Geopolitik11. Juli 2026ca. 8 Min. Lesezeit
Shlomo Sand 5: Genetik vs. Sand – Was die Wissenschaft sagt
DNA gegen Historiker – Die genetische Debatte um Sands These

In den Teilen 1 bis 4 haben wir Sands historische Argumente aufgeschlüsselt. Jetzt kommt die Disziplin, die ihm am meisten widerspricht: die Genetik.
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Die Studien, die Sand widerlegen (zu widerlegen scheinen)

Atzmon et al. (2010): American Journal of Human Genetics
Eine Studie unter der Leitung von Gil Atzmon verglich die Genome von aschkenasischen, sephardischen und orientalischen Juden mit nicht-jüdischen Populationen. Ergebnis: Alle drei jüdischen Gruppen teilen genomweite genetische Marker, die sie von anderen Weltbevölkerungen unterscheiden. Die Studie fand genetische Nähe zwischen allen jüdischen Gruppen und nahöstlichen Populationen, insbesondere zwischen Juden und Palästinensern, Drusen und Beduinen.
Die *New York Times* schrieb, diese Studien „widerlegen" Sands These, dass Juden keine gemeinsame Herkunft haben. Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Behar et al. (2010): Nature
Doron Behar und Mitarbeiter veröffentlichten eine Studie in *Nature*, die zu ähnlichen Ergebnissen kam. Aschkenasische Juden zeigen genetische Marker, die auf eine nahöstliche Herkunft hindeuten, mit europäischer Beimischung. Die Studie schätzt, dass aschkenasische Juden etwa 60 bis 70 Prozent nahöstliche und 30 bis 40 Prozent europäische genetische Anteile haben.
Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Ostrer: „Legacy: A Genetic History of the Jewish People"
Harry Ostrer, Genetiker an der Albert Einstein College of Medicine, präsentierte Ergebnisse, die allgemein als Widerlegung von Sands These interpretiert wurden. Ostrer sagte: „I would hope that these observations would put the idea that Jewishness is just a cultural construct to rest." Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Ostrers Arbeit zeigt: Aschkenasische, sephardische und orientalische Juden teilen genetische Signaturen, die auf eine gemeinsame nahöstliche Abstammung hindeuten. Die Khazar-Hypothese als Erklärung für die Herkunft der Aschkenasim wird von Ostrer abgelehnt.
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Die Studie, die Sand stützt
Elhaik et al. (2012): Genome Biology and Evolution
Eran Elhaik, Genetiker an der Johns Hopkins University, veröffentlichte 2012 eine Studie, die zu einem entgegengesetzten Ergebnis kam. Elhaik argumentierte, dass aschkenasische Juden primär von Kaukasus- und mesopotamischen Populationen abstammen, nicht von nahöstlichen Israeliten. Er fand genetische Nähe zwischen aschkenasischen Juden und kaukasischen Populationen (Armenier, Georgier), was er als Beleg für die Khazar-Hypothese interpretierte.
Sand begrüßte Elhaiks Studie als Bestätigung. *Haaretz* berichtete: „Sand took Elhaik's paper as a vindication of his ideas and seized the opportunity to criticize again 'geneticists looking for Jewish genes'." Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Die Kritik an Elhaik
Elhaiks Studie wurde von anderen Genetikern scharf kritisiert. Michael Hammer von der University of Arizona nannte eine von Elhaiks Grundannahmen „unrealistic". Er argumentierte, Armenier hätten selbst nahöstliche Wurzeln, weshalb ihre genetische Nähe zu aschkenasischen Juden nicht auf khazarische Abstammung hindeute, sondern auf eine gemeinsame nahöstliche Herkunft beider Gruppen.
Hammer beschrieb Elhaik und andere Befürworter der Khazar-Hypothese als „outlier folks ... who have a minority view that's not supported scientifically." Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab). Weitere Kritiker bemängelten Elhaiks Methodik, insbesondere die Auswahl der Referenzpopulationen und die statistischen Modelle. Diese methodischen Einwände sind deshalb relevant, weil die Wahl der Vergleichsgruppen das Ergebnis maßgeblich beeinflusst. Wer andere Referenzpopulationen wählt, kommt unter Umständen zu völlig anderen Schlussfolgerungen.
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Sands Antwort: Gegen die „jüdische Genetik"
Sand hat die genetischen Studien, die ihm widersprechen, nicht akzeptiert. In einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe von *The Invention of the Jewish People* schrieb er:
„This attempt to justify Zionism through genetics is reminiscent of the procedures of late nineteenth-century anthropologists who very scientifically set out to discover the specific characteristics of Europeans. As of today, no study based on anonymous DNA samples has succeeded in identifying a genetic marker specific to Jews, and it is not likely that any study ever will. It is a bitter irony to see the descendants of Holocaust survivors set out to find a biological Jewish identity: Hitler would certainly have been very pleased!"
Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Sand argumentiert also nicht auf der Ebene der Daten, sondern auf der Ebene der Methodik und der Politik. Sein erster Kritikpunkt betrifft die Existenz eines jüdischen Gens: Es gibt kein einzelnes Gen, das spezifisch jüdisch ist. Was es gibt, sind statistische Häufungen von Markern, die auf gemeinsame Vorfahren hindeuten können, aber keine eindeutige Identifikation erlauben.
Zweitens wirft Sand genetischen Forschern politische Motivation vor. Sie verfolgten den Zweck, den zionistischen Anspruch durch biologische Kontinuität zu legitimieren. Drittens sieht er eine historische Warnung: Die Suche nach einer biologischen jüdischen Identität erinnere an die Rassenwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts und letztlich an die NS-Rassengesetze.
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Was die Genetik tatsächlich sagt und was nicht
Um die Debatte zu klären, müssen wir trennen, was die Studien beweisen und was sie nicht beweisen.
Was genetische Studien zeigen
Aschkenasische Juden teilen bestimmte genetische Marker mit anderen jüdischen Gruppen (sephardisch, orientalisch) und mit nahöstlichen Populationen. Sie haben außerdem europäische genetische Beimischung, was unbestritten und konsistent mit einer Geschichte der Migration und Vermischung ist. Es gibt genetische Nähe zwischen jüdischen Gruppen und palästinensischen, drusischen und beduinischen Populationen, was auf eine gemeinsame levantinische Vorfahrenschaft hindeutet.
Was genetische Studien NICHT zeigen
Die Studien beweisen nicht, dass alle aschkenasischen Juden von antiken Israeliten abstammen. Genetik zeigt statistische Wahrscheinlichkeiten, nicht individuelle Abstammungslinien. Sie schließen khazarische Beimischung nicht kategorisch aus. Noah Rosenberg von der University of Michigan sagte: Die Studie „does not appear to support" die Khazar-Hypothese, „but it doesn't entirely eliminate it either." Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Zudem beantworten die Studien nicht die Frage, ob eine nahöstliche genetische Signatur auf israelitische Abstammung hindeutet oder auf eine allgemein levantinische oder kaukasische Population, die nicht spezifisch jüdisch war. Diese Unterscheidung ist entscheidend, wird aber von keiner Studie sauber getroffen.
Die Grauzone
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Aschkenasische Juden haben mehrheitlich nahöstliche genetische Anteile, was die These einer nahöstlichen Herkunft stützt. Aber sie haben auch europäische und möglicherweise kaukasische Anteile, was khazarische Beimischung nicht ausschließt. Es kommt weniger auf ein einfaches Entweder-Oder an als auf das Verhältnis der Anteile zueinander.
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Das Problem der politischen Instrumentalisierung
Beide Seiten instrumentalisieren die Genetik. Auf der pro-zionistischen Seite wird Genetik als Beweis für ethnische Kontinuität genutzt: „Wir gehören zum Land, weil unsere DNA es beweist." Das ist biologischer Nationalismus. Auf der anti-zionistischen Seite wird Genetik als Beweis gegen ethnische Kontinuität genutzt: „Ihr gehört nicht zum Land, weil eure DNA khazarisch ist." Das ist biologischer Anti-Nationalismus.
Beide machen denselben Fehler: Sie verwenden Biologie als Legitimation für politische Ansprüche. Sands Kritik, dass die Suche nach jüdischer DNA an Rassenwissenschaft erinnert, ist nicht unberechtigt. Aber er macht den umgekehrten Fehler: Er lehnt genetische Evidenz pauschal ab, wenn sie ihm nicht passt, und begrüßt sie, wenn sie ihm passt (Elhaik).
Die genetische Realität (nahöstliche Herkunft der meisten Aschkenasim) und die kulturelle Narration (Khazar-Abstammung) müssen getrennt betrachtet werden. Sie widersprechen sich nicht zwangsläufig, aber sie sind nicht dasselbe.
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Genetik vs. Sand
| Studie | Ergebnis | Position zur Khazar-These |
|---|---|---|
| Atzmon et al. (2010) | Gemeinsame Marker aller jüdischen Gruppen, nahöstliche Nähe | Widerlegt Khazar als Hauptthese |
| Behar et al. (2010) | 60–70 % nahöstlich, 30–40 % europäisch | Widerlegt Khazar als Hauptthese |
| Ostrer (verschiedene) | Gemeinsame nahöstliche Abstammung | Widerlegt Khazar als Hauptthese |
| Elhaik et al. (2012) | Kaukasische/mesopotamische Herkunft | Stützt Khazar-These |
| Rosenberg (Kommentar) | „Doesn't entirely eliminate" Khazar | Offen, Minderheitsmeinung möglich |
Fazit
Die Mehrheit der genetischen Studien widerspricht der Khazar-These als Haupterklärung für die Herkunft aschkenasischer Juden. Aschkenasische Juden haben primär nahöstliche genetische Wurzeln. Das schließt khazarische Beimischung nicht kategorisch aus, aber sie ist nicht die dominante Abstammungslinie.
Sand hat insoweit recht, als Genetik nicht zur Legitimation politischer Ansprüche dienen sollte. Doch er macht denselben Fehler in umgekehrter Richtung: Die Ablehnung genetischer Evidenz aus politischem Anliegen ist ebenfalls keine Wissenschaft, sondern deren Spiegelbild.
In Teil 6 verbinden wir die Analyse mit dem Buch und ziehen das Fazit.
Weiter zu Teil 6: Sand und das Buch.
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Quellen
Sand, Shlomo: *The Invention of the Jewish People* (Verso, 2008/2009), Nachwort zur Taschenbuchausgabe. Wikipedia: The Invention of the Jewish People: Genetic evidence (externer Link, öffnet in neuem Tab). Atzmon et al. (2010): *Abraham's Children in the Genome Era*, American Journal of Human Genetics. Behar et al. (2010): *The genome-wide structure of the Jewish people*, Nature.
Ostrer, Harry: *Legacy: A Genetic History of the Jewish People* (Oxford University Press, 2012). Elhaik, Eran (2012): *The Missing Link of Jewish European Ancestry: Contrasting the Rhineland and the Khazarian Hypotheses*, Genome Biology and Evolution. Hammer, Michael: Kommentar zu Elhaik, University of Arizona. Rosenberg, Noah: Kommentar zu Atzmon, University of Michigan. EXODUS Buch: Kapitel 20b, Abschnitt 20.20b, Genetik und Khazar-These.
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