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Geopolitik07. Februar 2026ca. 7 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Teil 2: Hasbara-Apparat – Wer ausbildet, wer zahlt, wer verbreitet

Teil 2 einer Serie. Hasbara ist kein Geheimnis. Sie ist Staatspolitik – mit Budget, Ausbildung und globalen Netzwerken.

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*Dies ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie über den Informationskrieg um Gaza.*

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Was Hasbara wirklich ist – und was nicht

Hasbara ist keine Einzelaktion. Sie ist ein Dauerbetrieb. Sie umfasst Pressearbeit, diplomatische Kommunikation, akademische Kooperationen, Social-Media-Kampagnen, Influencer-Beziehungen, Journalistenreisen, Campus-Programme und Online-Aktivismus. Ihr Ziel ist nicht die objektive Darstellung Israels – das wäre illusorisch für jeden Staat. Ihr Ziel ist die Steuerung der internationalen Wahrnehmung in eine Richtung, die israelischen Interessen entspricht.

Das ist nicht per se verwerflich. Jeder Staat betreibt Öffentlichkeitsarbeit. Deutschland hat das Goethe-Institut, Frankreich die Alliance Française, China die Konfuzius-Institute. Der Unterschied liegt nicht im Prinzip, sondern in der Intensität, der Finanzierung, der Verzahnung mit politischen Entscheidungsprozessen und der Art und Weise, wie Kritik behandelt wird.

Hasbara wird problematisch dort, wo sie von Aufklärung zur Delegitimierung übergeht – wo Kritik an israelischer Regierungspolitik nicht als politische Position, sondern als Desinformation, Antisemitismus oder Feindschaft markiert wird. Genau dieser Übergang ist der Kern des modernen Informationskriegs.

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Die staatliche Ebene: Ministerien und Koordination

Das israelische Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und der Kampf gegen Antisemitismus koordiniert einen Großteil der internationalen Hasbara-Arbeit. Es verfügte in jüngeren Jahren über ein Budget in der Größenordnung von mehreren hundert Millionen Schekel jährlich – umgerechnet Dutzende Millionen Euro. Ein Teil davon fließt direkt in Programme, die politische Positionen Israels in internationalen Medien verbreiten, Campus-Gruppen stärken und jüdische Gemeinden im Ausland aktivieren.

Diese Budgets sind nicht geheim. Sie sind in den israelischen Staatshaushalten dokumentiert. Aber ihre Verteilung – welcher Anteil fließt in direkte PR, welcher in „Gemeindestärkung", welcher in politische Kampagnen – ist weniger transparent.

Die IDF-Sprechereinheit ist eine eigene Machtfaktor. Sie produziert täglich Inhalte für internationale Medien, gibt Journalisten Zugang zu militärischen Operationen und kontrolliert, was davon berichtet werden darf. Während des Gazakriegs 2023–2024 wurde diese Einheit massiv aufgestockt. Sie produzierte eigene Videos, infographische Darstellungen und Social-Media-Threads, die direkt an internationale Zielgruppen adressiert waren.

Das Koordinierungsbüro für die Regierungsarbeit in den Territorien (COGAT) veröffentlicht Daten zu humanitären Lieferungen, die internationalen Organisationen oft widersprechen. Diese Zahlen werden von Hasbara-Aktivisten weltweit zitiert, um die Behauptung zu untermauern, Israel würde humanitäre Hilfe ermöglichen – während unabhängige Organisationen wie Oxfam, das Welternährungsprogramm und UN-OCHA von systematischen Blockaden und Verzögerungen berichten.

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Die private Ebene: Organisationen, Fellowships und Campus-Programme

Neben dem Staat existiert ein Netzwerk privater und halbprivater Organisationen.

StandWithUs trainiert Studenten und Aktivisten, Israel auf Campus und in sozialen Medien zu verteidigen. Sie lehrt, wie man Kritik an Israel als Antisemitismus umdeutet und BDS-Bewegungen delegitimiert. Quelle: StandWithUs über uns.

The Israel Project – inzwischen reorganisiert, aber historisch einflussreich – produzierte Strategiepapiere, die gezielt Formulierungen testeten, die Israel in Umfragen positiver erscheinen ließen. 2009 wurden ihre Dokumente von der *Electronic Intifada* geleakt. Sie empfehlen beispielsweise, den Begriff „Siedlungen“ durch „Wohngebiete“ zu ersetzen. Quelle: Electronic Intifada – Leaked Documents.

Hasbara Fellowships finanzieren junge Menschen für Reisen nach Israel, bei denen sie politische Führungskräfte treffen und anschließend als Multiplikatoren in ihren Heimatländern wirken sollen.

AIPAC in den USA ist der mächtigste diasporische Akteur. Es ist ein Lobbyverband, der amerikanische Politiker finanziert. AIPAC gab in Wahlkampfjahren Spenden in der Größenordnung von über 100 Millionen US-Dollar aus. Aber AIPAC ist mehr als Geld: Es ist ein Netzwerk, das politische Karrieren machen oder brechen kann, das Medienzugänge kontrolliert und das in strategischen Momenten koordinierte Kommunikationskampagnen fährt. Quelle: AIPAC.

In Europa existieren Parallestrukturen: Die European Jewish Congress, der World Jewish Congress, nationale israelische Botschaften mit eigenen Presseabteilungen und zunehmend digitale Einheiten, die direkt in sozialen Medien operieren.

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Online-Brigaden und digitale Aktivismus-Einheiten

Seit den 2010ern existieren koordinierte Online-Gruppen. Sie organisieren sich in WhatsApp-Gruppen, Telegram-Kanälen und Discord-Servern. Ihre Aufgabe: Artikel teilen, Kommentarspalten füllen, Hashtags pushen, kritische Stimmen markieren und Massenmeldungen initiieren.

Diese Einheiten sind nicht staatlich im engeren Sinne, aber ihre Koordination mit staatlichen Akteuren ist dokumentiert. In Krisenmomenten verschmelzen staatliche und zivile Hasbara-Aktivitäten zu einer gemeinsamen Kampagnenlogik.

Die Methoden:

  • Astroturfing: Gefälschte Graswurzelbewegungen, die als spontane Zivilgesellschaft erscheinen.
  • Sealioning: Endlose, höfliche Nachfragen, die Kritiker ermüden.
  • Massenmeldung: Koordinierte Meldeaktionen auf X, TikTok, Instagram und Facebook, die algorithmische Sperren auslösen.
  • Kontext-Injektion: Das Einfügen von israelischen Kontextinformationen in jede Gaza-Diskussion.

Diese Methoden sind nicht einzigartig für Israel. Aber ihre Professionalisierung im israelischen Kontext ist bemerkenswert, weil sie auf einer Kombination aus staatlicher Finanzierung, diasporischer Mobilisierung und technologischer Kompetenz beruht.

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Die Finanzierung: Wer zahlt

  • Das israelische Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten: Budget in der Größenordnung von Hunderten Millionen Schekel jährlich.
  • AIPAC: über 100 Millionen US-Dollar in Wahlkampfjahren.
  • Private Stiftungen: Adelson Foundation, Maccabee Task Force und andere finanzieren gezielt Campus-Programme und digitale Kampagnen.
  • Die israelische Regierung erhöhte nach Oktober 2023 explizit die Budgets für internationale Kommunikation.

Diese Zahlen sind in Jahresberichten und Steuerunterlagen dokumentiert. Aber sie werden in der öffentlichen Debatte über Gaza selten als Kontext genannt.

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Die Legitimitätsfrage: Wo endet Aufklärung, wo beginnt Kontrolle?

Hasbara an sich ist nicht das Problem. Das Problem beginnt dort, wo sie:

  • Kritik an Regierungspolitik als Antisemitismus delegitimiert,
  • Fakten selektiv präsentiert, ohne Gegenpositionen fair darzustellen,
  • Journalisten, Akademiker und Politiker durch Anreize steuert,
  • Online-Aktivismus mit algorithmischen Massenmeldungen verbindet, um kritische Stimmen unsichtbar zu machen,
  • historische Narrative wie die Nakba systematisch ausblendet oder umdeutet.

Diese Grenze ist fließend. Sie wird nicht durch einzelne böse Akteure überschritten, sondern durch eine kumulative Logik, in der jeder Akteur nur seinen Teil beiträgt, aber das Gesamtergebnis eine systematische Verzerrung der Wahrnehmung ist.

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Was daraus im Alltag folgt

Wenn du künftig über Israel oder Gaza liest, stell fünf Fragen:

  1. Wer finanziert die Quelle?
  2. Wer hat den Experten ausgewählt?
  3. Welche Position wird nicht dargestellt?
  4. Wie wird Kritik behandelt?
  5. Wer profitiert von dieser Darstellung?

Diese Fragen ersetzen keine Fachkenntnis. Aber sie schützen vor der einfachsten Falle: dem Glauben, dass eine Seite die Wahrheit hat und die andere nur lügt.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist Hasbara?

Hasbara ist das hebräische Wort für „Erklärung“ oder „Darlegung“. In der Praxis ist sie die offizielle israelische Staatspolitik der internationalen Öffentlichkeitsarbeit.

Was ist AIPAC?

AIPAC ist der mächtigste pro-israelische Lobbyverband in den USA. Er gab in Wahlkampfjahren über 100 Millionen US-Dollar aus und kontrolliert politische Karrieren durch primäre Herausforderungen.

Was ist StandWithUs?

Eine Organisation, die Studenten trainiert, Israel zu verteidigen und Kritik als Antisemitismus umzudeuten.

Was sind Online-Brigaden?

Koordinierte Gruppen, die Massenmeldungen, Astroturfing und Kontext-Injektion betreiben.

Was kostet der Hasbara-Apparat?

Das Diaspora-Ministerium verfügt über ein Budget von Hunderten Millionen Schekel jährlich. AIPAC gibt über 100 Millionen USD aus.

Was ist der Unterschied zwischen Hasbara und Desinformation?

Hasbara ist legitime Staatspublicity. Sie wird problematisch, wenn sie Kritik delegitimiert, Fakten selektiv präsentiert oder kritische Stimmen algorithmisch unsichtbar macht.

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Was der Hasbara-Apparat über Macht verrät

Hasbara ist kein Schatten. Sie ist ein Schattenwurf – und manchmal ein Scheinwerfer. Sie beleuchtet, was sie beleuchten will, und lässt im Dunkeln, was ihr nicht passt. Wer verstehen will, wie der Gazakrieg wahrgenommen wird, muss verstehen, dass diese Wahrnehmung nicht spontan entsteht. Sie wird gebaut, finanziert, trainiert und verbreitet.

Das macht Hasbara nicht automatisch böse. Aber es macht sie mächtig. Und Macht verdient Prüfung – nicht als Angriff, sondern als Methode. Der Sigma liest nicht die Schlagzeile. Er liest die Struktur, die die Schlagzeile hervorgebracht hat.

Wer das Narrativinstrument Gazawood verstehen will, liest den ersten Teil. Wer die digitale Dimension vertiefen will, liest den dritten Teil. Wer den deutschen Kontext verstehen will, liest den vierten Teil.

Neuere Artikel zur Hasbara-Offensive:

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Anschluss – Die Hasbara-Influencer-Serie

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Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

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Zum Weiterdenken

Was bleibt offen?

Wo zieht man bei Hasbara die Grenze zwischen legitimer Staatspublicity und systematischer Narrativkontrolle?

Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.

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