Geschichte03. August 2026ca. 9 Min. Lesezeit
Der Untergang: Serbien, die Juden und der Holocaust 1941–1944
Im Mai 1942 erklärte die deutsche Besatzungsmacht Serbien für „judenfrei". Was zwischen der Balfour-Unterstützung 1917 und diesem Mai 1942 geschah, ist eine der bittersten Geschichten der europäischen Geschichte.
Wer die Geschichte Serbiens und des Zionismus erzählt, kommt an einem Datum nicht vorbei: dem Mai 1942. In diesem Monat erklärte die deutsche Besatzungsmacht Serbien für „judenfrei". Das Land, das 1917 als erstes der Welt die Balfour-Deklaration unterstützt hatte, das einen jüdischen Oberrabbiner in seinen Senat berief und in dem der Zionismus frei wirken konnte, war innerhalb weniger Monate seiner jüdischen Bevölkerung beraubt. Was zwischen 1917 und 1942 geschah, ist nicht nur eine deutsche Tat. Es ist auch eine serbische Geschichte, und sie verdient es, ohne Beschönigung erzählt zu werden.
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Der Einmarsch und das Ende des liberalen Jugoslawien
Am 6. April 1941 bombardierte die deutsche Luftwaffe Belgrade. Innerhalb von elf Tagen kapitulierte das Königreich Jugoslawien. König Peter II. floh ins Exil, das Land wurde zerschlagen: Kroatien wurde ein faschistischer Vasallenstaat unter Ante Pavelić, die Vojvodina an Ungarn angeschlossen, Kosovo an Italien, Mazedonien an Bulgarien. Serbien selbst kam unter direkte deutsche Militärverwaltung.
Was folgte, war das Ende alles dessen, was die vorherigen zwei Jahrzehnte an jüdisch-serbischer Zusammenarbeit aufgebaut worden war. Die Verfassungen von 1921 und 1931, die den Juden bürgerliche und religiöse Rechte garantiert hatten, waren Makulatur. Das Gesetz über die jüdische Religionsgemeinschaft von 1929, die staatlichen Zuschüsse, die Stellung Isaac Alkalays als Senator, all das existierte nicht mehr. Oberrabbiner Alcalay floh zu Fuß aus Belgrad, gehetzt von der Gestapo, zeitweise im Keller versteckt, während der Breslauer Radio ihn namentlich zur Fahndung ausschrieb.
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Die Rassengesetze und die erste Phase: Erschießungen als „Geisel"
Bereits am 30. Mai 1941 erließ der deutsche Militärbefehlshaber Helmuth Förster die ersten Rassengesetze. Juden und Roma wurden aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, ihr Eigentum beschlagnahmt, sie zur Zwangsarbeit verpflichtet, mit gelben Armbinden markiert. Die jüdische Gemeinde Belgrads, einst stolzes Zentrum des sephardischen Judentums auf dem Balkan, wurde über Nacht kriminalisiert.
Im Sommer 1941 begann der serbische Widerstand. Partisanen unter Tito und četnik-Verbände unter Draža Mihailović griffen deutsche Einheiten an. Die deutsche Antwort war brutal: Für jeden getöteten deutschen Soldaten sollten hundert Zivilisten erschossen werden, für jeden verwundeten fünfzig. Die Geiselerschießungen trafen zunächst scheinbar wahllos die serbische Bevölkerung, doch die deutschen Behörden hatten schnell eine „Logik": Juden und Roma wurden als erste herangezogen, denn sie galten als „überflüssig" und als „kommunistisch". Zwischen Juli und November 1941 erschoss die Wehrmacht die männlichen Juden Serbiens, zusammen mit Roma und serbischen Zivilisten, an Orten wie Jajinci, Jabuka, Deliblato. Die männliche jüdische Bevölkerung Serbiens war damit praktisch ausgelöscht.
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Sajmište: Das Lager für die Frauen und Kinder
Die Frauen, Kinder und Alten, die übrig blieben, brauchten einen Ort. Die Deutschen fanden ihn auf dem Belgrader Messegelände Sajmište, auf dem linken Ufer der Save, formal auf dem Gebiet des Unabhängigen Staates Kroatien, aber de facto unter deutscher Kontrolle. Im Dezember 1941 wurde das Gelände zum Konzentrationslager Judenlager Semlin umgewandelt. Etwa 6.400 jüdische Frauen, Kinder und alte Menschen, dazu rund 600 Roma, wurden dort interniert.
Die Bedingungen waren katastrophal. Die Pavillons hatten keine Heizung, die Insassen krochen durch Gerüste zu ihren Schlafplätzen, Hunger und Kälte forderten bereits hunderte Tote. Doch das war nur der Anfang. Im März 1942 traf ein Saurer-Gaswagen aus Deutschland in Belgrad ein, begleitet von zwei SS-Offizieren. Das Fahrzeug, von den Einheimischen „dušegupka" genannt, hatte einen luftdichten Laderaum, in den die Abgase des Motors geleitet wurden. Wer darin saß, erstickte nach zehn bis fünfzehn Minuten.
Zwischen dem 19. März und dem 10. Mai 1942 wurden Gruppen jüdischer Gefangener aus Sajmište in den Gaswagen verladen, unter dem Vorwand, sie würden in ein anderes Lager verlegt. Der Wagen fuhr durch Belgrad, über die Pontonbrücke, nach Jajinci südlich der Stadt. Dort wurden die Leichen in vorbereiteten Gräbern verscharrt. Insgesamt 6.280 Juden starben auf diese Weise, weitere 1.200 an Hunger und Kälte. Es war einer der frühesten systematischen Einsätze von Gaswagen im Holocaust, und er geschah nicht im Osten, sondern auf dem Balkan, in einer Stadt, in der zwei Jahrzehnte zuvor der Zionismus geblüht hatte.
Im Mai 1942 meldete der deutsche Militärbefehlshaber: Serbien sei „judenfrei". Etwa 18.000 serbische Juden waren ermordet worden. Die jüdische Gemeinde Serbiens, einst 16.000 Menschen stark, war zu sieben Achteln vernichtet.
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Banjica: Das gemeinsame Lager
Neben Sajmište existierte das Konzentrationslager Banjica in Belgrad, eröffnet im Juli 1941. Banjica war formal unter deutscher und serbischer gemeinsamer Verwaltung, mit dem Gestapo-Offizier Willy Friedrich auf der deutschen und dem serbischen Polizeibeamten Svetozar Vujković auf der serbischen Seite. Die eigentliche Macht lag bei der Gestapo, doch die serbische Sonderpolizei, insbesondere die Abteilung VII für Juden und Roma, war aktiv an der Verfolgung beteiligt.
Banjica war nicht primär ein Judenlager, sondern ein Lager für alle Opponenten des Besatzungsregimes: Partisanen, Četniks, Kommunisten, Serben, Juden, Roma. Etwa 23.700 Menschen durchliefen das Lager, mindestens 3.849 starben. Doch die Beteiligung serbischer Beamter an der Verfolgung der Juden, die Mithilfe bei der Registrierung, bei der Festnahme, bei der Bewachung, ist ein Teil der Geschichte, der in der serbischen Erinnerungskultur lange verdrängt wurde.
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Milan Nedić und Dimitrije Ljotić: Die serbischen Kollaborateure
Die deutsche Besatzung brauchte eine einheimische Verwaltung. Zunächst wurde Milan Aćimović als Chef einer Kommissarsregierung installiert, ab August 1941 dann General Milan Nedić, ehemaliger Generalstabschef der jugoslawischen Armee, als Ministerpräsident der sogenannten „Regierung der nationalen Rettung". Nedić war kein Faschist im strengen Sinne, sondern ein konservativer General, der glaubte, durch Zusammenarbeit das Schlimmste abwenden zu können. Doch seine Polizei half bei der Festnahme der Juden, seine Verwaltung registrierte sie, seine Propaganda schwieg zu ihrem Schicksal.
Radikaler war Dimitrije Ljotić, der Führer der Bewegung Zbor. Ljotić war ein überzeugter Antisemit, der den Juden die Schuld am Weltkrieg gab und ihre Vernichtung billigend in Kauf nahm, wenn nicht förderte. Zbor war die einzige politische Bewegung, die unter der Besatzung legal arbeiten durfte, und Ljotićs Serbian Volunteer Corps kämpfte an der Seite der Deutschen gegen die Partisanen. Ljotić blieb bis zu seinem Tod 1945 bei seinem Antisemitismus. In der serbischen Geschichtsschreibung ist er eine der umstrittensten Figuren: ein Serbe, der die Vernichtung seiner jüdischen Mitbürger nicht nur duldete, sondern ideologisch unterstützte.
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Die Rettung: Partisanen, serbische Bauern und Yad Vashem
Doch die Geschichte hat auch eine andere Seite. Nicht alle Serben standen auf der Seite der Besatzer. Die kommunistischen Partisanen unter Josip Broz Tito retteten Juden, nicht aus abstrakter Ethik, sondern weil ihre politische Vision eines sozialistischen Jugoslawien die Juden als Teil der Gesellschaft begriff. Im Herbst 1943 evakuierten die Partisanen etwa 2.500 Juden aus dem ehemaligen italienischen Lager auf der Insel Rab ins kroatische Hinterland. Die meisten von ihnen überlebten den Krieg, viele kämpften in den Reihen der Partisanen.
Auch einzelne Serben versteckten jüdische Nachbarn, fälschten Papiere, verschafften Fluchtwege. Bis 2019 wurden 139 Serben von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern" anerkannt, eine Zahl, die hinter der Polens oder der Niederlande steht, aber doch belegt, dass es Widerstand gab, dass es Menschlichkeit gab, auch im Schatten der Vernichtung.
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Das Paradoxon
Die Geschichte des Holocaust in Serbien ist ein Paradoxon. Das Land, das 1917 als erstes der Welt die jüdische Staatsidee unterstützt hatte, das einen jüdischen Oberrabbiner in seinen Senat berief und in dem der Zionismus frei wirken konnte, wurde 1942 „judenfrei". Die Ursachen sind vielschichtig: die deutsche Besatzungsmacht, die den Mord organisierte und durchführte, die serbischen Kollaborateure, die halfen oder schwiegen, und der Zerfall des liberalen Jugoslawien, der 1941 alles hinwegfegte, was an Rechtsstaatlichkeit und Toleranz aufgebaut worden war.
Wer diese Geschichte erzählt, darf keine Seite auslassen. Nicht die deutsche Tat, nicht die serbische Mitwirkung, nicht die serbische Rettung, nicht das Ende einer Gemeinschaft, die einst als Brücke zwischen Europa und dem Orient gegolten hatte. Die Juden Serbiens waren Sepharden, die seit dem 16. Jahrhundert in Belgrad und Sarajevo gelebt hatten, und Aschkenasim, die im 19. Jahrhundert zugewandert waren. Sie sprachen Ladino, Jiddisch, Serbisch, Deutsch. Sie waren Serben, und sie waren Juden. 1942 waren sie nicht mehr da.
Quellen:
- Wikipedia: „The Holocaust in German-occupied Serbia", „Banjica concentration camp", „Milan Nedić", „Dimitrije Ljotić", „Government of National Salvation"
- Yad Vashem: Dokumentation Sajmište
- Open University Semlin Judenlager: semlin.info
- Cambridge Core: „Your Salvation is the Struggle Against Fascism: Yugoslav Communists and the Rescue of Jews, 1941–1945"
- Holocaust Memorial Center Belgrade: holokaust.arhiv-beograda.org
- JCFA: „The Sajmište Exhibition Grounds in Semlin, Serbia: The Changing of Memory"
- Academia: „A Tangled Tale: The Survival of Serbian Jews during World War II"
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Wie konnte das Land, das 1917 als erstes den Balfour-Plan unterstützte, 1942 „judenfrei" sein?
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