriert wird (Tantashev/Paraguay)
  • Klare Fouls nicht geahndet werden (Messi-Tritt, Ghana-Elfer)
  • VAR inkonsistent eingreift (Deutschland vs Ägypten vs England)
  • Subjektive Entscheidungen nicht korrigiert werden (Pavlovic high boot)
  • Die Messlatte für Eingriffe so hoch liegt, dass Fehler durchrutschen
  • Schiedsrichter die Philosophie als Freifahrtschein für Nicht-Entscheidungen interpretieren

Die Philosophie ist nicht falsch. Aber ihre Anwendung ist gescheitert. Und wenn die Anwendung gescheitert ist, während die FIFA „zufrieden" ist, dann ist das nicht mehr eine Frage der Philosophie – es ist eine Frage der Verantwortung.


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