Geschichte03. August 2026ca. 9 Min. Lesezeit
Serbische und jugoslawische Politiker: Wie sie zu den Juden standen
Von Pašić bis Alexander I., von Albala bis Alkalay: Serbien und Jugoslawien verhandelten mit den Juden früh, offen und mit diplomatischem Kalkül.

Bislang haben wir die Verbindung zwischen Serbien und dem Zionismus über Einzelpersonen wie Herzl, Alkalai und Albala erzählt. Doch dahinter stand eine politische Linie: serbische Minister, Könige und Diplomaten, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit den Juden verhandelten, teils aus Sympathie, teils aus Kalkül. Dieser Teil legt die politische Ebene frei und zeigt, dass die serbisch-jüdische Beziehung zwischen 1917 und 1941 eine Geschichte von Integration, Instrumentalisierung und schließlich Verrat war.
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Nikola Pašić: Realpolitik mit jüdischer Hilfe
Nikola Pašić (1845–1926) war der dominierende serbische Politiker der Vorkriegs- und Nachkriegszeit. Fünfmal serbischer, dreimal jugoslawischer Ministerpräsident, führte er Serbien durch die Balkankriege und den Ersten Weltkrieg. Pašić war kein Zionist, aber er erkannte früh, dass die amerikanisch-jüdische Lobby für serbische Kriegsanleihen und diplomatische Unterstützung gewonnen werden konnte.
Auf der griechischen Insel Korfu, wo die serbische Regierung im Exil residierte, stimmte Pašić 1917 zu, dass Dr. David Albala in die USA reisen solle, um für Serbien zu werben. Pašić begriff, dass Juden in den USA eine wichtige Rolle spielten, finanziell, journalistisch, politisch. Albala war nicht nur Arzt und Offizier, sondern auch Zionist. Für Pašić ergänzten sich beide Ziele: Serbien brauchte amerikanische Unterstützung, und die Zionisten brauchten internationale Anerkennung. Die pro-zionistische Erklärung vom 27. Dezember 1917 war daher auch ein Mehrzweckinstrument: moralisches Signal, diplomatisches Schreiben, Lobby-Werkzeug.
Pašićs Hauptmotiv war serbisches nationales Überleben. Serbien war im Krieg verwüstet, hatte ein Drittel seiner Bevölkerung verloren, brauchte Kredite, Waffen und internationale Unterstützung. Die russische Revolution hatte einen der wichtigsten Verbündeten ausgeschaltet, und die anderen Alliierten zögerten. In dieser Situation war ein jüdischer Verbündeter in Washington nicht Luxus, sondern Notwendigkeit. Pašić war kein Philosemit, er war ein Pragmatiker, und Pragmatismus führte zu derselben Entscheidung wie Sympathie es hätte.
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Milenko Vesnić: Der Diplomat, der „Israel" nannte
Milenko Vesnić war serbischer Außenminister und Botschafter in Paris von 1907 bis 1920. Er unterschrieb den Brief an David Albala, in dem er den jüdischen Staat als „Israel" bezeichnete, drei Jahrzehnte vor der offiziellen Gründung. Das war kein Zufall, sondern ein bewusstes Wort. Vesnić wusste, dass er damit einen starken symbolischen Akt setzte, und er wusste, dass der Brief in allen großen amerikanischen Zeitungen veröffentlicht werden würde.
Vesnić war ein scharfsichtiger Diplomat. Er vertrat Serbien in Paris, korrespondierte mit den Alliierten und verstand, wie man Minderheitenrechte als Legitimation für nationale Ziele nutzte. Indem er die jüdische Nation mit Serbien gleichsetzte, beide verfolgt, beide heimatlos, beide wiederauferstehend, gab er Serbien die Rolle eines moralischen Verbündeten. Das war diplomatisches Geschick: Serbien, ein kleines Land, das gerade seine Existenz verteidigt hatte, wurde zum Fürsprecher eines anderen kleinen Volkes, das seine Existenz suchte. Die Moralität der Geste war nicht falsch, aber sie war auch nicht uneigennützig.
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König Alexander I.: Toleranz und instrumentelle Nähe
König Alexander I. Karađorđević (1888–1934) regierte Jugoslawien von 1921 bis zu seiner Ermordung 1934 in Marseille. Er war aus europäisch-kosmopolitischer Perspektive geprägt, hatte in Genf und St. Petersburg studiert, und gilt als der toleranteste serbische Herrscher gegenüber Juden und Muslimen. In der Fachliteratur wird betont, dass sein Respekt für Judentum, Islam und Katholizismus „beispielhaft" für die moderne serbische Geschichte sei.
Alexander ernannte 1923 Isaac Alkalay zum Oberrabbinen von Jugoslawien. 1932 berief er ihn in den Senat des Königreichs Jugoslawien, das erste und einzige jüdische Parlamentsmitglied im Land. Alkalay erhielt zudem den Orden des Heiligen Sava, eine der höchsten serbischen Auszeichnungen. Der König besuchte jüdische Institutionen mehrfach und ließ sich öffentlich als Freund der Juden zeigen.
Doch diese Nähe war auch politisch instrumentalisiert. Alexander suchte internationale Anerkennung für sein zerrissenes Königreich, das aus Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniaken, Mazedoniern, Ungarn, Deutschen und Juden bestand. Die jüdische Minderheit war ein Symbol für religiöse Toleranz und westliche Zugehörigkeit, und das jüdische Lob für den König wurde in europäischen und amerikanischen Medien verbreitet. Gleichzeitig nutzten jüdische Zionisten diese Gunst, um ihre Organisationen auszubauen. Es war ein Austausch: der König bot Schutz und Status, die Juden boten internationale Legitimation.
Interessanterweise war die Königsdiktatur, die Alexander 1929 ausrief, für die Juden eine „goldene Zeit". Antisemitische Vorfälle verschwanden fast vollständig, weil der König alle politischen Organisationen verbot, inklusive der antisemitischen. Das Gesetz über die jüdische Religionsgemeinschaft vom 14. Dezember 1929 bestätigte die Rechte der jüdischen Gemeinden und regelte ihre Finanzierung. Der Staat zahlte Zuschüsse, die zeitweise zwei- bis dreimal so hoch waren wie die anderer Religionen. Das war nicht nur Großzügigkeit, es war auch Kontrolle: Wer bezahlt wird, ist abhängig.
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Isaac Alkalay: Oberrabbiner, Senator, Diplomat
Isaac Alkalay (1881–1978) war ein Großneffe von Rabbi Yehuda Alkalai und heiratete dessen Enkelin. Damit schließt sich ein familiärer Kreis: der Proto-Zionist Alkalai, der in Zemun predigte, und der Oberrabbiner Alkalay, der in Belgrad und Jerusalem wirkte. Isaac Alkalay wurde in Sofia geboren, studierte an der Universität Wien und am Wiener Rabbinerseminar, und wurde 1909 Oberrabbiner von Belgrad und Serbien, ab 1923 von ganz Jugoslawien.
Alkalay war ein Doppelbürger: treuer Serbe und überzeugter Zionist. Er war Militärkaplan in den Balkankriegen, Präsident des Jüdischen Roten Kreuzes, Gründer der Rabbinerkonferenz Jugoslawiens und Herausgeber des *Jevrejski Almanah*. 1918 reiste er in die USA, um für serbische und jüdische Ziele gleichzeitig zu werben. 1925 wurde er zum Vizepräsidenten der World Sephardi Federation gewählt. 1936 war er Gründungsmitglied des World Jewish Congress.
Seine Berufung in den Senat 1932 war ein Höhepunkt jüdischer Integration. Die JTA berichtete, Alkalay habe gesagt, seine Ernennung sei „in a way a recognition of Jugo-Slavian Jewry". Er war das einzige jüdische Parlamentsmitglied im Land. Doch 1938, als der Antisemitismus in ganz Europa und auch in Jugoslawien zunahm, wurde er nicht wiederernannt. Damit verlor die jüdische Gemeinschaft ihre einzige politische Vertretung im Parlament. 1941, bei der deutschen Besetzung Jugoslawiens, floh Alkalay über Palästina in die USA, wo er 1943 Chief Rabbi der Central Sephardic Jewish Community of America wurde. Er starb 1978 in Brooklyn, 97 Jahre alt.
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Der rechtliche Status der Juden im Königreich SHS und Jugoslawien
Die Verfassungen von 1921 und 1931 gewährten den Juden bürgerliche und religiöse Rechte. Die jüdische Religion wurde als eine der vier wichtigsten anerkannt, neben der orthodoxen, der römisch-katholischen und der muslimischen. Das Gesetz über die jüdische Religionsgemeinschaft vom 14. Dezember 1929 und das Dekret vom 28. April 1930 regelten Finanzierung und Selbstverwaltung. Der Staat zahlte der jüdischen Gemeinschaft staatliche Zuschüsse, die zeitweise zwei- bis dreimal so hoch waren wie die anderer Religionen.
Wichtig aber: Juden galten in Jugoslawien als Religionsgemeinschaft, nicht als nationale Minderheit. Das enttäuschte viele Zionisten, die eine nationale Anerkennung anstrebten. Der Staat erkannte den Zionismus als politische Bewegung nicht an, duldete ihn aber. Trotz dieser Einschränkung ermöglichte der liberale rechtliche Rahmen den Aufbau einer dichten jüdischen Infrastruktur. 1919 wurde der Savez jevrejskih veroispovednih opština Jugoslavije (SJVO), der Bund jüdischer Religionsgemeinden, gegründet. 1919/1920 folgte der Savez cionista Jugoslavije, der Bund der Zionisten Jugoslawiens, zunächst mit Sitz in Zagreb. Es entstanden zahlreiche Zeitungen, Jugendgruppen, Wohlfahrtsvereine, Sportvereine und Frauenorganisationen. 1925 wurde der Jewish National Fund, Keren Hajesod, nach Belgrad verlegt. Der Zionismus wurde von der jugoslawischen Staatsmacht nicht behindert, sondern oft gefördert, im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten.
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Die politische Bedeutung der jüdischen Armeebeteiligung
Ein wiederkehrendes Argument serbischer Politiker war die Treue der jüdischen Minderheit im Krieg. Jüdische Soldaten kämpften in den Balkankriegen 1912/13 und im Ersten Weltkrieg in der serbischen Armee. Diese Opfer wurden in der politischen Rhetorik hervorgehoben, um den jüdischen Beitrag zum serbischen Staat zu legitimieren. Vesnićs Brief an Albala verwies explizit darauf, dass serbische Landsleute „of your origin and religion" für die serbische Heimat gekämpft hätten wie die besten Soldaten. Diese Formulierung war berechnet. Sie stellte Juden nicht als Gäste, sondern als Mitbürger dar, die ihr Blut für das Land vergossen hatten.
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Der erste Riss: Antisemitismus in den 1920er und 1930er Jahren
Trotz liberaler Gesetze gab es antisemitische Vorfälle in fast allen größeren Städten, in Belgrad, Zagreb, Sarajevo, Ljubljana. Juden wurden beschuldigt, die neue Staatsidee nicht ernst zu nehmen, Wirtschaft zu dominieren oder nur an Palästina zu denken. In den 1930er Jahren verstärkte sich der Druck. 1936/1938 gab es diskriminierende Bestimmungen und wachsenden Antisemitismus, getrieben durch Nazi-Deutschland und einheimische faschistische Gruppen. Dimitrije Ljotić und seine Bewegung Zbor verbreiteten antisemitische Propaganda, später eng mit der deutschen Besatzung. Milan Nedić, der faschistische „Retter" Serbiens, kooperierte 1941 bis 1944 mit den Nazis bei der Verfolgung der Juden.
Der Untergang Jugoslawiens 1941 beendete die liberale Phase. Aus der Zusammenarbeit von deutschen Besatzern und serbischen Kollaborateuren entstanden die Konzentrationslager Banjica und Sajmište und die systematische Ermordung von etwa 14.000 serbischen Juden, 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung Serbiens. Davon handeln Teil 10 dieser Reihe.
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Fazit: Verbündete, Mitbürger, dann Opfer
Zwischen 1917 und 1941 schwankte die serbisch-jüdische Beziehung zwischen Integration und Instrumentalisierung. Politiker wie Pašić, Vesnić und Alexander I. erkannten den Nutzen jüdischer Unterstützung und boten rechtliche Sicherheit. Jüdische Aktivisten wie Albala und Alkalay nutzten diese Gunst, um Zionismus und jüdische Rechte voranzutreiben. Doch die Beziehung war nie moralisch unantastbar. Sie beruhte auf Gegenseitigkeit: Serbien brauchte Verbündete, Juden brauchten Schutz. Als der Nationalsozialismus nach Jugoslawien kam, fiel die Schutzbehauptung zusammen. Die Politiker, die 1917 „Israel" gesagt hatten, waren tot oder im Exil. Die Kollaborateure, die 1941 die Juden verfolgten, waren neue Männer mit alten Vorurteilen. Die Geschichte der serbisch-jüdischen Beziehung ist eine Geschichte von Höhen und Abgründen, und wer nur die eine Seite erzählt, verfehlt die andere.
Quellen: Wikipedia: „Isaac Alcalay", „Israel-Serbia relations". JTA: „Grand Rabbi of Jugo-slavia Appointed Member of Senate" (1932) und „Isaac Alkalay Dead at 97" (1978). New York Times: „Isaac Alcalay Dies, Former Chief Rabbi" (1978). Encyclopedia.com: „Alcalay (Alkalaj), Isaac". Mishpacha: „Bulwark of the Balkans". CEU Jewish Studies: Ivo Goldstein, „Antisemitism and the Struggle for Equality". CEU History: „The Jewish Community and Antisemitism in the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenes/Yugoslavia 1918-1941". CEU Legal Studies: „Legal standing of churches and religious communities in the Kingdom of Yugoslavia". CEU History: Ana Pavlovic, „Sephardi Pride: Jewish Associational Networks and Ethnic Modernity in Interwar Sarajevo". Constitution of the Kingdom of Yugoslavia (1931).
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