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Geopolitik29. April 2026ca. 9 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Esther Project: Wie Israel sich eine Social-Media-Armee kaufte – und was die FARA-Akten verraten

Code-Namen. Delaware-Firmen. Bis zu 900.000 Dollar für US-Influencer. Das Esther Project ist die bisher am besten dokumentierte staatliche Influencer-Kampagne Israels.

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*Wenn ein Staat eine PR-Firma gründet, um Influencer zu rekrutieren, die sein Narrative verbreiten sollen, ohne dass das Publikum es merkt – nennst du das noch Öffentlichkeitsarbeit? Oder nennst du es, was es ist: Einflussoperation?*

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Die Firma: Eine Delaware-Gründung mit israelischem Herz

Bridges Partners LLC wurde im Juni 2025 in Delaware gegründet. Eigentümer: Uri Steinberg und Yair Levi, israelische Berater mit Verbindungen zur Regierung. Die Firma erhielt fast 200.000 US-Dollar als Anzahlung – und die Verträge sahen Zahlungen von bis zu 900.000 US-Dollar über mehrere Monate vor.

Die Durchführung lief nicht direkt. Sie lief über Havas Media Group Germany, eine globale PR-Agentur mit deutschem Sitz. Das ist ein klassisches Schichtmodell: Der Staat (Israel) → der globale Konzern (Havas) → die Spezialfirma (Bridges) → die Influencer. Jede Schicht macht die nächste undurchsichtiger.

Laut FARA-Unterlagen war das Ziel der Firma: "Assistance with promoting cultural interchange between the United States and Israel." Das ist die harmloseste mögliche Beschreibung für das, was tatsächlich passierte: Die Rekrutierung und Koordination von US-basierten Social-Media-Influencern, die pro-israelische Inhalte verbreiten sollten – ohne transparent zu machen, dass sie von der israelischen Regierung finanziert wurden.

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Das Budget: 900.000 Dollar für eine digitale Armee

Die FARA-Dokumente enthalten einen detaillierten Zahlungsplan, der zeigt, wie methodisch dieser Apparat aufgebaut wurde:

| Phase | Budget | Zweck | |-------|--------|-------| | Upfront | 60.000 USD | Rekrutierung von Influencern, Konzeptentwicklung | | Entwicklung | 140.000 USD | 5-6 Influencer beginnen mit Postings | | Monatlich | bis 250.000 USD | Influencer-Honorare, Produktion, Agenturkosten | | Abschluss | 50.000 USD | Nachbereitung, Kampagnenberichte | | Gesamt | bis 900.000 USD | Komplette Influencer-Offensive |

Diese Zahlen sind keine fantasievollen Schätzungen. Sie sind Budgetposten in einem offiziellen US-Registrierungsdokument. Die Quincy Institute for Responsible Statecraft berechnete daraus einen Durchschnitt von 6.000 bis 7.000 US-Dollar pro Post – eine Zahl, die von pro-israelischen Fact-Checkern wie HonestReporting zwar als "schlechte Mathematik" kritisiert wurde, weil das Budget auch Produktionskosten enthielt. Aber selbst wenn man diese Kosten abzieht: Es bleibt ein signifikanter Betrag, der direkt in den Mund von Social-Media-Persönlichkeiten floss.

Die geplante Auslastung: 25 bis 30 Posts pro Monat pro Influencer, auf Instagram, TikTok und anderen Plattformen. Später sollte das Netzwerk ausgebaut werden – mit "Matching mit israelischen Content-Partnern" und Partnerschaften mit US-Marketing-Agenturen.

Das ist keine spontane Reaktion auf einen Vorfall. Das ist eine langfristige Strategie, um die digitale Wahrnehmung Israels in den USA zu formen.

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Die Namen: Wer war dabei

Im September 2025 traf sich Benjamin Netanyahu in New York City mit einer Gruppe von US-basierten jüdischen Influencern. Das Treffen fand während der UN-Generalversammlung statt. Die anwesenden Influencer wurden gebeten, "Lügen online zu bekämpfen" und eine "einheitliche Front in der Diaspora" zu projizieren.

Fotos des Treffens zeigen bekannte Namen:

  • Lizzy Savetsky: Mode- und Lifestyle-Influencerin, die sich zu einer prominenten Israel-Stimme rebranded hat
  • Ari Acker: Betreiber eines beliebten News-Explainer-Accounts
  • Zach Sage Fox: Bekannt für pro-israelische Video-Inhalte
  • Miriam Ezagui: Krankenschwester mit jüdischen Lifestyle-Inhalten
  • Joyce Chabb: Digitale Creatorin, die ihre Arbeit als "Advocacy gegen Antisemitismus" beschreibt

Diese Treffen waren keine Gelegenheitsbegegnungen. Sie waren die sichtbare Spitze eines strukturierten Programms, das Bridges Partners im Hintergrund koordinierte. Netanyahu selbst bestätigte die Bedeutung dieser Influencer: "Our influencers... they are very important." Und er fügte hinzu: "We have to fight with the weapons that apply to the battlefields in which we engage, and the most important ones are on social media."

Der Premierminister eines Landes nannte bezahlte Social-Media-Creator Waffen. Das ist keine Metapher. Das ist eine Doktrin.

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Die Parallelwelt: Brad Parscale und die KI-Propaganda

Das Esther Project war nicht die einzige Operation. Parallel dazu registrierte sich Clock Tower X LLC, die Firma von Brad Parscale – dem ehemaligen Digitaldirektor von Donald Trumps Wahlkampagnen – ebenfalls als ausländischer Agent für Israel. Sein Vertrag: 1,5 Millionen US-Dollar pro Monat für "strategische Kommunikation" gegen Antisemitismus in den USA.

Parscale versprach:

  • 100 Anzeigen oder Content-Stücke pro Monat
  • 5.000 Variationen dieser Anzeigen (ein Output, der nur durch automatisierte KI-Tools möglich ist)
  • Monatliche SEO-Kampagnen mit der KI-Plattform MarketBrew
  • Beeinflussung von GPT-basierten Chatbots

Das bedeutet: Israel kaufte sich nicht nur menschliche Influencer. Es kaufte sich auch algorithmische Influencer. KI-generierte Inhalte, die menschliche Meinungen formen sollen, ohne dass der Empfänger merkt, dass sie von einer Maschine stammen, die von einer ausländischen Regierung bezahlt wird.

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Die Methode: Wie gekaufte Meinung wie organische aussieht

Der Kern des Esther Project war nicht die Bezahlung an sich. Der Kern war die Verbergung der Bezahlung. Die Influencer sollten nicht als "bezahlte Agenten der israelischen Regierung" auftreten. Sie sollten als authentische Stimmen erscheinen – als junge, engagierte Amerikaner, die aus Überzeugung sprechen.

Das ist der Unterschied zwischen Werbung und Propaganda:

  • Werbung sagt: "Das wird bezahlt."
  • Propaganda sagt: "Das ist meine ehrliche Meinung."

Die FARA-Dokumente zeigen, dass das Projekt explizit auf diese Verschleierung angelegt war. Die Influencer sollten nicht direkt mit der Regierung verbunden werden, sondern über mehrere Ebenen – Bridges Partners, Havas, deutsche Tochterfirmen – entkoppelt werden. Jede Schicht schützte die vorherige. Jede Schicht machte die Quelle unsichtbarer.

Das ist keine Innovation. Das ist das klassische Foreign-Agent-Modell, das schon von Sowjetunion, China und Russland verwendet wurde – nur diesmal mit TikTok statt Zeitung und mit Delaware-Firmen statt Komintern.

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Die Kritik: Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Das Esther Project löste kontrollierte Kritik aus. Die Quincy Institute, eine linksliberale Denkfabrik, brachte die FARA-Dokumente an die Öffentlichkeit und kritisierte die mangelnde Transparenz. FakeReporter, eine israelische Watchdog-Gruppe, identifizierte weitere Netzwerke inauthentischer Accounts, die israelische Narrative verbreiteten.

Aber die systematische Antwort blieb aus. Die US-Regierung unternahm keine Schritte gegen die Influencer, die als unregistrierte ausländische Agenten operierten. Die Social-Media-Plattformen löschten einzelne Fake-Accounts – aber nicht das System, das sie erzeugte. Und die Öffentlichkeit? Die Öffentlichkeit scrollte weiter.

Denn das wahre Genie des Esther Project liegt nicht in seiner Technik. Es liegt in seiner Normierung. Wenn ein Staat offen Influencer kaufen kann, ohne dass dies einen politischen Skandal auslöst, dann ist der Skandal nicht mehr die Tat. Der Skandal ist die Gleichgültigkeit.

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Der faire Einwand: Ist das nicht normale Diplomatie?

Man kann argumentieren: Jeder Staat macht Öffentlichkeitsarbeit. Die USA finanzieren Voice of America. Russland hat RT. China hat CGTN. Warum ist Israels Esther Project anders?

Der Unterschied liegt in der Verkleidung.

Voice of America sagt: "Ich bin staatlicher Sender." RT sagt: "Ich bin staatlicher Sender." Das Esther Project sagt: "Ich bin Lizzy. Ich bin Zach. Ich bin ein normaler Amerikaner, der seine Meinung teilt."

Das ist der qualitative Sprung. Nicht von Öffentlichkeitsarbeit zu Propaganda, sondern von offener zu verdeckter Beeinflussung. Wenn der Empfänger nicht weiß, dass er ein Ziel ist, kann er seine Abwehr nicht aktivieren. Er kann nicht fragen: "Wer finanziert diese Meinung?" Denn die Meinung erscheint nicht als finanziert. Sie erscheint als organisch.

Und genau darin liegt das Problem: Demokratie setzt voraus, dass Bürger wissen, wer sie beeinflusst. Wenn diese Voraussetzung durch verdeckte Agenten untergraben wird, wird die öffentliche Meinung zur öffentlichen Manipulation.

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Was daraus folgt: Dein Feed ist kein Zufall

Wenn du das nächste Mal einen TikTok-Clip siehst, in dem ein sympathischer junger Amerikaner erklärt, warum Israels Handeln in Gaza "komplex, aber gerechtfertigt" ist – stell dir drei Fragen:

  1. Wer hat ihn ausgewählt?
  2. Wer hat ihn geschult?
  3. Wer hat ihn bezahlt?

Die Antwort könnte in Delaware liegen. Oder in Tel Aviv. Oder in einer deutschen Tochtergesellschaft einer globalen PR-Agentur. Die Antwort ist nie: "Niemand. Er spricht einfach aus Überzeugung."

Denn Überzeugung ist nicht planbar. Überzeugung lässt sich nicht in 25 Posts pro Monat skalieren. Überzeugung gründet nicht auf Upfront-Zahlungen von 60.000 Dollar und monatlichen Budgets von 250.000 Dollar.

Das Esther Project hat gezeigt, was möglich ist. Es hat gezeigt, dass ein Staat heute nicht mehr Zeitungen kaufen muss, um die öffentliche Meinung zu formen. Er kauft Menschen. Und er kauft sie so, dass niemand merkt, dass sie verkauft sind.

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Die Lektion aus den FARA-Akten

Netanyahu nannte die Influencer Waffen. Und wie bei jeder Waffe gilt: Wer sie nicht sieht, kann sich nicht verteidigen.

Das Esther Project ist nicht vorbei. Die FARA-Akten dokumentieren nur eine Phase. Die Struktur bleibt. Die Firmen bleiben. Die Budgets werden jährlich erhöht – von 150 Millionen auf 520 Millionen auf 730 Millionen Dollar. Das nächste Projekt wird nicht Esther heißen. Es wird einen anderen Code-Namen haben. Aber die Logik wird identisch sein.

Der Sigma liest nicht die Postings. Er liest das System, das die Postings hervorbringt. Und dieses System sagt laut und deutlich: Dein Feed ist kein Spiegel deiner Welt. Er ist ein Produkt, das dir verkauft wird – von Leuten, die du nicht kennst, für Zwecke, die sie dir nicht nennen.

Wer das versteht, versteht, warum Transparenz keine Option ist. Sie ist eine Bedingung für freie Meinungsbildung. Und genau diese Bedingung wird systematisch untergraben – nicht mit Gewalt, sondern mit Geld. Nicht mit Zensur, sondern mit Verpackung.

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Anschluss – Die Hasbara-Influencer-Serie

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Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

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Esther-Project-Gruppe: Alle bezahlten Influencer im Überblick

Das Esther Project rekrutierte 14-18 US-Influencer für bis zu 900.000 Dollar. Lizzy Savetsky, Zach Sage Fox, Miriam Ezagui und andere – hier ist die komplette Übersicht aller bekannten Namen, ihrer Profile und ihrer Methoden.

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