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Sport & Macht15. Juli 2026ca. 9 Min. Lesezeit

Die 'Mistaken Identity'-Regel: Wie eine neue VAR-Vorschrift die Schweiz ausschaltete

Eine neue VAR-Regel, die vor der WM eingeführt wurde, schickte Breel Embolo vom Platz. Die Schweiz war 67 Minuten in Unterzahl. Argentinien profitierte erneut.

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Die FIFA führte vor der WM 2026 eine neue VAR-Regel ein: 'Mistaken Identity'. Im Viertelfinale Schweiz gegen Argentinien wurde sie erstmals angewendet – und schickte Breel Embolo mit einer zweiten Gelben Karte vom Platz. Trainer Yakin: 'This rule destroyed the game.'

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Warum das jetzt zählt

!Die 'Mistaken Identity'-Regel: Wie eine neue VAR-Vorschrift die Schweiz ausschaltete – Kontextbild (externer Link, öffnet in neuem Tab)

Am 12. Juli 2026, Viertelfinale der WM 2026, stand Argentinien gegen die Schweiz in Kansas City. Es war ein Spiel, das bis zur 67. Minute torlos und weitgehend ereignislos verlief. Dann kam die 67. Minute: Dan Ndoye erzielte das 0:1 für die Schweiz. Fünf Minuten später war Breel Embolo vom Platz. Nicht wegen eines brutalen Fouls. Nicht wegen einer Tätlichkeit. Wegen einer neuen VAR-Regel, die es vor dieser WM nicht gab. Quelle: The Guardian – Switzerland hit out at VAR (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Die Regel heißt «Mistaken Identity». Sie erlaubt VAR, eine gelbe Karte von einem Spieler auf einen anderen zu übertragen, wenn der Schiedsrichter den falschen Spieler bestraft hat. In diesem Fall: Der Schiedsrichter zeigte Argentinien Leandro Paredes eine gelbe Karte für ein spätes Einsteigen gegen Embolo. VAR überprüfte die Szene und kam zu dem Schluss: Nicht Paredes hat gefoult, sondern Embolo hat simuliert. Die Karte wurde von Paredes auf Embolo übertragen. Embolo hatte bereits eine gelbe Karte aus der ersten Halbzeit. Zweite Gelbe. Rot. Schweiz 67 Minuten in Unterzahl. Argentinien gewann 3:1 nach Verlängerung. Quelle: ESPN – World Cup VAR review (externer Link, öffnet in neuem Tab). Quelle: Al Jazeera – Mistaken identity red card (externer Link, öffnet in neuem Tab).

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Der belastbare Stand

Die Szene in der 72. Minute: Paredes springt in den Zweikampf gegen Embolo. Der portugiesische Schiedsrichter João Pinheiro zeigt Paredes die gelbe Karte. VAR Guillermo Pacheco Larios empfiehlt einen Review. Die Wiederholungen zeigen: Embolo beginnt seinen Fall, bevor Paredes den Kontakt herstellt. Pinheiro geht an den Bildschirm. Er kehrt zurück. Er nimmt Paredes die Karte. Er gibt Embolo die Karte. Für Simulation. Embolo hatte in der ersten Halbzeit eine gelbe Karte für ein Foul an Paredes gesehen. Zweite Gelbe. Rote Karte. Quelle: The Guardian (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Die Regel besagt: «If the referee penalizes an offence but has clearly misidentified the player who committed that offence, only the identity of the offender can be reviewed.» VAR kann nicht eine gelbe Karte für Simulation empfehlen. VAR kann nur die Identität des bestraften Spielers korrigieren. Die Ironie: Hätte Pinheiro Paredes keine Karte gezeigt, hätte VAR nicht eingreifen können. Die Karte gegen Paredes war der Auslöser für den Eingriff, der Embolo vom Platz schickte. Quelle: ESPN (externer Link, öffnet in neuem Tab).

ESPNs Schiedsrichter-Experte kam zu dem Schluss: «Embolo has only himself to blame as this was a clear attempt to deceive the referee.» Aber er fügte hinzu: «There has been precedent set in this World Cup in how this new law is interpreted and applied, as we saw a similar situation in the United States vs. Paraguay match.» Quelle: ESPN (externer Link, öffnet in neuem Tab).

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Die öffentliche Lesart

Schweiz-Trainer Murat Yakin sagte nach dem Spiel: «It's completely not understandable. I know that they will protect their referee but this rule destroyed the game today.» Und: «It was decisive for the entire outcome of the match.» Quelle: The Guardian (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Schweiz-Mittelfeldspieler Remo Freuler sagte: «It's just a disaster. I don't know what the referee is doing here. I don't understand why they call him for a situation like this, because there are many fouls like this in the first half. Maybe he has to call them for a yellow card too. How can a VAR change a game with this situation?» Quelle: The Guardian (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Schweiz-Kapitän Granit Xhaka sagte: «The rules are the rules, and we can't change the rules, but it's a decision where you kill the game.» Quelle: NYT Athletic (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Embolo selbst brach in Tränen aus und musste von Teamkollegen durch den Tunnel in die Kabine begleitet werden. Yakin sagte: «He is shattered. He couldn't help the team today. It hurts us and it hurts him. It was a referee mistake.» Quelle: The Guardian (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Die Athletic bewertete die Kontroverse mit 2/10 – deutlich niedriger als die Ägypten-Szenen (9/10). Die Begründung: Die Regel wurde korrekt angewendet. Embolo hat simuliert. Das ist nach den Regeln eine gelbe Karte. Aber die Bewertung übersieht die Frage, die zählt: Sollte eine Simulation im Mittelfeld, die nicht zu einem Elfmeter führt, nicht zu einem Tor führt und nicht in der Nähe des Strafraums stattfindet, einen Spieler vom Platz schicken? Ist das das Verhältnis, das der Gesetzgeber wollte? Quelle: NYT Athletic (externer Link, öffnet in neuem Tab).

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Die Logik darunter

Die «Mistaken Identity»-Regel ist neu. Sie wurde vor der WM 2026 eingeführt. Ihr erstes großes Testfeld war das Eröffnungsspiel USA gegen Paraguay, wo Tim Ream eine gelbe Karte zurückbekam und Miguel Almirón sie stattdessen für Simulation erhielt. Ihr zweiter Test war das Viertelfinale. Und wieder profitierte Argentinien.

Das ist das Muster. Eine neue Regel wird eingeführt. Sie wird in einem Spiel angewendet, das Argentinien nicht betrifft. Dann wird sie in einem Spiel angewendet, das Argentinien betrifft. Und in dem Spiel, das Argentinien betrifft, fällt die Entscheidung zugunsten Argentiniens.

Man kann das Zufall nennen. Man kann sagen, die Regel wurde korrekt angewendet. Aber die Frage ist nicht, ob die Regel korrekt angewendet wurde. Die Frage ist, ob die Regel so angewendet werden sollte, dass sie den Ausgang eines Viertelfinales bestimmt. Yakin sagte: «This rule destroyed the game.» Xhaka sagte: «You kill the game.» Das ist die Stimme derer, die auf dem Platz standen. Die die Konsequenz der Regel am eigenen Leib erfuhren.

Die FIFA schreibt die Regeln. Dann wendet sie die Regeln an. Dann verändert eine Regel den Ausgang eines Spiels. Und die FIFA sagt: Die Regeln sind die Regeln. Das stimmt. Aber wer die Regeln schreibt, bestimmt, wer profitiert.

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Der faire Einwand

Embolo hat simuliert. Das zeigen die Wiederholungen eindeutig. Er beginnt seinen Fall, bevor Paredes den Kontakt herstellt. Das ist eine gelbe Karte nach den Regeln. VAR hat die richtige Entscheidung getroffen: Die Karte gehörte zu Embolo, nicht zu Paredes.

Man kann auch argumentieren, dass die Regel an sich sinnvoll ist. Wenn der Schiedsrichter den falschen Spieler bestraft, sollte das korrigiert werden. Das ist fair. Das ist gerecht. Das ist das, was VAR soll: Fehler korrigieren.

Das Problem ist nicht die Korrektur. Das Problem ist die Konsequenz. Embolo hatte bereits eine gelbe Karte. Die Korrektur führte zu einer roten Karte. Die rote Karte führte zu 67 Minuten Unterzahl. Die Unterzahl führte zu einem argentinischen Sieg. Eine Simulation im Mittelfeld, die nicht zu einem Tor führte, nicht zu einem Elfmeter führte und nicht in der Nähe des Strafraums stattfand, entschied ein Viertelfinale. Das ist nicht das Verhältnis zwischen Vergehen und Strafe, das der Gesetzgeber im Sinn hatte. Oder doch?

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Was daraus folgt

Die «Mistaken Identity»-Regel ist ein weiterer Baustein in einem Muster. Bei der WM 2026 profitierte Argentinien in drei aufeinanderfolgenden Spielen von VAR-Entscheidungen: Gegen Algerien (Messis Tritt ohne Karte), gegen Ägypten (aberkanntes Tor), gegen die Schweiz (Embolos rote Karte). In jedem Fall war die Entscheidung formal korrekt oder wurde als korrekt verteidigt. In jedem Fall profitierte Argentinien. In keinem Fall profitierte der Gegner.

Das ist die Architektur. Nicht die einzelne Entscheidung ist das Problem. Die Häufung ist das Problem. Die Tatsache, dass eine neue Regel, die vor der WM eingeführt wurde, in ihrem ersten großen Einsatz ein Viertelfinale entscheidet – zugunsten des Titelverteidigers. Die Tatsache, dass VAR in drei Spielen Argentiniens eingreift und jedes Mal zugunsten Argentiniens. Die Tatsache, dass die FIFA die Regel so geschrieben hat, dass sie genau diesen Eingriff erlaubt.

Eine Simulation im Mittelfeld schickt einen Spieler vom Platz. 67 Minuten Unterzahl. Ein Viertelfinale entschieden. Die FIFA nennt das Regelkonformität. Die Schweiz nennt es: killed the game.

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Der Punkt, der bleibt

Die «Mistaken Identity»-Regel zeigt, wie die FIFA das Werkzeug VAR erweitert. Was als Korrektur offensichtlicher Fehler gedacht war, wird zum Instrument, das den Ausgang von Spielen bestimmt. Die Frage ist nicht, ob die Regel korrekt angewendet wurde. Die Frage ist, ob eine Regel, die eine Simulation im Mittelfeld mit einem Platzverweis bestraft, weil der Spieler eine vorherige gelbe Karte hatte, das Verhältnis wahrt, das Fußballregeln wahren sollen. Die Schweiz sagt: Nein. Die FIFA sagt: Die Regeln sind die Regeln. Und das ist der Punkt, der bleibt: Wer die Regeln schreibt, braucht sie nicht zu erklären.

Weiterführend: Die VAR-Skandale Deutschland und Brasilien zeigen, wie VAR in anderen Spielen versagte. Die Sensoren und Kabel-Paradoxa analysieren die technologische Inkonsistenz. Der Überblick über das Muster verbindet alle Skandale.

Die Leseprobe zeigt dir den Ton. Der Vergleich zeigt dir die Tiefe.

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