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Recherche01. August 2026ca. 12 Min. Lesezeit

Praljaks Schatten – Wie Mostar Kriegsverbrecher als Helden feiert

Über 100 Murals von verurteilten Kriegsverbrechern in Mostar und Hercegovina. Tausende Graffiti mit Ustascha-Symbolen. Bürger blockieren die Entfernung. Das Gesetz sagt: drei Jahre Haft. Die Realität sagt: nichts passiert.

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*Ein Mann trinkt Gift in einem Gerichtssaal in Den Haag. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt – für Kriegsverbrechen, für die Vertreibung von Bosniaken, für die Zerstörung einer Brücke, die Weltkulturerbe war. In seiner Heimatstadt Mostar wird er nicht als Verbrecher erinnert. Er wird als Held gemalt. An über hundert Wänden. Und wenn die Behörden kommen, um die Wände zu reinigen, stehen Bürger auf und blockieren sie. Das Gesetz sagt: drei Jahre Haft für die Verherrlichung von Kriegsverbrechern. Die Realität sagt: nichts passiert.*

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Der Mann, der Gift trank

Slobodan Praljak war General des Hrvatsko vijeće obrane (HVO), des kroatischen Verteidigungsrates. Er war einer der sechs höchsten Funktionäre der selbsternannten Hrvatska Republika Herceg-Bosna (HRHB), einer Entität, die während des Bosnienkrieges kroatische Gebiete kontrollierte und deren politische Führung vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) wegen Kriegsverbrechen gegen die bosniakische Zivilbevölkerung verurteilt wurde.

Im November 2017, als der Richter die Bestätigung seiner 20-jährigen Haftstrafe verlas, stand Praljak auf. Er brachte eine kleine Phiole an den Mund. „Ich habe keine Kriegsverbrechen begangen", sagte er. Dann trank er. Gift. Er starb kurz darauf im Krankenhaus.

Der Moment wurde weltweit übertragen. Für das Haager Tribunal war es der Abschluss eines Verfahrens, das über ein Jahrzehnt gedauert hatte. Für Mostar – und für weite Teile Westherzegowinas – war es die Geburt eines Märtyrers.


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100 Murals und tausend Graffiti

Sanel Kajan, der Parlamentsabgeordnete, der selbst zum Ziel von Morddrohungen wurde, hat gezählt. „In Mostar und Hercegovina gibt es über 100 Murals von verurteilten Kriegsverbrechern und tausende Graffiti mit Nazi-, faschistischen und Ustascha-Symbolen", sagte er. „Auf öffentlichen Flächen, auf privaten Flächen in der Stadt Mostar, überall in BiH. Und die Justiz, die Polizei reagieren nicht – obwohl sie verpflichtet sind, die Verfassung zu respektieren, obwohl sie verpflichtet sind, die Gesetze Bosniens zu respektieren."

Die Murals zeigen Praljak in Uniform. Daneben stehen Sätze wie:

„Pravi Hrvat ne umire nikada." — Ein echter Kroate stirbt nie.
„Slobodan Praljak nije ratni zločinac! S prijezirom odbacujem Vašu presudu." — Slobodan Praljak ist kein Kriegsverbrecher! Mit Verachtung weise ich Ihr Urteil zurück.
„Svaki Hrvat znat će dok je živ, general Praljak nije bio kriv." — Jeder Kroate wird wissen, solange er lebt: General Praljak war nicht schuldig.

Diese Sätze stehen nicht in versteckten Hinterhöfen. Sie stehen an Hauptstraßen, in Wohnvierteln, in der Nähe von Schulen. In Neum, an der Küste, in der Kralja-Tomislava-Straße. In Rodoč, einem Vorort von Mostar. In Podhum, neben der Ersten Grundschule. In Ortiješ, an einer Wand, die der Stadt Mostar gehört – neben den Ultras-Markings des lokalen Fußballklubs, als sei die Verherrlichung eines Kriegsverbrechers Teil der Fan-Kultur.


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Ortiješ – Die Blockade

Der Fall Ortiješ ist besonders. Kajan hatte die Behörden gemeldet. Die städtische Inspektion kam – mit Polizeischutz. Sie wollten das Mural entfernen. Doch als sie ankamen, standen dort bereits etwa zehn Bürger. Vor dem Mural parkte ein Auto mit deutschen Kennzeichen, so positioniert, dass die Arbeiter nicht an die Wand kamen. Die Arbeiter konnten nicht vorbei. Sie kehrten um. Alles verlief ohne Zwischenfall – aber das Mural blieb.

„Wie wusste die Gruppe, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit die Aktion stattfinden sollte? Diese Informationen waren nur der Inspektionsbehörde, der zuständigen Inspektorin und dem Unternehmen bekannt, das den Auftrag zur Entfernung erhalten hatte. Es muss ein Informationsleck geben. Wer schützt die, die das Gesetz brechen? Wer sabotiert aus den Reihen des Staates direkt die Durchsetzung der Gerechtigkeit?" — Sanel Kajan

Die Frage ist rhetorisch. Die Antwort liegt in der Struktur der Institutionen des Hercegovina-Neretva-Kantons, in denen kroatische Parteien – primär die HDZ – dominieren. Wenn die Polizei, die für den Schutz der Arbeiter abgestellt wurde, zuschaut, wie Bürger das Gesetz blockieren, dann ist das keine Neutralität. Dann ist das Komplizenschaft.


04 / 09

Die bizarre Rückkehr des Murals

Ein anderes Mal schien es zu funktionieren. Die Behörden kamen, diesmal ohne Blockade. Sie strichen das Mural weiß über. Kajan verkündete den Erfolg: „Viele sagen, man kann nichts gegen ein zementiertes System tun. Ich habe heute das Gegenteil bewiesen. Das Mural des Kriegsverbrechers wurde entfernt."

Doch noch bevor Kajan seinen Text beendet hatte, schimmerte Praljaks Gesicht wieder durch die weiße Farbe. Die Übermalung war so dünn, dass das Bild darunter sichtbar blieb. Und kurz darauf wurde das Mural neu aufgemalt. Dieselbe Wand, dasselbe Gesicht, derselbe Satz.

Das Gesetz – Artikel 145a des Strafgesetzbuchs Bosnien-Herzegowinas – ist eindeutig: Wer eine Person verherrlicht, die rechtskräftig wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen verurteilt wurde, wird mit mindestens drei Jahren Haft bestraft. Das Gesetz wurde 2021 durch den Hohen Repräsentanten Valentin Inzko in das Strafgesetzbuch eingefügt – gegen den massiven Widerstand kroatischer und serbischer Parteien.

Fast fünf Jahre später: Keine einzige Verurteilung wegen der Praljak-Murals in Mostar.


05 / 09

Der Partisanenfriedhof

Es ist nicht nur Praljak. Der Partizansko groblje in Mostar – der Partisanenfriedhof, entworfen von dem weltbekannten Architekten Bogdan Bogdanović – ist ein nationales Kulturdenkmal. Es ist die letzte Ruhestätte der Partisanen, die im Zweiten Weltkrieg gegen die faschistische Ustascha-Bewegung kämpften. Und er wird systematisch verwüstet.

An den Wänden stehen: „Tito vampir". „Praljak nije zločinac". „Dok komunisti umiru, rađa se sloboda" – Während Kommunisten sterben, wird Freiheit geboren. Das Ustascha-Symbol „U". Die Parole „Za dom spremni" – Bereit für das Vaterland, der Gruß der Ustascha-Bewegung, die mit dem NS-Regime kollaborierte.

Kajan dokumentierte auch das. Er fand etwas, das wie ein verbrannter Tierkadaver aussah, eingewickelt in eine Flagge. „Die Botschaft kennen die, die sie hinterlassen haben", schrieb er. „Dies ist leider kein isolierter Vorfall – der Partisanenfriedhof erlebt seit Jahren Verwüstungen, Entweihungen und offene Provokationen."

Zugleich wurde das Denkmal für die während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Spieler von Velež Mostar zerstört, nachdem zuvor ein Schachbrettmuster – das kroatische Nationalsymbol – darauf angebracht worden war. Der Fußballklub HŠK Zrinjski, der mit der kroatischen Identität Mostars verbunden ist, erklärte, es handele sich nicht um ein Denkmal, sondern um eine „Installation".

„Alles zusammen sendet eine klare und gefährliche Botschaft: Es gibt einen beharrlichen Willen, das antifaschistische Erbe Mostars vollständig auszulöschen. Davor darf man nicht schweigen." — Sanel Kajan

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Čapljina – Das Denkmal auf dem Friedhof

In Grabovina, in der Gemeinde Čapljina, wurde auf dem Friedhof der Kirche des heiligen Leopold Mandić ein Denkmal für Praljak enthüllt und gesegnet. Ein Denkmal für einen Mann, der vom höchsten internationalen Gericht wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde – auf einem katholischen Friedhof, mit Segen. Im November desselben Jahres feierten HDZ-Politiker in Grabovina eine große Gedenkfeier für Praljak, begleitet von Klapa-Gesang, als wäre es eine Staatsfeier.

Kajan erstattete Strafanzeige. Die Antwort der Behörden: Schweigen. Die Antwort der Bürger: Das Denkmal blieb.

In Čapljina selbst sind, wie Kajan dokumentierte, die Wände voller Nazi- und Ustascha-Symbole. Die Stadt, in der während des Krieges bosniakische Zivilisten in Lagern festgehalten wurden, ist heute eine Stadt, in der die Symbole derjenigen, die diese Lager errichteten, öffentlich zur Schau stehen – ungestört.


07 / 09

Das Gesetz und sein Schatten

Das Gesetz existiert. Es ist klar. Es sagt: drei Jahre Haft. Die Realität sagt: null Verurteilungen. Die Logik dahinter ist nicht kompliziert. Die Institutionen, die das Gesetz durchsetzen sollen – die Polizei des Hercegovina-Neretva-Kantons, die Staatsanwaltschaft, die Inspektionsbehörden – sind strukturell in die ethnische Politik der Mehrheitsbevölkerung eingebettet. Sie gehören zum System, das sie eigentlich kontrollieren sollten.

In fast fünf Jahren seit Inzkos Gesetzesänderung wurde in ganz Bosnien-Herzegowina nur eine Person rechtskräftig verurteilt: Vojin Pavlović, der einem verurteilten Kriegsverbrecher zum Geburtstag gratuliert hatte. Dreiinhalb Jahre Haft. In Banja Luka. Für einen Geburtstagsgruß.

In Mostar, wo über hundert Murals stehen, wo Ustascha-Symbole den Partisanenfriedhof bedecken, wo ein Denkmal für einen Kriegsverbrecher auf einem Friedhof gesegnet wurde: null.


08 / 09

Was daraus folgt

Die Murals sind keine Erinnerung. Sie sind ein Machtanspruch. Sie sagen: Wir sind hier. Wir bestimmen, wer ein Held ist und wer ein Verbrecher. Euer Gesetz ist ein Stück Papier. Unsere Wände sind die Wahrheit.

Wenn ein Staat sein eigenes Gesetz nicht durchsetzt – nicht weil er es nicht könnte, sondern weil die Institutionen, die es durchsetzen sollen, mit denjenigen solidarisch sind, die es brechen – dann ist das Gesetz ein leeres Blatt. Dann ist der Staat nicht neutral. Dann ist er Teil der Nationalismus-Maschine.

Und der Schatten von Slobodan Praljak – des Mannes, der in Den Haag Gift trank und in Mostar als Heiliger gemalt wird – wird länger.


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Anschluss

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Sigma

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Wenn Bürger die Entfernung eines Kriegsverbrecher-Murals physisch blockieren und die Polizei zuschaut – wer herrscht dann tatsächlich in Mostar?

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