Gesundheitsordnung27. Mai 2026ca. 9 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026
Impfquote vs. Übersterblichkeit: Der europäische Ländervergleich
Höhere Impfquote, höhere Übersterblichkeit? Die Daten sind komplizierter.
Die These klingt verführerisch: Je mehr geimpft wurde, desto mehr Menschen starben. Sie wurde im Thüringer Landtag vorgestellt, in sozialen Medien millionenfach geteilt, von Faktencheckern als irreführend eingestuft. Aber die eigentliche Frage ist komplizierter als alle drei Positionen. Was zeigen die europäischen Daten, wenn man sie weder für Panik noch für Beruhigung missbraucht?
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Die drei Erkenntnisphasen
Der europäische Ländervergleich zeigt keinen einfachen Zusammenhang. Stattdessen gibt es drei Phasen:
- 2020 (Pandemie): Niedrige Impfquote, hohe Übersterblichkeit
- 2021–2023 (Impfung): Hohe Impfquote, sinkende aber vorhandene Übersterblichkeit
- 2024–2025 (Post-Pandemie): Impfquote irrelevant, Übersterblichkeit bleibt
Jede Phase sagt etwas anderes über die Beziehung zwischen Impfung und Sterblichkeit. Wer nur eine Phase betrachtet, verfälscht das Bild.
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Die Thüringer Analyse: Steyer und Kappler
Am 17. November 2021 präsentierten Prof. Dr. Rolf Steyer und Dr. Gregor Kappler im Thüringer Landtag eine statistische Analyse. Sie untersuchten alle deutschen Bundesländer und fanden: Je höher die Impfquote, desto höher die Übersterblichkeit.
Die Methode: Korrelation zwischen Impfquote (zweite Impfung, Stand Herbst 2021) und Übersterblichkeit in den darauffolgenden Monaten. Das Ergebnis war statistisch signifikant.
Die Kritik kam sofort. Infosperber veröffentlichte eine Gegenanalyse, die zeigte: Die Korrelation verschwindet, wenn man den Zeitpunkt der Impfung mitberücksichtigt. Länder, die früh impften (Israel), hatten zuerst hohe Übersterblichkeit – weil sie zuerst die Delta-Welle erlebten. Länder, die später impften, hatten später die Übersterblichkeit. Die Impfung folgte der Welle, nicht umgekehrt.
Quelle: Infosperber: Corona-Übersterblichkeit und Impfverlauf passen nicht zusammen.
Was bleibt? Die Steyer/Kappler-Analyse ist methodisch ernstzunehmen, aber zeitlich begrenzt. Sie zeigt eine Korrelation in einem kurzen Fenster. Sie beweist keine Kausalität.
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Der europäische Blick: 15 Länder im Vergleich
Eurostat veröffentlicht monatlich Übersterblichkeitsdaten für alle EU-Mitgliedstaaten. Die folgende Tabelle zeigt die durchschnittliche Übersterblichkeit 2024 nach Ländern:
| Land | Impfquote (vollst.) 2022 | Übersterblichkeit 2024 | Anmerkung | |------|-------------------------|----------------------|-----------| | Bulgarien | ~30 % | Niedrig (Negativ) | Niedrige Impfquote, niedrige Übersterblichkeit | | Rumänien | ~40 % | Niedrig | Ähnliches Muster wie Bulgarien | | Kroatien | ~55 % | Moderat | Mittlere Impfquote, moderate Übersterblichkeit | | Polen | ~60 % | Moderat | Hohe COVID-Sterblichkeit 2020, moderate 2024 | | Deutschland | ~75 % | Moderat-hoch | Persistierende Übersterblichkeit | | Frankreich | ~78 % | Moderat | Leicht erhöht, aber stabil | | Italien | ~80 % | Moderat-hoch | Ähnlich wie Deutschland | | Spanien | ~82 % | Moderat | Niedriger als erwartet | | Portugal | ~85 % | Moderat | Frühe Impfung, spätere Stabilisierung | | Dänemark | ~82 % | Moderat | Frühe Impfung, frühe Übersterblichkeit | | Niederlande | ~72 % | Moderat-hoch | Hohe Übersterblichkeit 2023 | | Belgien | ~76 % | Moderat | Hohe Anfangsschwelle, später Rückgang | | Österreich | ~75 % | Moderat-hoch | Ähnlich wie Deutschland | | Schweden | ~73 % | Moderat | Lockdown-Lite-Strategie, andere Basis | | Finnland | ~78 % | Moderat | Nordisches Muster |
Die Tabelle zeigt: Es gibt keinen linearen Zusammenhang. Bulgarien und Rumänien haben niedrige Impfquoten UND niedrige Übersterblichkeit – aber auch eine völlig andere demografische Struktur, weniger alternde Bevölkerung und eine andere COVID-Erfahrung 2020.
Quelle: Eurostat Excess Mortality.
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Phase 1: 2020 – Die Pandemie ohne Impfung
2020 war das Jahr der niedrigen Impfquote und der hohen Übersterblichkeit. In ganz Europa starben deutlich mehr Menschen als erwartet. Bulgarien und Rumänien hatten die höchsten relativen Übersterblichkeiten – bei nahezu keiner Impfung.
Das Ärzteblatt veröffentlichte 2024 eine Analyse: In ärmeren europäischen Ländern mit niedriger Impfquote gab es den größten Anstieg der Mortalität. 2020 waren das 521.889 zusätzliche Todesfälle in Deutschland (+10,0 Prozent), in Bulgarien noch deutlich mehr im Verhältnis zur Bevölkerung.
Die Erkenntnis: 2020 war ein Pandemiejahr. Die Impfung existierte noch nicht. Die Übersterblichkeit war real und massiv.
Quelle: Ärzteblatt: Höhere Übersterblichkeit in ärmeren Ländern.
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Phase 2: 2021–2023 – Die Impfung und ihre Folgen
2021 begann die Massenimpfung. Die Ergebnisse waren gemischt:
- Israel: Frühster Impfstart, frühe Übersterblichkeit (Delta-Welle), spätere Stabilisierung
- Dänemark: Hohe Impfquote, moderate Übersterblichkeit, aber auch chargenabhängige Sicherheitssignale
- Deutschland: Hohe Impfquote, hohe Übersterblichkeit 2022, langsame Abnahme
- Bulgarien: Niedrige Impfquote, nach 2020 deutlich niedrigere Übersterblichkeit
Die Europäische Parlamentarier-Anfrage von 2023 (E-9-2023-003117) zitierte die OECD-Daten: In Ländern mit hoher Impfquote wie den Niederlanden, Australien, Neuseeland und Dänemark kam es 2023 zu hohen zusätzlichen Todesfällen.
Die Gegenposition: Infosperber zeigte, dass die Zeitverschiebung entscheidend ist. Länder impften, wenn die Welle kam. Die Übersterblichkeit folgte der Welle, nicht der Impfung.
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Phase 3: 2024–2025 – Impfquote irrelevant?
2024 und 2025 zeigen ein neues Muster: Die Impfquote spielt kaum noch eine Rolle. Die Übersterblichkeit ist ein europäisches Phänomen, das sich quer durch alle Impfquoten zieht.
Eurostat für Q4 2025: Die EU-Übersterblichkeit lag bei durchschnittlich 4,4 Prozent – niedriger als das 5,4 Prozent von Q4 2024, aber immer noch vorhanden. Die Spitzen im September-Oktober 2024 und Oktober 2025 betrafen Länder mit hohen UND niedrigen Impfquoten gleichermaßen.
Die neue Hypothese: Die Übersterblichkeit 2024/2025 hat möglicherweise weniger mit der Impfung zu tun als mit:
- Anhaltenden Behandlungsrückständen
- Einer geschwächten Allgemeinimmunität durch Isolation
- Grippewellen und HRSV
- Demografischem Druck
- Psychischer Belastung und Armut
Das bedeutet nicht, dass die Impfung unschädlich war. Es bedeutet, dass die einfache Erklärung "Impfung = Übersterblichkeit" nicht ausreicht.
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Die Charge-Frage: Warum Ländervergleiche schwierig sind
Ein Faktor, der in den meisten Ländervergleichen ignoriert wird, ist die Charge-Varianz. Nicht alle Impfdosen waren identisch. Wie wir in einem separaten Artikel zur Charge-Varianz zeigen, identifizierten schwedische und dänische Forscher chargenabhängige Sicherheitssignale.
Das Problem: Länder wie Bulgarien und Rumänien kauften oft andere Chargen als Deutschland oder Dänemark. Sie impften weniger, aber auch anders. Ein einfacher Ländervergleich über die Impfquote allein verfehlt diese Ebene vollständig.
Die stärkere Frage lautet nicht: "Haben geimpfte Länder mehr Tote?" Die stärkere Frage lautet: "Welche Länder welche Chargen mit welchen Ergebnissen erhielten – und wer wusste es?"
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Die Gegenstimmen: Was die Kritiker sagen
Kritik A: Die Übersterblichkeit ist demografisch normal Deutschland altert. Die Baby-Boomer-Generation erreicht das Sterbealter. Ein Anstieg von 20.000–30.000 Sterbefällen pro Jahr wäre normal. Aber nicht 60.000 über fünf Jahre.
Kritik B: Die Grippe erklärt alles Die Grippewelle 2022/23 war außergewöhnlich. Sie erklärt einen Teil der Übersterblichkeit 2022/23. Aber nicht die Persistenz bis 2025.
Kritik C: Ländervergleiche sind unzulässig Jedes Land hat unterschiedliche Gesundheitssysteme, Meldepraktiken, Alterspyramiden und COVID-Strategien. Direkte Vergleiche sind methodisch problematisch. Das stimmt – aber sie sind auch die einzige Möglichkeit, Muster jenseits nationaler Grenzen zu erkennen.
Kritik D: Es gibt keine Übersterblichkeit mehr Destatis sagt: Die Sterbefallzahlen 2024 und 2025 sinken. Das stimmt. Aber sie sinken auf ein Niveau, das immer noch deutlich über dem von 2019 liegt. Das ist keine Rückkehr zur Normalität. Das ist eine neue Normalität.
Der europäische Ländervergleich zeigt eines sehr klar: Die einfache Erklärung existiert nicht. Weder "die Impfung tötet" noch "die Impfung rettet allein" deckt die Datenlage ab.
Was die Daten zeigen:
- 2020 war die Pandemie der dominante Faktor
- 2021–2023 war die Situation komplexer: Impfung, Wellen, Behandlungsrückstände, Grippe
- 2024–2025 zeigen eine persistente Übersterblichkeit, die quer durch alle Impfquoten läuft
Was die Daten nicht zeigen:
- Eine kausale Kette von Impfung zu Übersterblichkeit
- Eine Entlastung der Impfung von jeder Verantwortung
- Eine einfache Erklärung für die Millionen zusätzlichen Todesfälle
Die einzige ehrliche Position ist: Wir wissen nicht alles. Wir wissen aber genug, um zu sagen, dass die Übersterblichkeit real ist, politisch ignoriert wird und wissenschaftlich nicht hinreichend aufgearbeitet ist.
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FAQ: Häufige Fragen zum Ländervergleich
Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Impfquote und Übersterblichkeit? Nein. Die Daten zeigen keine einfache lineare Beziehung. Bulgarien (niedrige Impfquote, niedrige Übersterblichkeit 2024) und Deutschland (hohe Impfquote, moderate Übersterblichkeit) sind nur zwei Beispiele unter vielen. Die Charge-Varianz, demografische Faktoren und Gesundheitssysteme spielen eine größere Rolle.
Warum hat Bulgarien eine niedrigere Übersterblichkeit als Deutschland? Mehrere Faktoren: Jüngere Bevölkerung, andere COVID-Erfahrung 2020 (höhere Sterblichkeit, die spätere Jahre relativ niedrig erscheinen lässt), andere Impfchargen, andere Meldepraktiken.
Was sagen die Steyer/Kappler-Daten heute? Die Analyse vom November 2021 war für den damaligen Zeitpunkt korrekt. Sie zeigte eine Korrelation. Ob diese Korrelation bis 2025 bestehen blieb, ist unbekannt, weil keine aktualisierte Analyse veröffentlicht wurde.
Sind Ländervergleiche überhaupt zulässig? Methodisch sind sie problematisch, aber nicht unmöglich. EuroMOMO und Eurostat standardisieren die Daten so weit wie möglich. Die wichtigste Regel: Keine harten Kausalitätsbehauptungen aus Korrelationen ableiten.
Was ist mit der Charge-Varianz? Das ist ein separater, wichtiger Faktor. Dänische und schwedische Studien zeigten chargenabhängige Sicherheitssignale. Mehr dazu im Charge-Varianz-Artikel.
Wer finanzierte die kritischen Studien? Schmeling, Manniche und Hansen (Dänemark) arbeiteten unabhängig. Jablonowski und Hooker (USA) veröffentlichten peer-reviewed. Steyer und Kappler präsentierten im Thüringer Landtag. Infosperber ist ein unabhängiges Medium. Alle Quellen haben eigene Interessen. Deshalb zitieren wir sie alle.
Sigma
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