Geschichte03. August 2026ca. 10 Min. Lesezeit
Von Sarajevo nach Jerusalem: Was Serbien wirklich mit dem Zionismus verbindet
Vom Sarajevo-Boykott 1492 bis zur Belgrader Exhumierung 2026: Eine balkanische Linie durch die Zionismus-Geschichte, die niemand erzählen wollte.

Die bisherigen Teile dieser Reihe haben ein Mosaik gelegt, das von Sarajevo über Zemun, Wien, Belgrad und Jerusalem bis in die Gegenwart reicht. Es ist Zeit, zurückzutreten und das Gesamtbild zu betrachten. Was verbindet Serbien tatsächlich mit dem Zionismus? Was ist historisch belegt, was ist Interpretation, und was ist Mythos? Die Antwort ist komplexer, als es die gängigen Erzählungen suggerieren, und sie führt zu einem Schluss, der unbequem ist: Die Geschichte des Zionismus ist ohne den Balkan unvollständig.
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Die Anfänge: Sarajevo, Sepharden und das osmanische Exil
Die Geschichte beginnt nicht mit Theodor Herzl, und sie beginnt nicht im 19. Jahrhundert. Sie beginnt 1492, als die katholischen Könige Spaniens, Ferdinand und Isabella, die jüdische Bevölkerung von der Iberischen Halbinsel vertrieben. Das Osmanische Reich unter Sultan Bayezid II. öffnete seine Grenzen und nahm die sephardischen Juden auf. Sie siedelten sich in Saloniki, Istanbul, Edirne und, ab der Mitte des 16. Jahrhunderts, in Sarajevo an. 1565 wurde dort eine sephardische Gemeinde gegründet, 1581 errichtete der osmanische Gouverneur Sijavuš Pasha ein jüdisches Wohnviertel, das sogenannte Kortijo, mit Synagoge und Wohnungen für arme Juden.
Sarajevo wurde zu einem Zentrum sephardischen Lebens auf dem Balkan. Die Juden brachten Ladino mit, die spanische Sprache des 15. Jahrhunderts, die sie über Jahrhunderte bewahrten. Sie betrieben Handel, handwerkliche Produktion, Medizin und Druckereien. Sie lebten unter osmanischer Herrschaft, die ihnen religiöse Autonomie gewährte, sie aber als Dhimmi, als Nichtmuslime mit eingeschränkten Rechten, behandelte. Es war keine Gleichberechtigung, aber es war ein Existenzraum, und es war mehr, als das christliche Europa ihnen damals bot.
Aus dieser sarajewisch-sephardischen Welt stammte Rabbi Yehuda Alkalai, der 1798 in Sarajevo geboren wurde. Seine Familie war Teil der sephardischen Gemeinde, seine religiöse Prägung war osmanisch-jüdisch, seine Sprache war Ladino. Ohne Sarajevo, ohne die sephardische Diaspora, ohne das osmanische Exil wäre Alkalai nicht der Denker geworden, der er wurde. Und ohne Alkalai wäre der Proto-Zionismus nicht das geworden, was er wurde.
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Die geografische Linie: Sarajevo, Jerusalem, Zemun, Wien, Basel, Belgrad, Jerusalem
Die Geschichte des serbisch-zionistischen Nexus folgt einer geografischen Linie, die sich über zwei Jahrhunderte erstreckt. Sie beginnt in Sarajevo 1798, mit Alkalais Geburt. Sie führt nach Jerusalem, wo er aufwuchs und Kabbala studierte. Sie führt nach Zemun, wo er ab 1825 predigte und den Proto-Zionismus formte, inspiriert von den serbischen und griechischen Befreiungskriegen, die er in der Habsburgischen Militärgrenze beobachtete.
In Zemun kreuzt sich Alkalais Linie mit der Familie Herzl. Shimon Leib Herzl, Theodors väterlicher Großvater, war ein frommer Jude, der Alkalais Predigten hörte und als Schofarbläser in dessen Synagoge diente. Die Ideen, die Alkalai formulierte, gelangten über diesen Großvater in das Haus der Herzls. Theodors Vater Jakob wurde in Zemun geboren, bevor die Familie nach Wien und Budapest ging.
Die Linie verläuft weiter über Wien, wo Herzl als Journalist der Neuen Freien Presse arbeitete und 1896 „Der Judenstaat" schrieb, und über Basel, wo er 1897 den Ersten Zionistischen Kongress organisierte. Sie führt zurück nach Belgrad, wo David Albala 1903 die erste zionistische Jugendgruppe „Gideon" gründete, durch die albanischen Berge zog, nach Washington reiste und 1917 erreichte, dass Serbien als erstes Land die Balfour-Deklaration unterstützte. Und sie endet vorerst im August 2026, mit der Überführung von Shimon Leib und Rivka Herzl vom jüdischen Friedhof in Zemun auf den Herzlberg in Jerusalem.
Das ist keine Konstruktion. Das ist eine geografische Linie, die sich auf Dokumenten, Daten und Orten nachzeichnen lässt. Wer sie leugnet, leugnet Geschichte.
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Was tatsächlich verbindet
Familiär lebten Herzls väterliche Großeltern in Zemun, und zwei weitläufige Verwandte konvertierten zum serbisch-orthodoxen Christentum, was die brüchige jüdische Identität im Habsburger Balkan zeigt. Ideell wurde Alkalais Proto-Zionismus durch serbische und griechische Befreiungskriege inspiriert, die er in Zemun beobachtete. Wenn Serben und Griechen ihre Nationen aufbauen konnten, warum nicht auch die Juden? Das war der Keimgedanke, aus dem der politische Zionismus wuchs.
Diplomatisch war Serbien 1917 das erste Land nach Großbritannien, das den jüdischen Staat unterstützte, und der serbische Diplomat Milenko Vesnić war der erste, der den Namen „Israel" in einem offiziellen Dokument verwendete. Militärisch kämpften jüdische Soldaten in der serbischen Armee, durchlitten den Rückzug durch Albanien und trugen zur Befreiung Serbiens bei. Aktuell verbindet die Exhumierung und Wiedereinbettung der Herzl-Großeltern 2026 beide Länder erneut, politisch und medial.
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Was nicht verbindet
Es gibt keine gemeinsame „serbisch-zionistische Ideologie". Serbien war kein zionistisches Projekt, und der Zionismus war kein serbisches. Die Reduktion auf einen angeblichen gemeinsamen „Hass auf Muslime" ist historisch falsch und politisch gefährlich. Der serbische Nationalismus entstand im Kampf gegen die osmanische Fremdherrschaft, der Zionismus entstand als Antwort auf europäischen Antisemitismus und die Suche nach einem nationalen Territorium. Beide waren national, beide waren modern, beide verursachten Leid, aber sie taten es aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichen Kontexten.
Die Parallelen in den Narrativen sind real, aber sie sind strukturelle Ähnlichkeiten, nicht inhaltliche Identitäten. Beide Narrative konstruieren ein verfolgtes Volk, das nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft in seine angestammte Heimat zurückkehrt. Beide konstruieren einen muslimischen Feind. Beide nutzen historische Mythe zur politischen Mobilisierung. Aber die Quellen, die Akteure, die Kontexte sind unterschiedlich. Wer das eine mit dem anderen gleichsetzt, vereinfacht, was komplex ist.
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Die diplomatische Achse: Von 1917 bis heute
Die serbisch-israelischen Beziehungen reichen weiter als die Balfour-Deklaration. 1948 war Jugoslawien unter Tito eines der ersten Länder, die Israel anerkannten. 1949 wurde die jugoslawische Botschaft in Tel Aviv eröffnet, Israel eröffnete eine in Belgrad. In den 1950er und 1960er Jahren kühlten die Beziehungen ab, als Tito sich der Blockfreien-Bewegung anschloss und Nasser zu seinem wichtigsten arabischen Verbündeten wurde. 1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, brach Jugoslawien die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab.
1991, nach dem Zerfall Jugoslawiens, wurden die Beziehungen wieder aufgenommen. 1992 eröffnete die jugoslawische Botschaft in Tel Aviv, 1996 kam mit David Sasson der erste israelische Botschafter nach Belgrad. Seit den 1990er Jahren pflegen Serbien und Israel eine enge Zusammenarbeit, die über Diplomatie hinausgeht: Waffenhandel, Geheimdienstkooperation, landwirtschaftliche Technologie, Cyber-Sicherheit. Al Jazeera berichtete 2024 über mögliche serbische Waffenlieferungen an Israel während des Gaza-Kriegs, was Belgrad dementierte, aber nicht völlig ausräumte.
Die Achse funktioniert, weil beide Länder ähnliche Narrative teilen und ähnliche Feinde haben. Serbien sieht sich im Konflikt mit Kosovo-Albanern, die es als muslimische Bedrohung seines Territoriums wahrnimmt. Israel sieht sich im Konflikt mit Palästinensern und arabischen Nachbarstaaten. Beide nutzen die Geschichte des 20. Jahrhunderts, Holocaust und Jugoslawienkriege, um ihre aktuelle Politik zu legitimieren. Das ist nicht zufällig, und es ist nicht neu.
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Die balkanischen Wurzeln und die brüchige Identität
Die Geschichte der Herzl-Großeltern in Zemun ist mehr als eine Anekdote. Sie zeigt, dass der Zionismus kein reines westeuropäisches Phänomen war. Seine Wurzeln reichten in den Balkan, in sephardische Gemeinden, in die Kabbala und in die Beobachtung der Balkan-Nationalismen. Ohne Sarajevo kein Alkalai, ohne Alkalai kein Proto-Zionismus in Zemun, ohne Zemun keine Herzlschen Großeltern, ohne diese Großeltern vielleicht ein anderer Herzl.
Gleichzeitig zeigt sie, wie brüchig jüdische Identität im 19. Jahrhundert war. Konversion, Assimilation, Zionismus, Orthodoxie, alles war möglich, alles passierte in derselben Familie. Herzl selbst war ein Produkt dieser Brüche, nicht ihrer Überwindung. Er wuchs in einer Familie auf, in der das Judentum nicht selbstverständlich war, sondern eine Entscheidung unter mehreren. Dass er sich für den Zionismus entschied, war nicht die einzig logische Konsequenz, aber es war die Konsequenz, die Geschichte machte.
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Fazit
Serbien und der Zionismus sind durch konkrete Menschen, Orte und Briefe verbunden: Alkalai, Herzl, Albala, Vesnić, Shimon Leib und Rivka. Diese Verbindungen reichen aus, um eine erzählenswerte Geschichte zu erzählen, ohne in Verschwörung oder überzogene Parallele abzugleiten. Die balkanischen Wurzeln des Zionismus sind real. Man muss sie nur zu Ende erzählen.
Diese Reihe hat versucht, das zu tun. Von der Exhumierung in Zemun über die sephardische Gemeinde in Sarajevo, die konvertierten Brüder, den Friedensbrief an al-Khalidi, den Kosovo-Mythos, den serbischen Nationalismus und die diplomatische Achse bis zur Frage, wie aus einer Kehilla ein Mossad wurde und welche religiösen Wurzeln der Zionismus im Talmud hat. Die Geschichte ist nicht einfach. Aber sie ist vollständig, wenn man sie lässt.
Weiterführende Quellen der Reihe
Die Reihe stützt sich auf eine breite Quellenbasis. Ernst Pawels Biografie *The Labyrinth of Exile, A Life of Theodor Herzl* (1989) bleibt die fundierteste Darstellung von Herzls Leben und familiärem Hintergrund. KOSMO.at berichtete am 30. Juli 2026 unter dem Titel „Von Belgrad nach Jerusalem" über die geplante Überführung der Herzl-Großeltern. Die Jerusalem Post veröffentlichte zwei Tage zuvor einen Artikel über die geplante Neubeisetzung auf dem Herzlberg.
Für die biografischen Details zu Rabbi Alkalai bietet das Jewish Virtual Library einen zuverlässigen Überblick unter dem Eintrag „Judah Ben Solomon Hai Alkalai". Michael Freund hat auf seiner Website eine ausführliche Würdigung von David Albala veröffentlicht, die dessen diplomatische Rolle dokumentiert. Adara Press veröffentlichte 2020 einen Beitrag über Serbien als erstes Land, das die Balfour-Deklaration unterstützte, mit relevanten historischen Belegen.
Der Brief Herzls an Yusuf Diya-uddin al-Khalidi ist über Palquest in englischer Übersetzung zugänglich und bietet Einblick in Herzls Haltung gegenüber der arabischen Bevölkerung Palästinas. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Serbien sind auf Wikipedia unter „Israel, Serbia relations" zusammengefasst, ergänzt durch einen Beitrag von Diplomacy&Commerce zum dreißigjährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen. Al Jazeera berichtete 2024 über mögliche serbische Waffenlieferungen an Israel während des Gaza-Kriegs, was die aktuelle Relevanz dieser Achse unterstreicht.
Die sephardische Geschichte Bosniens ist durch Muhamed Nezirovićs Werk auf eSefarad unter „The Sephardim of Bosnia" dokumentiert. Balkan Diskurs veröffentlichte 2016 einen Beitrag zum 450-jährigen Jubiläum jüdischen Lebens in Sarajevo, der die kontinuierliche Präsenz der Gemeinde vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart nachzeichnet.
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