Zurück zum Blog

Recherche31. Juli 2026ca. 11 Min. Lesezeit

Mordaufruf in Mostar – Wenn Graffiti zu Todesdrohungen werden

Auf mehreren Gebäuden in Mostar steht „Ubijte Sanela Kajana" – Tötet Sanel Kajan. Ein Brief mit Kugel und Fotos seiner Kinder im Umschlag. Seine Familie musste die Stadt verlassen. Die Polizei? Schwieg jahrelang.

MostarSanel KajanBosnienTodesdrohungenKroatischer NationalismusDemokratska FrontaOSZEHasssprache

*Ein Parlamentsabgeordneter geht durch seine Stadt. An den Wänden steht sein Name – neben dem Wort „tötet". Seine Adresse ist öffentlich. Der Arbeitsplatz seiner Ehefrau ist öffentlich. Die Grabstelle seines Vaters – eines Kriegsveteranen, der für diese Stadt fiel – ist öffentlich. Jemand schickt ihm einen Umschlag: eine Kugel, dazu ein Foto seiner minderjährigen Kinder im Urlaub. Seine Frau und drei Kinder müssen die Stadt verlassen. Die Polizei? Die schwieg. Jahre lang.*

01 / 08

„Ubijte Sanela Kajana" – Ein Morgen in Mostar

Es ist ein gewöhnlicher Sitzungstag im Parlament der Föderation Bosnien-Herzegowina in Sarajevo. Sanel Kajan, 47 Jahre alt, ehemaliger Journalist, heute Abgeordneter der Demokratska Fronta (DF), ergreift das Wort. Er spricht nicht über Gesetze. Er spricht über das, was an diesem Morgen wieder an den Wänden seiner Heimatstadt stand.

„U mom gradu, u mom Mostaru, javno se na zgradama i na fasadama poziva na moje ubistvo i ubistvo moje porodice", sagt er. In meiner Stadt, in meinem Mostar, wird öffentlich an Gebäuden und Fassaden zu meiner Ermordung und der Ermordung meiner Familie aufgerufen. „I jutros je u mom Mostaru na nekoliko lokacija ispisano: ubijte Sanela Kajana." Und heute Morgen stand es an mehreren Orten: Tötet Sanel Kajan.

Der Saal ist still. Kajan spricht nicht als Politiker. Er spricht als Vater, als Ehemann, als Sohn eines Mannes, der als Soldat der Armee der Republik Bosnien-Herzegowina bei der Verteidigung Mostars fiel. Jetzt wird öffentlich zur Schändung seines Grabes aufgerufen.


02 / 08

Der Umschlag

Es begann nicht mit Graffiti. Es begann leiser. Erst die digitalen Profile – über 50 Fake-Accounts einer einzigen Person, die über Jahre hinweg eine Obsessions-Kampagne führte. Über 500 dokumentierte Hass-Posts, Verleumdungen, Fotomontagen, auf denen Kajan tot dargestellt wird. Dann die physische Eskalation.

Ein Umschlag kommt. Darin: eine Kugel. Und ein Foto seiner drei minderjährigen Kinder, aufgenommen während eines Urlaubs – ohne ihr Wissen, ohne das der Eltern. Die Botschaft ist einfach: Wir wissen, wo deine Kinder sind. Wir wissen, wie sie aussehen. Wir haben eine Kugel für dich.

Kajans Ehefrau wird am Arbeitsplatz bedroht. Die Hausadresse der Familie wird veröffentlicht – mehrfach, auf Plattformen, an Wänden. Die Grabstelle seines Vaters wird genannt, mit dem Aufruf, sie zu schänden. Die Kinderfotos zirkulieren auf sozialen Netzwerken, bearbeitet, verfremdet, mit Gewaltsymbolen versehen.

„Slike moje maloljetne djece su prepravljene društvenim medijima, platformama. Oni su slikani na odmorima i onda je meni poslana njihova fotografija s metkom u kuverti." — Sanel Kajan, Parlament FBiH

03 / 08

Die Familie muss gehen

Kajans Ehefrau und seine drei minderjährigen Kinder mussten Mostar verlassen. Nicht einmal, sondern mehrfach. Sie wurden vertrieben – aus einer Stadt, in der Kajan als Abgeordneter im höchsten legislativen Gremium der Föderation sitzt. Ein Mann mit parlamentarischer Immunität. Doch seine Familie hat keine Immunität.

„Zbog toga su moja supruga i moja djeca primorani biti izmješteni iz mog Mostara, da na neki način potražim zaštitu. Kada ja, kao zastupnik u Parlamentu Federacije Bosne i Hercegovine, nemam zaštitu od institucija u koje uživam povjerenje, što će reći obični građani?" — Sanel Kajan

Wenn nicht einmal ein Parlamentsabgeordneter Schutz erhält – was erwartet den gewöhnlichen Bürger, der dieselben Drohungen erhält, aber keine parlamentarische Tribüne hat? Kajan hat das verstanden. Und er spricht es aus.


04 / 08

Die Institutionen und ihr Schweigen

Kajan wandte sich an alle. An das Bundesinnenministerium (FUP) – Dutzende Male. An die Polizei des Hercegovina-Neretva-Kantons (MUP HNK) – unzählige Male. An die Staatsagentur für Ermittlungen und Schutz (SIPA). An die Staatsanwaltschaft. An die OSZE. An die Ombudsmen für Menschenrechte. Er übergab Hunderte von Beweisen. Dokumentierte über 500 Hass-Posts. Lieferte Name, Adresse und Identität der Hauptverdächtigen.

Nichts geschah. Jahre lang. Die MUP HNK behauptete später sogar, Kajan habe den Umschlag mit der Kugel nie offiziell gemeldet – ein Widerspruch, den Kajan zurückwies. Er hatte Dutzende Anzeigen erstattet, jede dokumentiert, jede mit Beweismaterial versehen.

„Federalnom ministarstvu unutarnjih poslova desetine puta sam se obratio. Gospodin Šahimpašić to zna i on mi je odgovorio nekoliko puta, ali rezultata nema." — Sanel Kajan

Die Parallele zu anderen Fällen in Bosnien-Herzegowina ist strukturell: In der Republika Srpska wird die Verfolgung bosnischer Symbole von der Polizei aktiv betrieben. In Mostar und Westherzegowina werden Mordaufrufe gegen einen bosniakischen Abgeordneten von der Polizei ignoriert. Die Logik ist dieselbe – nur die ethnische Richtung ist entgegengesetzt. Institutionen schützen die eigene Gruppe und ignorieren die andere. Das ist kein Einzelfall. Das ist ein System.


05 / 08

Die OSZE reagiert – schließlich

Erst als Kajan im Parlament öffentlich sprach – vor den Vertretern von FUP, MUP HNK, Staatsanwaltschaft und internationalen Organisationen – kam Bewegung in den Fall. Die OSZE-Mission in Bosnien-Herzegowina veröffentlichte eine Erklärung:

„Prijetnje nasiljem upućene prema izabranim zvaničnicima, kao i prema bilo kojem drugom građaninu i građanki, apsolutno su neprihvatljive i nemaju mjesta u demokratskom društvu. Takva krivična djela podrivaju temeljna ljudska prava, demokratsko učešće i vladavinu prava."

Die OSZE forderte eine „hitnu, temeljitu i nepristrasnu istragu" – eine dringende, gründliche und unparteiische Untersuchung. Dass es dafür einer öffentlichen Parlamentsrede bedurfte, nachdem jahrelang Anzeigen vorlagen, ist selbst eine Aussage über den Zustand der Institutionen.


06 / 08

Eine erste Verurteilung

Immerhin: Der Općinski sud Mostar (Gemeindegericht Mostar) verurteilte einen Mann aus Mostar zu eineinhalb Jahren Haft. Der Vorwurf: Drohungen, Beleidigungen und Verbreitung von Hasssprache auf nationaler und religiöser Basis – über soziale Netzwerke und anonyme Profile gegen Kajan. Die verurteilte Person hatte über Monate hinweg Fake-Profile betrieben, Kajan und seine Familie systematisch verfolgt und mit dem Tod bedroht.

Kajan veröffentlichte den Namen nicht. Er respektierte das Gesetz – im Gegensatz zu denen, die seine Kinder fotografiert hatten. Die Pressekopie enthielt Adresse, JMBG, Namen der Richterin, des Staatsanwalts und der Familienangehörigen. Kajan: „Mein Ziel ist kein Lynch. Mein Ziel ist die Botschaft: Drohungen, Hasssprache, digitales Stalking und Targeting sind nicht harmlos. Sie können mit einer Strafverurteilung enden."

Gleichzeitig dankte er der Staatsanwaltschaft Bosnien-Herzegowinas und der Staatsanwaltschaft des Hercegovina-Neretva-Kantons, dass sie endlich Mut gefunden und Zeit genommen hatten, sich seines Falls anzunehmen. Dass es dazu einer öffentlichen Parlamentsrede bedurfte, nachdem jahrelang Anzeigen vorlagen, sagt alles über den Zustand der Institutionen.

„Za sve one koji misle da su nedodirljivi. Za one koji vjeruju da mogu prijetiti, vrijeđati, online uhoditi, targetirati, klevetati i širiti mržnju – bez ikakvih posljedica. Grdno su se prevarili. Pravda možda ide sporo, ali ide." — Sanel Kajan

*Pravda možda ide sporo, ali ide.* Gerechtigkeit geht vielleicht langsam, aber sie geht.


07 / 08

Die Frage, die bleibt

Der Fall Kajan ist nicht isoliert. Er ist das Symptom einer Stadt, die seit dem Krieg von 1992 bis 1995 nicht aufgehört hat, Krieg zu führen – mit anderen Mitteln. Die Waffen sind jetzt Graffiti, digitale Profile, Umschläge mit Kugeln und institutionelle Paralyse. Die Frontlinie verläuft nicht mehr zwischen Armeen, sondern zwischen Hauswänden und Bildschirmen.

Und doch: Kajan selbst ist nicht nur ein Opfer. Er hat durch seine Leugnung des Lagers in der IV. Grundschule, in dem 120 kroatische Zivilisten und Soldaten festgehalten wurden und 17 starben, die Spirale mit angeheizt. Dafür gibt es rechtsgültige Urteile, Zeugenaussagen von über 120 Überlebenden und Dokumente des Internationalen Roten Kreuzes. Die Geschichte ist nicht einseitig. Aber Todesdrohungen gegen Kinder sind nie eine Antwort.

„Ja molim Federalnu upravu policije da mi pomogne, jer bit će kasno kada padne mrtva glava, a vjerujte da me od toga dijeli mali korak." — Sanel Kajan

*Bit će kasno kada padne mrtva glava.* Es wird zu spät sein, wenn ein Kopf fällt. Und er ist nur einen kleinen Schritt davon entfernt.


08 / 08

Anschluss

Σ

Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

Über den AutorRedaktionsrichtlinien

Als Nächstes lesen

Der geteilte Stadtstaat – Kroatischer Nationalismus und institutionelle Paralyse in Mostar

Zwei Ethnien, zwei Verwaltungen, eine Stadt. Wie kroatischer Nationalismus in Mostar institutionalisiert wurde – von getrennten Schulen über eine Polizei, die wegschaut, bis zu einer politischen Logik, die Kriegsverbrecher zu Helden macht und Kritiker zu Verrätern.

Weiter

Verwandte und ähnliche Artikel

Mehr zum Thema

Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.

Alle Artikel
Mostar Brücke
Recherche13 Min.

Der geteilte Stadtstaat – Kroatischer Nationalismus und institutionelle Paralyse in Mostar

Mostar ist seit dreißig Jahren geteilt. Westen kroatisch, Osten bosniakisch. Getrennte Schulen, getrennte Krankenversorgung, getrennte Polizei. Und in der Mitte: eine Brücke, die 1993 zerstört und wiederaufgebaut wurde – aber nie wieder verband.

Lesen
Mostar Stari Most
Recherche12 Min.

Praljaks Schatten – Wie Mostar Kriegsverbrecher als Helden feiert

Über 100 Murals von verurteilten Kriegsverbrechern in Mostar und Hercegovina. Tausende Graffiti mit Ustascha-Symbolen. Bürger blockieren die Entfernung. Das Gesetz sagt: drei Jahre Haft. Die Realität sagt: nichts passiert.

Lesen
FIFA World Cup Pokal
Recherche13 Min.

Die Drachen und die Matrix – Wie die WM-Einheit das System bedroht

Bosnien qualifiziert sich zum zweiten Mal für eine Weltmeisterschaft. Serben und Kroaten feiern mit bosnischen Fahnen. Novak Đoković sitzt im Stadion und jubelt. Die Polizei der Republika Srpska reagiert mit Gendarmerie, Bußgeldern und Flaggenkonfiszierung. Warum? Weil ein Land, das sich vereint, das System bedroht, das auf Teilung gebaut ist.

Lesen
Milorad Dodik
Recherche12 Min.

Die Fahne, die ein Verbrechen wurde – Wie Bosniens Symbole kriminalisiert werden

Mirsad Tokaca, Forscher und Direktor des IDC, wird in Rogatica festgenommen. Sein Verbrechen: Eine bosnische Flagge am Auto. Seit der WM-Qualifikation systematisiert die Republika Srpska die Verfolgung bosnischer Symbole – mit Bußgeldern, Konfiszierung und nun bis zu fünf Jahren Haft.

Lesen

Zum Weiterdenken

Was bleibt offen?

Wenn ein Parlamentsabgeordneter Mordaufrufe an Hauswänden seiner eigenen Stadt erträgt und die Polizei jahrelang nichts tut – was bleibt vom Rechtsstaat?

Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.

Diskussion

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste.

Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.

Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.

Login Kit · user.info.basic