Geschichte03. August 2026ca. 10 Min. Lesezeit
Rabbi Yehuda Alkalai: In Sarajevo geboren, in Zemun erwacht
Bevor Herzl den Zionismus erfand, predigte ein sephardischer Rabbiner in Zemun, dass die Juden nach Palästina zurückkehren müssten.

Wenn heute vom „Vordenker des Zionismus" gesprochen wird, fällt meist der Name Theodor Herzl. Weniger bekannt ist Yehuda ben Shelomo Chai Alkalai (1798–1878), ein sephardischer Rabbiner, der in Sarajevo geboren wurde, in Jerusalem aufwuchs und ab 1825 in Zemun predigte, dem heutigen Belgrader Stadtteil, der damals an der Grenze zwischen dem Habsburger und dem Osmanischen Reich lag. Alkalai war kein Vorläufer im Sinne einer Vorstufe, die erst später relevant wurde. Er war ein eigenständiger Denker, der Jahrzehnte vor Herzl die Idee formulierte, dass die Juden nicht passiv auf den Messias warten, sondern aktiv in das Land Israel zurückkehren sollten. Und er tat es an einem Ort, der alles andere als ein Zentrum der jüdischen Welt war: einer Kleinstadt in der Habsburgischen Militärgrenze, in der Serben, Deutsche, Kroaten, Slowaken, Armenier und Juden zusammenlebten, und in der die serbischen Aufstände gegen die osmanische Herrschaft die Luft nach nationaler Befreiung atmen ließen.
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Von Sarajevo nach Jerusalem und nach Zemun
Alkalai entstammte einer angesehenen sephardischen Rabbinerfamilie. Er wurde 1798 in Sarajevo geboren, einer Stadt, die damals zum Osmanischen Reich gehörte und eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden des Balkans beherbergte. Die Sepharden waren im 16. Jahrhundert nach ihrer Vertreibung aus Spanien ins Osmanische Reich gekommen und hatten sich in Städten wie Sarajevo, Saloniki und Istanbul angesiedelt. Sie sprachen Ladino, eine romanische Sprache, die auf dem Spanischen des 15. Jahrhunderts basierte, und sie pflegten eine eigenständige religiöse und kulturelle Tradition, die sich von der der aschkenasischen Juden Mitteleuropas deutlich unterschied.
Als Kind wurde Alkalai nach Jerusalem geschickt, wo er Kabbala und Talmud studierte. Jerusalem war damals eine kleine, verfallene Stadt im Osmanischen Reich mit wenigen tausend jüdischen Einwohnern, aber für einen frommen Sepharden war es das Zentrum der Welt. Dort lernte er die mystische Tradition kennen, die sein späteres Denken prägen sollte. Er wurde beeinflusst von Rabbi Eliezer Papo, ebenfalls aus Sarajevo, und von Rabbi Judah Bibas aus Korfu, der als einer der ersten die Idee formulierte, dass die Juden selbst nach Palästina zurückkehren sollten, anstatt auf den Messias zu warten.
1825, mit 27 Jahren, wurde Alkalai nach Semlin berufen, dem heutigen Zemun. Die sephardische Gemeinde dort suchte einen Lehrer und Vorleser, und Alkalai, der Hebräisch und Ladino beherrschte, war eine natürliche Wahl. 1851 wurde er ihr Rabbiner. Er sollte dort fast fünf Jahrzehnte bleiben, bis er 1874 nach Jerusalem auswanderte, wo er 1878 starb.
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Zemun: Eine Grenzstadt als Brutkasten
Zemun lag damals in der Habsburgischen Militärgrenze, einem Puffergebiet gegen das Osmanische Reich, das von Wien aus verwaltet wurde. Die Stadt hatte etwa 5.000 Einwohner: Serben, Deutsche, Kroaten, Slowaken, Armenier und Juden. Die jüdische Gemeinde war klein, einige hundert Menschen, aber sie hatte eine eigene Synagoge, einen eigenen Friedhof und eine eigene Gerichtsbarkeit. Die Juden Zemuns waren eine Mischung aus Aschkenasim, die aus den habsburgischen Ländern zugewandert waren, und Sepharden, die vor den Wirren der serbischen Aufstände aus dem Osmanischen Reich geflohen waren.
Die Wahl des Ortes war für Alkalais intellektuelle Entwicklung entscheidend. In den 1810er und 1820er Jahren tobten in der Region die serbischen Aufstände gegen die osmanische Herrschaft. Der erste serbische Aufstand unter Karađorđe (1804–1813) und der zweite unter Miloš Obrenović (1815) führten zur schrittweisen Befreiung Serbiens und zur Gründung eines autonomen Fürstentums. Griechische Nationalbewegungen, die 1821 in der Griechischen Revolution mündeten, zeigten ebenfalls, dass ein unterdrücktes Volk nationale Souveränität zurückgewinnen konnte.
Alkalai übertrug dieses Muster auf die Juden. Wenn Serben und Griechen ihre Unabhängigkeit erkämpfen konnten, warum nicht auch die Juden? Nicht als religiöse Sekte, die auf den Messias wartet, sondern als Nation, die selbst handelt. Das war der Kerngedanke, der ihn von traditionellen rabbinischen Positionen unterschied. Die serbischen Aufstände waren nicht nur ein politisches Ereignis in seiner Nachbarschaft, sie waren das Modell, an dem er seine Theologie der Rückkehr entwickelte.
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Seine Ideen: Mehr als fromme Sehnsucht
Alkalai war kein abstrakter Mystiker, der in seiner Studierstube saß und von der Rückkehr nach Zion träumte. Er war ein praktischer Denker, der konkrete Programme verfasste. Sein erstes Buch, *Darhei No'am* (1839), begann als hebräisches Lehrbuch, aber Alkalai nutzte es, um eine revolutionäre theologische These zu entwickeln. Das hebräische Wort *teshuvah* bedeutet traditionell „Buße" oder „Umkehr" im religiösen Sinne. Alkalai interpretierte es in seiner wörtlichen Bedeutung: *shuvah*, also „Rückkehr", die physische Rückkehr nach Eretz Israel. Das war ein Bruch mit der konventionellen Deutung, die Buße als spirituelle Voraussetzung für die messianische Erlösung verstand. Alkalai sagte: Die Rückkehr selbst ist die Buße.
In *Minchat Yehuda* (1843), veröffentlicht in Wien, pries er Moses Montefiore und Adolphe Crémieux, die britischen und französischen jüdischen Notabeln, die 1840 die Juden von Damaskus nach einer Blutverleumdung gerettet hatten. Die Damaskus-Affäre war für Alkalai ein Schlüsselerlebnis. Einerseits zeigte sie, dass Juden in der Diaspora jederzeit falscher Mordbeschuldigungen ausgesetzt waren. Andererseits zeigte die erfolgreiche Intervention europäischer Mächte zugunsten der Damaskus-Juden, dass internationale Diplomatie wirken konnte, wenn man sie richtig einsetzte.
In *Goral la-Adonai* (1857) schlug er die Gründung einer Aktiengesellschaft vor, die den Sultan überzeugen sollte, Palästina den Juden als tributpflichtiges Gebiet zu überlassen, ähnlich wie die Donaufürstentümer verwaltet wurden. In *Shema Yisrael* (1861/62) entwickelte er diese Ideen weiter. Er forderte die Wiederherstellung des Hebräischen als jüdische Nationalsprache, die Rückkehr der Juden nach Palästina, Landankauf und landwirtschaftliche Arbeit als wirtschaftliche Basis, die Gründung einer „Versammlung jüdischer Notabeln", die vor den Mächten Europas für das jüdische Volk sprechen sollte, und einen Zehnten aus jüdischen Gemeinden weltweit als Finanzierungsinstrument.
Das sind keine vagen frommen Wünsche. Das ist ein politisches Programm, formuliert in der Sprache der rabbinischen Tradition, aber mit dem Inhalt eines modernen Nationalismus. Herzls „Der Judenstaat" von 1896 sollte vier Jahrzehnte später sehr ähnliche Forderungen erheben, nur in säkularer Sprache und mit diplomatischem statt theologischem Vokabular.
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Finanzierung: Ein Zehnt für Palästina
Alkalai selbst lebte oft in bescheidenen Verhältnissen. Er war kein reicher Mann, und seine Gemeinde in Zemun war klein. Aber er reiste jahrzehntelang durch Europa, um Unterstützer zu finden, und gründete kurzlebige Siedlungsgesellschaften wie „Erez Yisrael" in Zemun, Belgrad und Šabac. Sein Hauptfinanzierungsmodell war der Zehnte: jüdische Gemeinden sollten zehn Prozent ihrer Einkünfte für die Rückkehr spenden, analog der biblischen Zehntpflicht, die dem Tempel und den Priestern zustand.
Das Modell scheiterte weitgehend. Die großen jüdischen Gemeinden Westeuropas waren assimilierungsorientiert und sahen keinen Grund, Geld für eine Rückkehr nach Palästina zu spenden. Die osteuropäischen Gemeinden waren arm und hatten genug damit zu tun, das eigene Überleben zu sichern. Doch die Idee eines nationalen Fonds kehrte später im Jewish National Fund (JNF) und Keren Hayesod wieder, zwei Institutionen, die nach Herzls Zeit gegründet wurden und bis heute existieren. Alkalai war seiner Zeit voraus, nicht nur in den Ideen, sondern auch in den Methoden.
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Der Bezug zu Herzl: Eine direkte Verbindung
Herzls Großvater Shimon Leib Herzl war ein enger Anhänger Alkalais. Er besuchte dessen Predigten in Zemun, wurde von ihm vermutlich getraut und vermittelte die Ideen in die Familie. Die jüdische Gemeinde in Zemun war klein, die Synagoge stand in der heutigen Dubrovačka-Straße, und wer fromm war, kam an Alkalai nicht vorbei. Shimon Leib war fromm, und Alkalai war sein Rabbiner. Das ist keine historische Konstruktion, sondern eine geografische und biografische Tatsache.
Ob Theodor Herzl direkt von Alkalai beeinflusst war, ist historisch umstritten. Herzl selbst erwähnt Alkalai in seinen Schriften nicht explizit. Aber die ideologische Nähe und die familiäre Verbindung sind unbestritten. Die World Zionist Organization schreibt Shimon Leib und Rivka Herzl „maßgeblichen Einfluss" auf die Erziehung Theodor Herzls zu. Wenn der Großvater einen Rabbiner hörte, der die Rückkehr nach Palästina predigte, und dieser Großvater das Kind beeinflusste, dann ist die Verbindung da, auch wenn sie sich nicht in einem Zitat nachweisen lässt.
Alkalai starb 1878 in Jerusalem, ein vergessener Mann. Er war 1874 dorthin gezogen, um seine Ideen in die Praxis umzusetzen, aber er fand keine große Bewegung vor. Er wurde auf dem Ölberg begraben. Erst nach der Gründung des modernen Zionismus wurde er als einer seiner ersten Vordenker wiederentdeckt. Heute gilt er neben Zvi Hirsch Kalischer als der wichtigste rabbinische Vorläufer Herzls.
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Fazit
Alkalai war kein „Vor-Herzl" im Sinne einer Vorstufe, die erst im Rückblick Bedeutung erhielt. Er war ein eigenständiger Denker, der politischen Zionismus aus der Beobachtung der Balkan-Nationalismen destillierte. Sein Weg von Sarajevo über Jerusalem nach Zemun zeigt, dass die „Wiege des Zionismus" nicht in Wien oder Basel stand, sondern im Balkan, in einer Grenzstadt zwischen zwei Reichen, in der serbische Aufstände und sephardische Theologie aufeinandertrafen. Dass Herzls Großvater genau in dieser Gemeinde saß, ist eine der historischen Ironien, die die Zionismus-Geschichte komplizierter machen, als es die offizielle Erzählung zulässt.
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Quellen
Wikipedia („Judah ben Solomon Hai Alkalai"), Jewish Virtual Library („Judah Ben Solomon Hai Alkalai"), Jewish Encyclopedia („Alkalai, Judah ben Solomon Hai"), Encyclopedia.com („Alkalai, Judah ben Solomon Hai"), World Mizrachi („Rabbi Yehuda Alkalai, 1798–1878"), The Nutshell Times („Hidden Belgrade (34): Rabbi Alkalai, Zemun and Zionism", 2018), WIRED („Zemun, Serbia: Cradle of Zionism", 2018), MDPI („Staging Proto-Zionism. Jewish Quarter of Zemun, Serbia", 2020), MDPI („The Heralds of Zionism as Theological Revolutionaries", 2021) und Jewish Community Zemun (joz.rs) zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Zemun.
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