Zurück zum Blog

Sport & Macht09. Juli 2026ca. 12 Min. Lesezeit

WM 2026: Collinas Philosophie – Wenn 'Laufen lassen' zum Problem wird

Die Direktive, die die WM 2026 unbrauchbar machte

wm2026collinafifaschiedsrichtervarstatistikenphilosophiemanipulation
Staged photo of an association football referee (Tadeáš Bednarz) of the Football Assocition of the Czech Republic (FAČR)

Pierluigi Collina ist eine Legende, der charismatischste Schiedsrichter der Fußballgeschichte, bekannt für seinen intensiven Blick und seine autoritäre Präsenz. Heute ist er FIFA-Schiedsrichterchef und verantwortlich für die Ausrichtung der Unparteiischen bei der WM 2026. Seine Philosophie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Laufen lassen, denn Kontakt ist Teil des Spiels und nicht jedes Foul ist wirklich eines.

01 / 07

Die Philosophie

WM 2026: Collinas Philosophie, wenn 'Laufen lassen' zum Problem wird, Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Sport & Macht

Collina hat vor der WM 2026 eine klare Direktive ausgegeben:

„Fußball ist ein Kontaktsport. Nicht jeder Kontakt ist ein Foul. Ich will flüssige Spiele auf hohem Tempo sehen."

Die Direktive hat zwei Dimensionen. Auf dem Platz sollen Schiedsrichter weniger pfeifen, trifling fouls ignorieren und den Spielfluss priorisieren. Beim VAR gilt: Wenn der Schiedsrichter mehr laufen lässt, muss der VAR weniger eingreifen. Beide Balken müssen sich bewegen.

Collina will Konsistenz: Wenn du auf dem Platz mehr zulässt, musst du auch beim VAR mehr zulassen. Das klingt logisch, führt in der Praxis aber zu einem Problem. Die Grenze zwischen „laufen lassen" und „ignorieren" ist subjektiv, und wenn Schiedsrichter sie falsch ziehen, gibt es keine Korrektur, weil der VAR auch nicht eingreift. Diese Einschätzung stützt sich auf Berichte von BBC Sport, Free Malaysia Today und Business Times.

02 / 07

Die Statistiken, was die Zahlen sagen

Fouls pro Spiel

TurnierFouls/Spiel
WM 201829,3
WM 202227,7
WM 202624,3

Ein Rückgang von 5 Fouls pro Spiel gegenüber 2018. Das ist Collinas Philosophie in Zahlen.

Gelbe Karten pro Spiel

Die WM 2026 hat 2,4 Gelbe Karten pro Spiel, unter dem Niveau jeder früheren WM oder großen Wettbewerbs.

Tore pro Spiel

Die Gruppenphase der WM 2026 ist die torreichste der Moderne: 2,95 Tore pro Spiel, Rekord seit Brasilien 2014 (2,83).

VAR-Eingriffe pro Spiel

WettbewerbVAR-Eingriffe/SpielSubjektive Reviews/Spiel
Premier League 2025/260,290,15
WM 20260,28-0,330,15-0,17
WM 2022 (Katar)0,41k.A.
Champions League0,470,36

Die WM 2026 liegt nah an der Premier League, die den niedrigsten VAR-Eingriffssatz in Europa hat. Das ist Collinas Ziel: minimale Intervention, maximaler Flow. Die Zahlen stammen aus BBC Sport, NetSI Sport/Northeastern University und Free Malaysia Today.

03 / 07

Die Kehrseite, was die Zahlen verschweigen

Die Statistiken sehen gut aus: weniger Fouls, weniger Karten, mehr Tore, weniger VAR-Eingriffe. Aber sie verschweigen, was nicht in Zahlen erscheint.

Brutalität ohne Konsequenzen

Im Achtelfinale zwischen Frankreich und Paraguay spielte Paraguay mit Schlägen, Tritten und Provokationen. Matias Galarza schlug Kylian Mbappé im Laufduell, und Schiedsrichter Ilgiz Tantashev (Usbekistan) ahndete nichts. Keine Gelben Karten für Paraguay.

Patrick Ittrich (MagentaTV): „Das war die schlechteste Leistung bei dieser WM."

Collinas Philosophie sagt: „Laufen lassen." Aber Tantashev interpretierte das als „alles durchgehen lassen", und der VAR griff nicht ein, weil die Messlatte für Eingriffe so hoch liegt. Berichtet wurde davon unter anderem bei ZDF, Sky Sport und der Süddeutschen Zeitung.

Inkonsistenz bei VAR-Eingriffen

Die Philosophie sagt: „Weniger Eingriffe, höhere Messlatte." Aber in der Praxis führt das zu Inkonsistenz. Bei Deutschland gegen Paraguay greift der VAR ein und erkennt ein Tor ab, die Messlatte ist niedrig. Bei Ägypten gegen Argentinien passiert dasselbe, wieder eine niedrige Messlatte. Bei England gegen Ghana greift der VAR nicht ein, ein klarer Elfer wird nicht gegeben, die Messlatte ist hoch. Bei Frankreich gegen Senegal empfiehlt der VAR ein Review, der Schiedsrichter bleibt aber bei seiner Meinung, die Messlatte wird ignoriert. Bei Argentinien gegen Ägypten im Elferkontext greift der VAR nicht ein, ein Shirt-Pull im Strafraum wird nicht geprüft, die Messlatte ist wieder hoch.

Die Messlatte ist nicht konsistent, sie ist selektiv. Und genau darin liegt das Problem: Wenn die Messlatte subjektiv ist, dann ist die Anwendung nicht vorhersehbar und nicht überprüfbar. Belegt ist diese Inkonsistenz durch Analysen von BBC Sport und sportexpress.io.

Subjektive Entscheidungen werden nicht korrigiert

Collina will, dass der VAR nur bei „clear and obvious errors" eingreift. Aber was ist ein „clear and obvious error"?

Bei Deutschland gegen Belgien in der Gruppenphase traf Alexandar Pavlovics hohe Klinge Pedro Vite am Kopf. Schiedsrichterin Tori Penso lässt das Tor gelten. Der VAR greift nicht ein.

Joe Hart (Ex-Manchester-City-Torwart, MOTD): „Jeder einzelne Spieler, der diese WM jetzt schaut, würde diese Szene sehen und sofort sagen: Das ist Gefährdung eines Gegners, das ist ein hoher Fuß, das ist ein Foul."

Ellen White (Ex-England-Spielerin): „Ich bin schockiert, dass es nicht überprüft und nicht aberkannt wurde."

Aber nach Collinas Philosophie: War es ein „clear and obvious error"? Wenn der Schiedsrichter es live nicht als Foul sah und der VAR es nicht als eindeutig genug einschätzte, dann bleibt es stehen, auch wenn es falsch ist. Die Szene wurde ausführlich von BBC Sport dokumentiert.

Die „Premier League"-Illusion

Collina will die WM wie die Premier League pfeifen lassen. Die Premier League hat den niedrigsten VAR-Eingriffssatz in Europa (0,29/Spiel). Die WM 2026 liegt nah dran (0,28-0,33). Das klingt gut.

Aber die Premier League hat 380 Spiele mit denselben Schiedsrichtern über eine ganze Saison. Die WM hat 104 Spiele mit 30 verschiedenen VAR-Offiziellen aus aller Welt über wenige Wochen. Konsistenz ist hier viel schwerer zu erreichen.

Howard Webb, Premier-League-Schiedsrichterchef, hat eine ähnliche Philosophie wie Collina. Aber Webb hat 380 Spiele, um sie umzusetzen, während Collina wenige Wochen hat. Dazu kommen Schiedsrichter aus unterschiedlichen Traditionen, Ligen und Auslegungen. Auch diese Einschätzung speist sich aus Berichten von BBC Sport.

04 / 07

Collinas Verteidigung

Nach den Kontroversen um Argentinien vs Ägypten und die Balogun-Affäre verteidigte Collina die Schiedsrichter öffentlich:

„Niemand kann die Integrität der WM-Schiedsrichter in Frage stellen. Wenn das passiert, kann es Reaktionen auslösen, die zu Bedrohungen gegen sie und ihre Familien führen. Das ist nicht richtig."
„Ebenso kann niemand behaupten, dass die FIFA-Schiedsrichterei von irgendjemandem beeinflusst werden kann, nicht einmal vom FIFA-Präsidenten."

Zu dem aberkannten ägyptischen Tor:

„Es gibt keine definierte Grenze, was die Entfernung zum Tor oder die Zeit zwischen dem Vorfall und dem Tor betrifft, wenn der VAR prüft, ob ein Foul zum Angriffsbesitz führte."

Zu dem nicht gegebenen Elfer für Ägypten:

„Das Gewinnen des Balls durch Alvarez war ein Beispiel für eine Szene, in der der Schiedsrichter und VAR richtig gehandelt haben, indem sie nicht eingriffen."
„Natürlich wird es immer ein Element der Subjektivität bei einigen Entscheidungen geben, aber wir sind zufrieden damit, wie dieses Prinzip während des Turniers angewendet wurde."

Diese Statements wurden von USA Today überliefert.

05 / 07

Das Problem mit Collinas Verteidigung

Collina sagt: „Subjektivität ist unvermeidlich." Das stimmt. Aber Subjektivität ohne Konsistenz ist Willkür. Und Willkür, die einseitig fällt, erzeugt den Eindruck von Bias.

Collina sagt: „Niemand kann die Integrität in Frage stellen." Aber Integrität ist nicht nur die Abwesenheit von Korruption. Integrität ist auch die Fähigkeit, Fehler zuzugeben und Konsequenzen zu ziehen. Die FIFA hat beim Messi-Tritt Fehler zugegeben und sanktioniert. Bei Guzman? Keine Konsequenzen. Bei Evans? Freispruch. Bei Tantashev? Keine Konsequenzen.

Collina sagt: „Wir sind zufrieden mit der Anwendung." Das ist das Problem. Wenn der Schiedsrichterchef zufrieden ist, während Spieler weinen, Trainer von „Marketing-Unterstützung" sprechen und Millionen von Fans „Rigged" rufen, dann ist die Zufriedenheit Teil des Problems.

06 / 07

Keith Hackett's Kritik

Keith Hackett, ehemaliger Premier-League-Schiedsrichter und ehemaliger Leiter der PGMOL, formuliert seine Kritik so:

„Hat die FIFA durch ihren Direktor für Schiedsrichter, Pierluigi Collina, in den Pre-Turnier-Workshops die Messlatte für VAR-Eingriffe zu hoch gesetzt?"
„Nach meiner Meinung ist der Standard, der von den VAR-Teams erwartet wird, nicht dort, wo er für das prestigeträchtigste Turnier der Welt sein sollte."

Hacktts Kritik erschien auf Flashscore.

WM 2026: Collinas Philosophie, wenn 'Laufen lassen' zum Problem wird, Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Sport & Macht

07 / 07

Die Bilanz

Collinas Philosophie hat eine torreiche, flüssige WM produziert, und das ist ein Erfolg. Aber sie hat auch eine WM produziert, bei der Brutalität toleriert wird wie bei Tantashev im Paraguay-Spiel, bei der klare Fouls nicht geahndet werden wie beim Messi-Tritt oder dem Ghana-Elfer, bei der der VAR inkonsistent eingreift je nachdem, welches Spiel gerade läuft. Subjektive Entscheidungen werden nicht korrigiert wie beim Pavlovic high boot, die Messlatte für Eingriffe liegt so hoch, dass Fehler durchrutschen, und Schiedsrichter interpretieren die Philosophie als Freifahrtschein für Nicht-Entscheidungen.

Die Philosophie ist nicht falsch. Aber ihre Anwendung ist gescheitert. Und wenn die Anwendung gescheitert ist, während die FIFA „zufrieden" ist, dann ist das nicht mehr eine Frage der Philosophie. Es ist eine Frage der Verantwortung.


Weiterlesen: Teil 1: Überblick, Das Muster der WM 2026, Teil 4: VAR-Skandale, Deutschland, Kroatien, Brasilien, Teil 8: Social-Media-Analyse, Die digitale Revolte, Teil 7: Fazit, Systemischer Betrug oder Zufall?

Vertiefung in der Chronik

Zitat-DatenbankPersonen-Profile
Σ

Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

Über den AutorRedaktionsrichtlinien

Als Nächstes lesen

WM 2026: Argentinien-Privilegien – Der Messi-Bias

Messi-Tritt ohne Karte, aberkanntes ägyptisches Tor, ignorierte Regeln zugunsten Argentiniens – die WM 2026 zeigt ein Muster, bei dem die Einseitigkeit der Entscheidungen nicht mehr als Zufall erklärbar ist. Eine detaillierte Fallanalyse mit allen Zahlen, Daten und Expertenstimmen.

Weiter

Verwandte und ähnliche Artikel

Mehr zum Thema

Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.

Alle Artikel
Referee Yusri Rudolf officiates a Canadian Premier League (CPL) soccer match between HFX Wanderers FC and York United at Wanderers Grounds in Halifax,

WM 2026: Argentinien-Privilegien – Der Messi-Bias

Fünf Vorfälle, eine Richtung – wie Argentinien bei der WM 2026 profitierte

Lesen
Staged photo of an association football referee (Tadeáš Bednarz) of the Football Assocition of the Czech Republic (FAČR)

WM 2026: Das Muster der Manipulation

Wenn die Einseitigkeit zum System wird

Lesen
Staged photo of an association football referee (Tadeáš Bednarz) of the Football Assocition of the Czech Republic (FAČR)

WM 2026: VAR-Skandale – Deutschland, Kroatien, Brasilien

Die Technologie, die Gerechtigkeit bringen sollte – und das Gegenteil bewirkte

Lesen
Soccer Football Chief Referee at Hanazono Rugby Stadium

WM 2026: Der all-argentinische Schiri-Skandal – Frankreich vs Marokko

Wenn der Schiedsrichter aus dem Land des Konkurrenten kommt

Lesen

Zum Weiterdenken

Was bleibt offen?

Wenn 'Laufen lassen' zu weniger Fouls aber mehr Brutalität führt – ist die Philosophie dann erfolgreich oder gescheitert?

Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.

Diskussion

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste.

Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.

Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.

Login Kit · user.info.basic